Afghanistan: Nussbäume bekommen Blätter – Projekt mit Hebammen wird scheitern

Das Bild ist die gute Botschaft, mit der wir den April-Rundbrief beginnen. Es wurde von Hewad Khan Anfang des Monats – vielleicht sogar noch im März – aufgenommen. Es zeigt einen von „unseren“ 33.500 Nussbäumen in Khost. Und es zeigt, dass das Bäumchen Blätter angesetzt hat. Die meisten Bäume hatten zu der Zeit nur Knospen zu bieten. Da müssten Sie sehr genau hinsehen, damit Sie uns die Knospen abnehmen. Der Baum hier hat vermutlich etwas mehr Sonne abbekommen als seine zukünftigen Waldnachbarn.

Unser Programmleiter Naqib hat sich im Projektgebiet umgesehen und konnte nah genug an die Setzlinge herantreten. Er hat keinen Baum gefunden, der keine Knospen ausgebildet hat. Das hört sich gut an, auch wenn Naqib nicht jeden Baum persönlich besuchen konnte.

Nicht so toll läuft es im Hebammenprogramm. Das hatten wir auf eigene Faust in dem armen Kabuler Stadtteil Schindowal begonnen, wo wir seit über einem Jahrzehnt schon enge Beziehungen zur Bevölkerung durch ein Unterrichtsprogramm haben. Dort wollten wir Erfahrungen mit solch‘ einem Programm machen, um dem Gesundheitsministerium ein funktionstüchtiges Ganzes vorschlagen zu können. Als wir das schließlich taten, mussten wir erfahren, dass das Ministerium inzwischen eigene Grundsätze für Hebammenprogramme entwickelt hat. Jedem Kabuler Krankenhaus wurde die medizinische Fürsorge für die Einwohnerschaft eines gewissen Gebietes zugeordnet: einem Krankenhaus für 5.000 Familien, einem anderen für 2.000 Familien … – je nach Größe des Krankenhauses. Nach diesem Schlüssel erhält jedes Krankenhaus auch Zuschüsse zur Erfüllung seiner Aufgaben. Wenn jetzt eine andere Organisation – z.B. OFARIN – dem Krankenhaus Pflichten abnimmt, werden die Zuschüsse an das Krankenhaus gekürzt. Wenn das Krankenhaus die Kooperation mit uns ablehnt, können wir dort nicht arbeiten. Damit ist zu rechnen.

Eine kleine Hoffnung haben wir: In Schindowal hat Andschuman einen großen Einfluss. Andschuman ist eine afghanische Nichtregierungsorganisation, die seit Jahrzehnten die Interessen der lokalen Bevölkerung erfolgreich vertritt. Andschuman hat auch OFARIN animiert, sein Schulprogramm in Schindowal durchzuführen und ist uns seitdem sehr verbunden. Andschuman hat auch großen Einfluss bei den Taliban-Behörden. Das ist erwähnenswert, denn das Personal von Andschuman besteht überwiegend aus Schiiten vom Volk der Hazara, während die Taliban überwiegend sunnitische Paschtunen sind. Aber die Taliban-Führung legt Wert darauf, dass alle Ethnien gut miteinander zurecht kommen.

Es ist fraglich, ob die guten Beziehungen zu Andschuman OFARINs Hebammen in Schindowal halten können. Die Regierung möchte nämlich außerdem Hebammenprogramme außerhalb der Städte ansiedeln und genehmigt keine Hebammenprogramme in Kabul. Auch auf dem Land müssten wir uns mit einem interessierten Krankenhaus arrangieren.

Die Damen, die sich als Hebammen bei uns eingearbeitet haben, können nicht einfach aufs Land versetzt werden. Das würden auch die Taliban nicht erlauben. Die Hebammen müssten mit ihrer ganzen Familie dort hinziehen. Das ist undenkbar. Unsere bisherigen Hebammen entlassen und mit neuem Personal auf dem Land beginnen? Dazu müssten wir dort selber Hebammen ausbilden. Wer soll das durchführen? Wir können uns vorstellen, dass wir in Kabul ein funktionierendes Programm haben, dort Hebammen aus der Provinz ausbilden, und schließlich in der Provinz Hebammenzentren eröffnen, die wir von Kabul aus betreuen.

Die Taliban-Regierung bemüht sich, Ordnung in alles zu bringen, was sie zu verwalten hat. Dazu hat sie Regeln aufgestellt und muss dafür sorgen, dass die eingehalten werden. Diese Regeln sehen auf den ersten Blick vernünftig aus. Es bestehen aber keine Möglichkeiten, sinnvolle Ausnahmen zuzulassen. Das kann man auch in dieser Anfangsphase talibanischen Verwaltens kaum verlangen. Doch auch später wird sich die nötige Flexibilität kaum einstellen. Flexibilität und gesunder Menschenverstand vertragen sich schlecht mit dem hoheitlichen Selbstverständnis afghanischer Beamten und dem überstarken Ego sehr vieler afghanischer Männer. Fairerweise muss ergänzt werden, dass viele Hilfsorganisationen in der „demokratischen“ Vergangenheit ineffizient und korrupt gewirtschaftet haben, so dass auch OFARIN oft auf Misstrauen stößt.

So wird wohl Schindowal in Zukunft kein Hebammenprogramm haben. Die Krankenhäuser der Umgebung sind nicht verpflichtet, mit ihren Zuschüssen ein solches Programm zu betreiben. OFARIN wird so flexibel wie vertretbar mit den Möglichkeiten umgehen, die sich noch bieten werden. Sie werden davon erfahren. Hier zeigen Ihnen die Schwierigkeiten, die wir mit dem Hebammenprogramm haben, wie zäh die Arbeit in Afghanistan sein kann.

Herzliche Grüße

Peter Schwittek.