August-Rundbrief von OFARIN:

Fördermitgliedschaft ist jetzt möglich - Afghanischer Kulturkampf im Schulwesen

Randersacker/Kabul, 25.08.2018 - Im letzten Rundbrief hatten wir Sie dazu gedrängt, meine Ethno-Krimis gegen eine Spende von 10 € im Online-Shop unserer Homepage zu erwerben. Nach dem Vertrieb der ersten beiden E-Bücher blockierte sich diese Möglichkeit. Der Homepage-Provider hatte Teile seiner Software „upgegradet“ und dabei andere Teile aus Versehen außer Funktion gesetzt. Der Provider hatte schon die Versendung des Juni-Rundbriefes nur teilweise geschafft. Leider ist es in der IT-Branche nicht üblich, die Funktionstauglichkeit der eigenen Software ernsthaft zu überprüfen. Unser Provider ist da keine Ausnahme. Man kann Ihnen nur raten, das Buch runter zu laden, solange es noch geht. Momentan ist das der Fall.

Ich hatte schon 2011 ein richtiges klassisches Buch mit dem Titel: „In Afghanistan“ geschrieben.


Das erschien beim VdF-Verlag in Zürich und kann für 22,90 € im Handel erworben werden. Das Buch gibt vieles wieder, was ich aus Afghanistan für erzählenswert hielt. Franziska Augstein hat dieses Buch in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung besprochen. Diese Rezension setzen wir in die Homepage unter Ofarin e.V. -In Afghanistan.

Soweit das Marketing meiner literarischen Bemühungen!


Auf OFARINs Mitgliederversammlung wurde die Einrichtung einer Fördermitgliedschaft beschlossen. Sie soll dazu dienen, eine festere Bindung zwischen unseren Sympathisanten und uns herzustellen. Diese Bindung hat für das Fördermitglied eine finanzielle Komponente. Die Fördermitgliedschaft kostet mindestens 60 € im Jahr, also 5 € im Monat. Sie können sich aber auch gerne auf höhere Beiträge einlassen. Fördermitglieder erhalten alle Informationen, die auch alle anderen Mitglieder bekommen. Das ist nicht die Welt, denn diese Informationen kann ohnehin jeder auf unserer Homepage finden. Es geht uns darum, dass Menschen zeigen können, dass sie dazu gehören, und dass wir spüren, dass wir nicht allein sind.

Und wie wird man Fördermitglied? Wenn Sie die Homepage ofarin.de anklicken, finden Sie jetzt eine Abteilung Ofarin e.V.. Dort steht alles Wissenswerte über den Verein: Seine Satzung, seine Geschichte, sein Vorstand, aber auch das, was in den Medien über OFARIN erschienen ist. Dort finden Sie ein Formular, mit dem Sie sich für die Fördermitgliedschaft anmelden können. Dank des amerikanischen Providers steht dort zwar noch City statt Stadt und Postal Code statt Postleitzahl, aber wir hoffen, es bald durch die deutschen Begriffe ersetzen zu können.

Wer den Antrag lieber ausdrucken und per Hand ausfüllen möchte, findet dort diesen als PDF zum Download vor.


Am 5. Juni wurde im Heute-Journal des ZDF eine Reportage über OFARIN gesendet. Diese kann jetzt noch über unsere Homepage in der ZDF-Mediathek angesehen werden. Das war das Äußerste, was uns rechtlich zustand. Die Reportage war damals von Prof. Claus Kleber anmoderiert worden. Prof. Kleber hatte betont, dass die internationale Gemeinschaft in Afghanistan sehr viel Geld ausgegeben habe. Davon sei aber sehr wenig bei den Menschen angekommen. Dann kündigte er die Reportage über uns an, die zeige, dass es in Afghanistan sehr wohl Programme gibt, die erfolgreich arbeiten. Diese Anmoderation bringt es zusammen mit der Reportage auf den Punkt: Es wird in Afghanistan sehr viel Geld ohne Erfolg „verbrannt“. Aber das muss nicht sein.

Wir haben Prof. Kleber angeschrieben und er hat uns erlaubt, seine Anmoderation zusammen mit der Reportage zu zeigen. Diese Kombination finden Sie ab jetzt auf der Homepage.


Keine Möbel in OFARINs Moscheeschulen?


Wenn Sie sich in der Homepage Filme oder Bilder über OFARINs Unterricht ansehen, werden viele von Ihnen Mitleid mit den Schülerinnen und Schülern haben. Die sitzen auf dem Boden auf einer dürftigen Kunststoffmatte. Es gibt keine Tische und Stühle. Die Armen!

Ja, die Beschaffung und Instandhaltung von Schulbänken, Tischen und Stühlen ist ein Kostenfaktor und schon deshalb ein Problem. Staatliche Schulen sind in Afghanistan immer mit Tischen und Bänken ausgestattet. Das gehört zu ihrer Identität.

1976, in der guten alten Zeit, besuchten wir ein Gymnasium in der Provinz. Dort sahen wir uns den Unterricht einer Klasse an. Wir drei ausländischen Besucher nahmen auf einer „Bank“ Platz, die aus genau drei Brettern zusammengenagelt war. Wir mussten uns gut abstimmen. Wenn einer eine plötzliche Bewegung machte, klappte das Gestell nach links oder rechts zusammen. Die Schüler saßen alle in den tiefen Fensternischen. Trümmer einiger Schulmöbel lagen herum. Hatten die Lehrer das übrige Holz zu Hause verheizt?

In OFARINs Unterrichtssystem haben Tische, Stühle oder Bänke keinen Platz. OFARINs Unterricht findet größtenteils in Moscheen statt. Wenn dort nicht unterrichtet wird, kommen Gläubige um zu beten. Es finden Hochzeiten und Trauerfeiern statt, zu denen sich viele Menschen versammeln. Die sitzen dann alle auf Teppichen, Matratzen oder Kissen. Stellen Sie sich vor, wir würden täglich für unseren Unterricht Tische und Stühle in den Hauptgebetsraum tragen, um dort acht oder zwölf Klassen unter zu bringen!

Auch in den Privatwohnungen, in denen unser Unterricht stattfindet, wären Tische und Stühle für die Schüler hinderlich. Nach dem Unterricht müssten die Schulmöbel verschwinden. Die Familie braucht den Raum als Wohnzimmer und sitzt dann auf Kissen und Matratzen. Die könnte man nur auslegen, wenn Bänke und Tische rausgetragen werden – wohin damit aber in einer kleinen afghanischen Wohnung?

In einer Schule müssen Tische und Stühle stehen. Dass man darauf verzichten kann, ist für Lehrer aber auch für viele andere Afghanen unvorstellbar. Doch nicht nur Tische und Stühle sind wichtig für Schulen. Auch die Kleider müssen stimmen. Schülerinnen tragen einheitlich schwarze Kleider und ein weißes Kopftuch. Schüler und Lehrer müssen sich „modern“ anziehen, d.h. sie müssen lange Röhrenhosen tragen, wie Männer in Europa – wenn es dort nicht gerade zu heiß ist. Wenn kleine Jungen auf dem Land zur Schule laufen, tragen sie in einer Hand ein Bündel Hefte, die in ein Tuch eingeschlagen sind. Unter dem anderen Arm klemmt eine zusammengerollte Röhrenhose. Wenn sie die Schule erreicht haben, zotteln und ziehen sie diese Hose über ihre weite landesübliche Pluderhose. Die Beschaffung der Schulkleidung ist für viele Familien eine wirtschaftliche Herausforderung.

Wie gehen unsere Schüler hier in Deutschland in die Schule, und was erwartet sie dort? Sie tragen keine besonderen Kleider, sondern das, was sie auch sonst anziehen. Sie setzen sich in der Schule auf Bänke oder Stühle – alles wie zu Hause. Genau das erleben die Schüler, in OFARINs Unterricht. Sie müssen sich vorher nicht umziehen, und sie sitzen im Schneidersitz auf dem Boden – alles wie zu Hause.

Eigentlich müssten Sie jetzt Mitleid mit den afghanischen Kindern haben, die die staatliche Schule besuchen. Die müssen sich jeden Tag wie Fremde verkleiden und in fremden Möbeln sitzen.

Bis 1919 gab es unter dem Emir Habibullah nur die Habibia-Schule, ein Gymnasium, das mit Hilfe der USA eingerichtet worden war. Sonst konnten Kinder nur in Moscheen lesen und schreiben lernen – sofern der örtliche Imam sich darum bemühte.

1919 wurde Amanullah König – nicht Emir. Afghanistan sollte ein modernes Land werden, wie die Länder in Europa. Die allgemeine Schulpflicht und Wehrpflicht wurden verordnet. Das waren tiefe Eingriffe in das Leben jeder Familie. Junge Männer und Kinder standen nicht mehr als Arbeitskräfte zur Verfügung. In den Schulen wurde durch moderne Kleider und ausländische Möbel gezeigt, wie die Zukunft aussah. Ein Rechtswesen mit Richtern und Staatsanwälten wurde nach französischem Vorbild geschaffen. Bis dahin hatte die Rechtsprechung in den Händen religiös ausgebildeter Qazis gelegen.

Die Bevölkerung erfuhr über den Sinn der verordneten Neuerungen nur, dass Afghanistan modern werden sollte wie Italien, die Türkei oder die Sowjetunion. Afghanen, die im Ausland studiert hatten oder Handel trieben, verstanden, was da gewollt wurde. Viele von ihnen begrüßten die neue Zeit. Aber die Masse des Volkes sah nicht ein, dass ihre Heimat so werden sollte wie die Länder der Ungläubigen. Der islamischen Geistlichkeit hatte man das Monopol in der Rechtsprechung und in der Alphabetisierung der Jugend genommen. Viele Mullahs fürchteten, die Regierung wolle den Islam ganz verdrängen.

Geistliche sabotierten die Neuerungen und riefen zum Widerstand auf. 1929 gab es blutige Aufstände. Der König Amanullah musste abdanken. Die Spannungen zwischen Modernisten und der von den Mullahs angeführten konservativen Bevölkerung schwelten weiter. Den kommunistischen Putsch 1978 und alles, was danach kam bis zur Herrschaft der Taliban, muss man auf diesem Hintergrund sehen.

Dieser Kulturkampf hinterließ tiefe Spuren. Viele Familien fürchten noch heute, dass sie gegen ihre Religion verstoßen, wenn sie ihre Kinder, insbesondere die Töchter, in die Schule schicken. Auf der anderen Seite dämmert es vielen Menschen, dass eine ordentliche Schulausbildung die Lebenschancen ihrer Kinder verbessert.

Nach dem Sturz der Taliban warben die Vizeminister des Ministeriums für Religiöse Angelegenheiten um die Zusammenarbeit mit OFARIN. Sie behaupteten, dass viele konservative Familien ihre Kinder zu normalem Schulunterricht in die Moschee schicken werden, aber nicht in die staatliche Schule. Sie haben in erheblichem Ausmaß Recht behalten. OFARIN sah in den Kleidervorschriften und in den Möblierungen der staatlichen Schulen unnötige Hemmschwellen für den Unterrichtsbesuch und verzichtete darauf. In den staatlichen Schulen werden äußerliche Merkmale wie Bänke und Tische und ausländische Kleidung umso wichtiger genommen, weil man dort mit den wesentlichen Zielen der Schulen, nämlich der Bildung und Ausbildung der Jugend, nicht zurecht kommt.

Natürlich dürfen Mädchen, die die staatlichen Schulen besuchen, ihre schwarzen Kleider und weißen Kopftücher auch bei OFARIN tragen. Dagegen sollen Frauen und Mädchen im Unterricht ihr Gesicht nicht verschleiern, weil das die Kommunikation behindert.
In Fernsehaufnahmen von unserem Unterricht sind dennoch einige ältere Schülerinnen verschleiert zu sehen. Dafür bitten wir um Verständnis. Während des normalen Unterrichtes tragen diese Schülerinnen keine Gesichtsschleier. Aber den meisten hat man zu Hause verboten, sich fotografieren zu lassen. Und wenn dann gar das Fernsehen kommt, müssen sie ihre Gesichter verbergen.


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