Rundbrief aus Kabul

Berichtigung, Ereignisse der letzten Wochen und erfreuliche Spendenaktion

Kabul, 17.09.2018 - Im August-Rundbrief war ich mit der afghanischen Geschichte etwas großzügig umgegangen. Herr Bucherer-Dietschi hat das Afghanistan-Archiv, die weltgrößte Afghanistan-Bibliothek (info@afghanistan-institut.ch) aufgebaut. Sie befindet sich in Liestal in der Schweiz. Er hat meine Einlassungen im August-Rundbrief zu den Anfängen des afghanischen Schulwesens und zur Herrschaft des Emirs und später Königs Amanullah richtig gestellt. Das möchte ich Ihnen weitergeben.

Die Habibia-Schule war das erste und einzige Gymnasium in Afghanistan, das schon zur Zeit des Emirs Habibullah existierte. Ich hatte behauptet, es sei mit amerikanischen Mitteln geschaffen worden. Das stimmt nicht. Herr Bucherer meint, dass man in den USA um diese Zeit noch garnicht wusste, dass es Afghanistan gibt. Die Habibiya-Schule wurde nicht mit Hilfe der USA, sondern 1903 vom Emir selbst (mit Hilfe der englischen Subsidien) und mit Unterstützung durch indische Lehrer vom Alighar-College eingerichtet.

Auch das mit den Herrschertiteln von Amanullah, hatte ich zu locker gesehen. Amanullah bestieg 1919 den Thron nicht als König, sondern mit dem Titel Emir. Erst 1926 oder 1927, in Vorbereitung auf seine Europareise, um den europäischen Herrschern gleichgestellt zu sein, hat er den Titel SCHAH = König angenommen. Von Ahmad SCHAH Durrani bis SCHAH Shujah wurde bereits früher der Titel eines Königs geführt. Von Dost Mohammad Khan bis Amanullah Khan nannten sich dann die Herrscher EMIR.


Jetzt sind wir, meine Frau Anne Marie und ich, wieder in Kabul. Was berichten unsere Kollegen und Freunde denn so?


Der Wachhund hat einen Kutschi gebissen

Unser Wachhund, ein Schäferhund, läuft in unserem Anwesen frei herum. Ins Haus kommt er nicht. Während der Arbeitszeit ist er meist in seinem Zwinger eingesperrt. Damit hat er sich abgefunden. Wenn Fremde kommen, muss man ihn auch einsperren. Er weiß sehr gut, wer dazugehört. Wenn z.B. Leute kommen, die Dieselöl für den Generator und die Heizung anliefern, tobt das Tier in seinem Verließ, bis sie wieder weg sind.

Besonders giftig ist er zu Kutschis. Das sind Nomaden. Genau genommen sind die Kutschis hier keine richtigen Nomaden mehr. Sie haben sich in Kabul niedergelassen und leben irgendwo in der Stadt auf kleinem Raum mit ihrem Vieh zusammen. Für ihre Schafe, Ziegen und auch Kühe brauchen sie Futter. Sie besuchen die Anwesen, die eine gewisse Rasenfläche haben, und bitten, das Gras abmähen zu dürfen. Uns kommen solche Kutschis sehr gelegen. So kann man bei uns zwar nicht von einem englischen Rasen sprechen, aber für einen Kreisklasse-Fußballplatz reichte es schon.

Meistens kommen Frauen mit Kindern, sicheln das Gras ab und häufen es auf großen Tüchern zusammen. Irgendwann kommt ein Mann mit einem Schubkarren, die Tücher werden zusammengeknotet und die Ballen auf den Schubkarren gestapelt sowie auf die Köpfe der Frauen. Die Transportkapazitäten einer Kutschi-Familie stimmen selten mit dem Graswuchs unseres Grundstücks überein, so dass in einem Teil des Gartens meist Wildwuchs übrig bleibt.

Als diesmal der Herr mit der Schubkarre kam, glaubte Hekmat, unser Torwächter, es sei genug, dass er den Hund nicht wegsperrte und sich nur neben ihn stellte. Doch das Pflichtgefühl des Hundes war zu stark. Er ging auf den braven Kutschi los und schnappte ihm in den Allerwertesten. Hekmat behauptet, der Hund habe mit den Zähnen nicht einmal das Fleisch erreicht. Für die zerrissenen Kleider habe er ihm aber etwas Geld gegeben.


Der Bürgermeister von Kabul hat Naqib verletzt

Unser Kollege Naqib besitzt ein Leichtmotorrad. Im Frühjahr war er mit diesem Gefährt auf dem Heimweg. Kurz vor ihm hielt ein Personenwagen. Der Beifahrer riss die Tür auf. Naqib krachte da rein. Er verletzte sich besonders schwer an einer Hand. Aber der Mann, der die Tür aufgerissen hatte, kümmerte sich ganz rührend um ihn. Er brachte ihn in ein gutes Privatkrankenhaus. Dort wurde die Hand operiert. Der Mann rief mehrfach besorgt an, wie es Naqib gehe. Natürlich werde er die Behandlungskosten übernehmen. Es war der Bürgermeister von Kabul.

Naqib wurde entlassen, musste aber immer wieder zu Nachbehandlungen ins Krankenhaus. Die Kosten summierten sich auf 37.000 Afghani. Umgerechnet sind das mehr als 400 €. Aber für einen Afghanen wie Naqib ist der Afghani-Preis so schockierend wie es die nackte Zahl für uns wäre: 37.000 Krankenhauskosten. Und der Bürgermeister war schon vor Naqibs Entlassung aus dem Krankenhaus kaum noch erreichbar und danach überhaupt nicht mehr. Inzwischen kümmert sich die Staatsanwaltschaft um den Bürgermeister. Ihm werden massive Betrügereien unterstellt. Er hat sich in die Türkei abgesetzt.


Erfolgreiche Spender

Über „Betterplace“ kann man Geld an OFARIN spenden. Ist jetzt Betterplace ein Provider oder ein Server? Ich weiß so etwas nie. Man darf aber auch Spendenplattform sagen. Wenn man über Betterplace spendet, spendet man für ein spezielles Projekt – bei uns bisher immer für die Beschulung von 20 Schülerinnen und Schülern für ein Jahr, für die wir Kosten von 2.000 € veranschlagen. Wenn dieses Geld zusammengekommen ist, schalten wir ein gleiches Projekt nach. Die Spendenplattform zieht vertretbare Gebühren von jeder Spende ab und erledigt dafür das Ausstellen von Spendenquittungen. Man kann aber auch direkt auf unser Spendenkonto spenden oder über Paypal.

Betterplace startet manchmal Aktionen. Diesmal stellte man 5.000 € bereit und suchte sich 20 Organisationen aus, die sich um Bildung bemühen. OFARIN war dabei. Die Spielregeln waren folgende: Wer am 11.9. um 10 Uhr oder unmittelbar danach einen Betrag von höchstens 100 € spendet, dem zahlt Betterplace noch einmal den gleichen Betrag drauf. Das lief von 10 Uhr bis die 5.000 € verbraucht waren. Um dabei zu sein, musste man einen bestimmten Link anklicken – aber erst ab 10 Uhr.

Das führte zu Missverständnissen. Einige von Ihnen haben den Link schon einen Tag früher angeklickt und wurden dann ziemlich rüde abgebürstet. Das Anklicken wurde als Verbreitung von Fake-News bezeichnet. Freunde von uns wurden quasi auf eine Stufe mit Donald Trump gestellt. Wir entschuldigen uns dafür.

Aber insgesamt hat das Ergebnis Freude bereitet. Freunde machten mit, von denen wir seit Jahren nichts mehr gehört hatten. 15 von Ihnen machten es vollkommen richtig und ihre insgesamt 1.031 € wurden verdoppelt. Das heißt: Wir haben mehr als ein Fünftel des zur Verfügung gestellten Geldes abgeräumt. Das haben wir sicher verdient, auch wenn ich nicht weiß, wer unsere Mitbewerber waren. Weitere 1.720 € gingen auf Grund dieser Aktion schon vorher ein oder wurden gespendet, nachdem die 5.000 verbraucht waren. Somit kamen wir insgesamt auf 1.031 € + 1.031 € + 1.720 € = 3.782 €. Täteretä !!!

Dadurch füllten sich zwei dieser 2.000 € Projekte, die Betterplace für uns vorhält, und wir können ein Jahr lang 40 Schüler unterrichten. Ehrlich gesagt, zahlen wir zur Zeit an unsere Mitarbeiter und Lehrkräfte dermaßen bescheidene Notlöhne, dass die Einnahme für gut 50 Schülerinnen und Schüler reichen sollte.

Denjenigen, die gespendet haben, kann man bei Betterplace einige individuelle Dankworte mitteilen. Meistens tue ich das, obwohl es nicht möglich ist, jedem etwas wirklich Originelles zu schreiben. Diesmal sind es aber so viele Spender, dass ich jedem nur einen Standard-Text einfügen werde mit dem Hinweis auf diese ausführliche Besprechung im September-Rundbrief. Und auch hier möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen allen und auch bei der Spendenplattform Betterplace für das Engagement bedanken.


Herzliche Grüße Peter Schwittek