Die Taliban-Führung ist gespalten

Jetzt stehen wir erneut  vor der Heimreise aus Afghanistan. Da sollte man endlich Bilanz ziehen. Ich beginne beim Umfeld unseres Tuns, bei der Politik der afghanischen Regierung, also bei den Taliban.

Die Einschätzung, dass die Taliban-Führung in sich gespalten ist, ist sicher zutreffend: Bedeutende Führer der Taliban haben sich für eine bessere schulische und akademische Ausbildung der gesamten Jugend – auch der Frauen und Mädchen – und zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit anderen Ländern ausgesprochen. Dem gegenüber steht der Emir Haibatullah, der in Kandahar residiert. Er ist das Staatsoberhaupt Afghanistans.

Seit seiner Einsetzung, mehrere Wochen nach der Machtergreifung der Taliban, überrumpelt er die Bevölkerung, aber auch die anderen Taliban-Führer, mit Erlassen, die die Ausbildung von Frauen und Mädchen in brutaler und unsinniger Weise einschränken. Mädchen erlaubt er nur eine elementare Schulbildung. Er besteht aber auch auf strikter Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum. Frauen dürfen nur von Ärztinnen untersucht werden. Die wird es aber in absehbarer Zeit nicht mehr geben, da sie nicht ausgebildet werden dürfen.

Anfang Dezember hat der Emir erneut zugeschlagen und die Ausbildung von Hebammen, Krankenschwestern und Zahnärztinnen verboten. Der Erlass war in einer unerträglichen Diktion verfasst. Er schloss damit, dass dazu Fragen oder Diskussionen nicht erlaubt sind.

Die anderen Taliban-Führer reagieren darauf zurückhaltend. Sie befürworten die nationale Aussöhnung, auch mit ehemaligen Kriegsgegnern, und die Gleichbehandlung der Ethnien. Es ist nachvollziehbar, dass viele Menschen diese für Afghanistan ungewöhnlich weitsichtigen und friedfertigen Prinzipien noch nicht verinnerlichen konnten. Aber ihr einsichtiges Vorgehen dürfte die meisten Taliban-Führer auch davon abhalten, spontan und unüberlegt auf die Befehle des Emirs zu reagieren. Ihnen ist klar, dass die direkte Konfrontation angesichts des Starrsinns des Staatsoberhauptes höchstwahrscheinlich zum Zusammenbruch der Taliban-Herrschaft, zu Chaos und Bürgerkrieg führen würde. Das will niemand in Afghanistan.

Der Verteidigungsminister und der Innenminister setzen ihre Machtmittel lieber nicht ein. Sie bauen sich zusätzliche persönliche Milizen auf und warten ab. Der Emir ist – egal wie bedeutend oder unbedeutend er vor seiner Ernennung war – jetzt auch eine religiöse Autorität. Er hat sich Einfluss in der Religionspolizei und im Geheimdienst geschaffen. Der Klerus bestimmt das Denken großer Teile der Bevölkerung. Er verspricht sich vermutlich Vorteile und mehr Macht davon, sich hinter den Emir zu stellen.

Dieses Patt herrscht seit drei Jahren, in denen der Emir mit immer neuen frauen- und auch allgemein menschenfeindlichen Erlassen die Welt überrascht. So sind auch Freundschaften von Gläubigen mit Ungläubigen verboten. Die Entwicklung geht seit drei Jahren immer in die reaktionäre Richtung. Bisher beruhigte man sich: „Das ist bald vorbei. Der Neuanfang wird verkündet – wahrscheinlich am Neujahrsfest, am Nationalfeiertag, zum Ende der Ferien, …“ Inzwischen vergeht aber auch den größten Optimisten die gute Laune.

Länder wie Deutschland halten sich raus. Man distanziert sich vom „menschenverachtenden Regime“ und damit auch von den Menschen, die unter ihm leben. So bequem und moralisch erhaben ist feministische Außenpolitik. Dabei hätte man meines Erachtens nach genauem Hinsehen wohltuenden Einfluss auf die Kräfteverhältnisse in der Taliban-Führung nehmen können. Aber vermutlich hätte man dazu das Einverständnis des großen Bruders gebraucht. Und der muss noch damit zurechtkommen, dass er wieder einmal einen Krieg verloren hat.

Die ersten Wochen unseres Afghanistan-Aufenthaltes bereiteten wir uns auf Filmaufnahmen vor, die von OFARINs Aktivitäten gemacht werden sollten. Wir wollten zeigen, wie erfolgreich wir in unseren Schulen und bei der Anpflanzung von Zehntausenden von Walnussbäumen arbeiten. Denn größtenteils gehen selbst die Ideen und die Planungen von unseren afghanischen Mitarbeitern aus. Die Durchführung ist professionell organisiert. Das macht Vergnügen. Es wäre wert gewesen diese ideale Entwicklungsarbeit auch filmisch zu erfassen und darzustellen. Aber die Dame, die die Aufnahmen machte, überraschte uns damit, dass sie nur Aufnahmen von Mädchenklassen, Lehrerinnen und Trainerinnen machte. OFARIN hatte auch keine Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu erklären, warum wir die gastgebende Regierung trotz ihrer menschenverachtenden Politik durch unsere Aktivitäten unterstützen. Natürlich hatten wir uns von dem Film erhofft, dass er unsere Arbeit ins rechte Licht setzt und weitere Menschen für OFARIN interessiert. Daraus wurde nichts. Mit künftigen Filmpartnern werden wir im Voraus festlegen müssen, was gezeigt werden soll. Dem Film, der nun gemacht wurde, wünschen wir trotzdem guten Erfolg.

So, jetzt könnte eigentlich etwas Erfreuliches kommen. Und tatsächlich sind wir mit unseren Aktivitäten, genau mit dem, was unsere afghanischen Mitarbeiter leisten, zufrieden. Aber vor unserer näher rückenden Abreise ist hier noch viel abzuschließen und zu regeln. Außerdem hat mir unser Sohn – und nicht nur der – empfohlen, keine Rundbriefe zu schreiben, die länger als zwei Seiten sind. Daran will ich mich halten.

Das, worüber noch nicht berichtet wurde, wird einen zweiten Artilel stehen, der nach unserer Heimreise, möglichst noch im Dezember, erscheinen wird.Herzliche Grüße, Peter Schwittek.