OFARINs Hilfsprojekte, auch zur Bewaldung, laufen gut – droht nun auch deutsche Bürokratie?

Im letzten Bericht („Die Taliban-Führung ist gespalten“)  habe ich Ihnen über das Umfeld berichtet, in dem sich unsere Aktivitäten abspielen, also über die Politik der afghanischen Regierung. Dort gibt es sehr weitsichtige und kluge Ansätze, die sich aber bisher nicht gegen die Politik des Emirs Haibatullah, des Staatsoberhauptes Afghanistans, durchsetzen konnten. Der Emir versucht die furchtbaren Zustände zur Zeit der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 wiederherzustellen, weil er glaubt, dass diese dem Scharia-Recht entsprechen. Mächtige innertalibanische Gegner des Emirs vermeiden die offene Konfrontation, um die Herrschaft der Taliban nicht zu gefährden und um Bürgerkrieg zu vermeiden, den die Taliban und auch die Bevölkerung fürchten.

Das Bemühen der Taliban, eine afghanische Staatlichkeit aufzubauen, hat der Bürokratie das Überleben im islamischen Staat gesichert. Die Beamtenherrlichkeit durchwucherte in Afghanistan die Monarchie, die Republik, den Kommunismus, den Bürgerkrieg, die Demokratie und jetzt auch den islamischen Staat.

OFARINs Personal hat sich flexibel auf den talibanischen Staat und seine bürokratischen Auswüchse eingestellt. Konfrontationen mit der Obrigkeit vermeiden wir. Wir versuchen den Beamten zu geben, was sie haben wollen – allerdings kein Schmiergeld. Die Beamten wissen, dass wir erfolgreich und korrekt arbeiten und respektieren, dass wir es ihnen nicht zu schwer machen wollen. Unsere Schulklassen in Kabul werden häufig von Beamten besucht. Einige sprechen sogar von einer engeren Zusammenarbeit von OFARIN und ihrem Ministerium.

In Khost haben wir uns mit der afghanischen Hilfsorganisation ODIA (= Organisation for Development and Infrastructure in Afghanistan) zusammengetan, zu der beste personelle Beziehungen bestehen. ODIA betreibt u.a. selber Schulen. Wir können jetzt unter dem Schirm von ODIA Klassen laufen lassen, die unter unserem Namen und nach unseren Regeln arbeiten. Bei der Unterzeichnung des Vertrages zwischen ODIA und OFARIN bot der für das Schulwesen der Provinz Verantwortliche an, in staatlichen Schulen von Khost jeweils einen Raum für OFARIN zur Verfügung zu stellen, in dem wir eigene Klassen betreiben dürfen.

Solche Zusagen höherer Beamten muss man nicht überbewerten. In Khost sind schon viele Verantwortliche für das Schulwesen ausgetauscht worden. OFARIN hat bisher nur eine Jungen- und eine Mädchenklasse in Khost und noch kein Personal, das weitere Klassen als Trainer betreuen kann. Wir können dort nicht sofort viele Klassen aus dem Boden stampfen.

Wir müssen aber dafür sorgen, dass unser Unterrichtsprogramm in Khost wächst. OFARIN muss den Vorschusslorbeeren gerecht werden. Die Lehrbücher, die wir benutzen, müssen überarbeitet werden. Unser Unterrichtsprogramm muss erweitert werden, so dass man in absehbarer Zeit bei OFARIN eine Grundbildung erwerben kann, die alle schulischen Voraussetzungen für ein nichtakademisches Berufsleben bietet.

Wir hoffen, dass die weitsichtigen Taliban, einen Weg finden, die frauenfeindliche Politik des Emirs zu beenden. Dann muss OFARIN bereit sein, sich wesentlich an der Verbesserung des Unterrichtswesens zu beteiligen. Wenn eine in Afghanistan tätige Organisation in der Lage ist, einen guten Schulunterricht zu organisieren, dann ist das OFARIN.

Auch unsere Anpflanzungen von Walnussbäumen in Khost sind vorbildlich (hier im Nov 24). Als wir unsere Pläne für das Gebiet Dzadzi Maidan vorlegten, erhöhte der Minister die Anzahl der zu pflanzenden Bäume auf 40.500. Wir mussten stattdessen unseren Personalaufwand senken. Das Gebiet, in dem wir arbeiten, erstreckt sich über 5 bis 6 qkm gebirgiges Gelände. Für jeden Baum wird eine Grube von 300 cm x 80 cm und 40 cm Tiefe angelegt, bevor ab Januar die Setzlinge eingepflanzt werden. Die Maße sind in Dzadzi Maidan etwas anders als in Tani, wo wir im letzten Jahr gepflanzt haben. Der Boden in Dzadzi Maidan ist mit kleinen Steinen durchsetzt. Das macht die Arbeit schwer.

Es muss verhindert werden, dass Vieh in das Gebiet getrieben wird. Drei Jahre lang werden sich Männer im Pflanzgebiet aufhalten und dafür sorgen. Die achten auch darauf, dass die Gruben ihre Funktion als Flüssigkeitsreservoir erfüllen. Setzlinge, die nicht anwachsen, werden sie austauschen. Auch werden 30 Fortbildungen in den verschiedenen Weilern des Pflanzgebietes abgehalten. Mit der betroffenen Bevölkerung wird über die Vorteile der Wiederbewaldung diskutiert. Wir haben eine solche Fortbildung in Tani besucht. Da wird wirklich „was rübergebracht“ (hin, aber auch zurück).

Das Anlegen von zehntausenden von Gruben und dann das Setzen der Bäumchen und später die Bewachung des Gebietes und die Arbeit mit den Einwohnern erfordert erheblichen organisatorischen Aufwand. Die Mitarbeiter von OFARIN bewältigen das glänzend. Wir haben in Khost auch andere Anpflanzungsprojekte gesehen. Die sind alle viel kleiner. Nach der Pflanzung der Setzlinge hat man dort stets den Namen der ausführenden Organisation mit weiß angestrichenen Steinen auf eine Wiese gelegt, so dass ihn jeder lesen muss. Danach hat man sich nicht weiter um sein Werk gekümmert. Höchstens die Hälfte der Bäume wuchs an.

Hier ein Eichen-Pflänzchen

Dank der Kontrolle des Pflanzgebietes in Tani durch Mitarbeiter von OFARIN fiel auf, dass an vielen Stellen wieder Bäumchen keimten, die früher hier einen dichten Wald gebildet hatten. Grund war das Fernhalten des Viehs von den Pflanzflächen. Die Tiere fraßen die keimenden Pflänzchen nicht mehr weg. Zwischen den Nussbäumen haben viele Sorten von Bäumen, die früher hier gewachsen waren, wieder eine Chance.

Im sehr schroffen Pflanzgebiet von Tani verursachen plötzliche Niederschläge immer wieder Sturzfluten in sonst trockenen Falten von Berghängen. Jedes Mal werden große Mengen Mutterboden weggespült. OFARIN will diese Erosion durch Steinmauern eindämmen, die von Maschendraht zusammengehalten werden.

Im Pflanzgebiet von Dzadzi Maidan stehen viele Olivenbäume. Deren Früchte sind winzig. Sie eignen sich nicht zur Produktion von Olivenöl. Aber den Olivenbäumen kann man Zweige aus dem Mittelmeergebiet aufpfropfen und so Öl gewinnen. Solche Bemühungen wollen wir anregen und begleiten.

Leider werden unsere Aktivitäten beständig durch Eingriffe in den Zahlungsverkehr behindert. Man will verhindern, dass wir Terroristen mit Geld versorgen, was wir auch nicht wollen. Wir können die Räume, in denen unser Unterricht läuft, nicht heizen. In Khost schaufeln täglich einige Hundert Männer Gruben, in die je ein Nussbaum gepflanzt werden soll. Wir müssen diese armen Teufel vertrösten. Und wir wissen nicht, wie wir die Setzlinge bezahlen sollen. Wir haben ausreichend Geld in Deutschland, aber nichts in Afghanistan.

Angesichts der bevorstehenden Festtage wollte ich mit friedfertigen Tönen schließen. Also verkneife ich mir meine Wut auf die Banken und auf diejenigen, die die Banken dazu nötigen, brave Kunden wie Untersuchungsgefangene zu behandeln. Hat sich die Geschichte im Januar noch nicht in Wohlgefallen aufgelöst, werde ich Ihnen hemmungslos meine Wut offenbaren. Hat sich alles erledigt, werde ich die jetzige unerfreuliche Lage schon ziemlich vergessen haben. Ich hoffe, auf diesen Ausgang des Geschehens.

Ihnen allen wünsche ich ein Frohes Weihnachtsfest und alles Gute zum Neuen Jahr 2025.

Herzliche Grüße,

Peter Schwittek


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