Presse Club Hannover

Neurochirurg Samii forderte hippokratischen Eid für Journalisten

Hannover, 16.06.2018 - „Könnten wir uns vorstellen, eine Art „Eid des Hippokrates“ für Journalisten einzuführen? Einen Eid für Journalisten, der wie folgt lautet: Ich schreibe die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, nach bestem Wissen und Gewissen auf Grundlage meiner Recherche.“

Mit diesem Ansinnen konfrontierte der weltweit bekannte Neurochirurg Professor Madjid Samii die Gäste im Presse Club Hannover.

Hinter dieser erstmals von ihm öffentlich ausgesprochenen Idee, die weit über die freiwillige Selbstverpflichtung aus dem deutschen Pressekodex hinausgeht, steht eine ganz persönliche Erfahrung: Weit über 40 Jahre lang hat sich der aus dem Iran stammende Neurochirurg mit dem menschlichen Gehirn beschäftigt. Über 30.000 Menschen aus etwa 60 Ländern hat er bislang operiert. Als erster Deutscher und zudem erster Neurochirurg weltweit wurde Professor Samii vor rund 14 Jahren vom "Royal College of Physicians and Surgeons" in Montreal zum "Arzt des Jahres" gekürt. Dabei hatte er den Eingriff, der ihm am meisten fachliche Anerkennung in seiner Karriere beschert hätte, abgelehnt: Die Trennung der siamesischen Zwillinge Ladan und Laleh, die 2003 bei einer missglückten Operation in Singapur starben.

Der Präsident des International Neuroscience Institute (INI) in Hannover und Ehrenpräsident der Weltföderation der neurochirurgischen Fachgesellschaften hatte die jungen Frauen bereits 1988 sehr sorgfältig untersucht und war nach Auswertung aller Ergebnisse zu dem Schluss gekommen, dass eine Trennung nach Stand der Wissenschaft unmöglich war.

Obwohl seit der missglückten Operation inzwischen 15 Jahre vergangen sind, lässt den weltweit geschätzten Experten das damalige, mit der OP in Singapur verbundene mediale Geschehen nicht los. „In Teilen sensationsheischende Berichterstattungen über neue sowie innovative Behandlungsmöglichkeiten sind immer auch eine Gefahr, erwecken falsche Hoffnungen sowie Erwartungen und haben nicht selten kommerzielle Hintergründe.“, so der gebürtige Iraner.

Medizin sei vor allem dann faszinierend, wenn sie auf Erkenntnisse stößt, die völlig unerwartet sind. Das verlange jedoch absolute Offenheit. Hierfür brauche die Wissenschaft den fairen und differenzierten Dialog. In weiten Teilen der Medien zähle hingegen zunächst Auflage und Quote.

Vor diesem Hintergrund hat Samii in Richtung der Journalisten eine klare Erwartungshaltung: Um die Folgen der Berichterstattung abschätzen zu können, bedarf es den höchstmöglichen Anspruch an moralischer Integrität. Deswegen wäre international auch für die Journalisten eine Art "Eid des Hippokrates" zwingend vorzuschreiben. Mindestens bedürfe es bei ethisch relevanten Themen einer erhöhten Aufmerksamkeit sowie in der Berichterstattung einer medialen Sorgfaltspflicht, so Professor Samii.