Therapeuten am Limit - Brandbrief

Existenz und Gesundheit der freiberuflichen Physiotherapeuten in höchster Gefahr

Frankfurt, 26.05.2018 - Der Physiotherapeut und Praxisinhaber Heiko C. Schneider aus Frankfurt schrieb am 25.3.2018 einen Brandbrief an das Bundesgesundheitsministerium in dem er auf die existenzbedrohende finanzielle, politische und bürokratische Situation niedergelassener Heilmittelerbringer hinweist.

Der Brief lässt auch Patienten hinter die Kulissen eines teiweise allmählich ins Absurde verkommenden Gesundheitswesens blicken, in dem offensichtlich mehr und mehr das Recht des Stärkeren zu herrschen scheint.
Die Veröffentlichung des nachstehenden Briefs haben viele zustimmende Reaktionen auch anderer Therapeuten ausgelöst. All diese Briefe wird Herr Schneider nun auf einer mehrtägigen Fahrradtour (28.5. bis 5.6.), die auch durchs südliche Niedersachsen führt, von Frankfurt nach Berlin bringen.

Mehr zu der Aktion finden Sie unter http://therapeuten-am-limit.de/

Hier Wortlaut des Briefes:




Sehr geehrte Damen und Herren,

die aktuelle Situation der Physiotherapeuten in Deutschland ist so prekär, dass eine regelmäßige Teilnahme an finanziell kostspieligen Fortbildungen, Bildung von Rücklagen und das Zahlen vernünftiger Gehälter nicht mehr möglich ist. Wie Sie der Anlage 1 entnehmen können, liegen die Medianwerte für die Vergütung Physiotherapie in Deutschland bei 2.200€ Brutto. Dies bildet jedoch nicht die Situation der Selbstständigen ab, die zu Fortbildung verpflichtet sind und einen erdrückenden Kostenapparat erfüllen müssen. Ihr Einkommen ist oftmals noch deutlich geringer.
Weiterhin lassen es der Fachkräftemangel und die starken Kostensteigerungen bei Mieten, Strom, Wasser und jeglichen therapeutischen Nebenkosten nicht mehr zu, eine Praxis wirtschaftlich und rentabel zu halten, trotz voller Auslastung. Eine physiotherapeutischen Praxis ist nur noch zulasten des jeweiligen Inhabers und mit seinen, seine eigene Existenz gefährdenden Verzichten kostendeckend zu führen. An Rücklagenbildungen, etwa für die eigene Altersvorsorge, für krankheitsbedingte Einschränkungen oder Ausfällen von Angestellten ist schon lange nicht mehr zu denken. Das erlebe ich auch mit meiner eigenen Praxis seit Jahren. Es vergeht kein Monat ohne den zermürbenden Kampf gegen die finanziellen Engpässe, verbunden mit stressbedingten Ängsten um die Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber Finanzamt, Krankenversicherung, Angestellten, Mieten etc.

Der Deutsche Verband für Physiotherapie e.V. hat im Jahr 2015 eine Unterschriftenaktion „38,7% mehr Wert“ mit knapp 180.000 Unterschriften an die Politik übergeben.


Rudolf Henke, Internist und Bundestagsabgeordneter, schreibt dazu auf seiner Homepage:

„Ziel ist es, die Gerechtigkeitslücke bei der Vergütung angestellter Physiotherapeuten in freien Praxen zu schließen und die Honorare für physiotherapeutische Leistungen deutlich zu erhöhen. Laut dem Verband ergibt ein Vergleich der Vergütungen, die Physiotherapeuten in freien Praxen erhalten, mit denen in der stationären Versorgung (Tarifgehälter), eine Differenz von 38,7 Prozent.
Die Vergütungen sind laut Verband dort niedrig, weil die Einnahmen der Praxen, die zu mehr als 90 Prozent aus der Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten stammen, aus betriebswirtschaftlichen Gründen keine höheren Vergütungen zulassen.“


Im vergangenen Jahr und nach Schaffung des HHVG I, konnten nunmehr ca. 30% Vergütung verteilt über drei Jahre erkämpft werden. Dies ist weiterhin ein wirtschaftliches Desaster für die freiberuflich tätigen Physiotherapeuten. Diese Minimalanhebung der Vergütung ist weder geeignet, das Einkommensloch der vergangenen Jahre aufzufüllen, noch hilft sie den Therapeuten aus ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen Not. Sie ist damit auch weder geeignet noch in der Lage, die Gerechtigkeitslücke zwischen den tariflich abgesicherten Therapeuten in Krankenhäusern und anderen Instituten (Tarifgehälter) gegenüber den freiberuflich tätigen und ihren angestellten Therapeuten zu schließen. Sie sind weiterhin in ihrer Not alleingelassen. Hinzu kommt das Sonderproblem, das sich aus dem restriktiven Zahlungsverhalten der gesetzlichen Krankenkassen einerseits und dem noch restriktiveren Verschreibungsverhalten der niedergelassenen Ärzte ergibt. Letzteres rührt nicht etwa aus der fehlenden Notwendigkeit physiotherapeutischer Behandlungen her, sondern ausschließlich aus dem von den Kassenärztlichen Vereinigungen aufgebauten und dauerhaft unterhaltenen Regreßszenario ihren eigenen Mitgliedern gegenüber. Die Ärzte wiederum verschanzen sich gegenüber ihren Patienten hinter einem vermeintlich ausgelasteten Budget, ein Budget, das es rechtlich eigentlich gar nicht gibt, auch gar nicht geben darf. Dies verbietet schon die Fürsorgepflicht des Arztes gegenüber seinen Patienten als das wesentlichste verfassungsmäßige Gebot der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Ein Gesetz, das die Gesundheitspflege und Bekämpfung von Krankheiten an Budgets knüpft, ist mit dem Grundgesetz unvereinbar. Ein Arzt, der die Versorgung seiner ihm anbefohlenen Patienten durch fadenscheinige Ausreden auf die „lange Bank“ schiebt, hat nicht nur die falsche Berufswahl getroffen, er setzt sich wegen unterlassener Hilfeleistung auch strafrechtlicher Verfolgung aus.

Die auf drei Jahre verteilte ca. 30%ige „Aufstockung der Vergütung“ nach der Regelung des HHVG I deckt also weder die Verluste der vergangenen Jahre, noch stellt sie Therapeuten so stark auf, dass sie dem Fachkräftemangel in Kombination mit dem demographischen Wandel entgegenwirken können. (Anlage 1 und 2)


Der Versorgungsauftrag kann nicht mehr erfüllt werden!

- Wie der FAZ vom 21.02.2018 zu entnehmen ist, geht es gesetzlichen Krankenkassen so gut wie lange nicht mehr!
Es ist also nicht nachvollziehbar zu erklären, warum die GKVen bei der Vergütung der Physiotherapeuten weiter mauern. Weiter liest man über „upcoding“ der Krankenkassen. Der Betrug zum Nachteil der gesetzlich Versicherten und Patienten ist offenkundig, was nicht zuletzt die Reaktion des Präsidenten des Bundesversicherungsamtes, Frank Plate, in seinem Brief an alle am Risikostruktur-Ausgleich teilnehmenden Krankenkassen und nachrichtlich an das Bundesgesundheitsministerium und die Aufsichtsbehörden der Länder eindrucksvoll belegt.

- „Dickes Finanzpolster – AOK verteidigt sich gegen Kritik an ihrer Preispolitik“
lautet die Überschrift der MZ Mitteldeutschen Zeitung vom 20.03.2018. „Wir sind im Moment in einer guten finanziellen Situation“ und „Die Kasse sei auch bereit, etwa den Physiotherapeuten, mit denen entsprechende Verhandlungen noch laufen, mehr Geld zu zahlen. Dazu müsse aber garantiert werden, dass das Geld auch bei deren Angestellten ankomme. Deshalb sagen wir den Verhandlungsführern jetzt: Wenn ihr wollt, dass wir mehr zahlen als gesetzlich vorgeschrieben ist, dann fordern wir im Gegenzug eine belastbare Zusage, dass davon die Beschäftigten profitieren“ so Ralf Dralle, AOK-Chef – Quelle: https://www.mz-web.de/29895088 ©2018

Über diese Frechheit des AOK Chefs Dralle kann man nur staunen. Ganz offensichtlich wird diese AOK von jemandem geführt, dem die Gesundheit seiner Mitglieder ebenso wenig wert ist, wie die Leistungsfähigkeit der diese Patienten behandelnden Physiotherapeuten. Geld bunkern, statt gute therapeutische Betreuung, ist dort wohl die Devise. Durch das HHVG I wurde die Grundlohnsummen-Bindung ausgesetzt! Von welchen gesetzlichen Vorschriften spricht dieser Herr?

Anzumerken wäre noch, dass die gerade durch den ZVK Landesverband Bayern in Zusammenarbeit mit dem Institut für Gesundheitsökonomie veröffentlichte betriebswirtschaftliche Analyse den Druck von Praxen mehr als verdeutlicht.

„So erwirtschafteten 2015 knapp 30 Prozent der teilnehmenden Praxen einen Jahresumsatz zwischen 70.000 und 170.000 Euro und damit einen durchschnittlichen jährlichen Reinertrag von rund 46.000 Euro je Praxisinhaber. So verbleibe dem Praxisinhaber ein monatlich verfügbares Einkommen von durchschnittlich 1.420 Euro. Etwa sechs Prozent der Teilnehmer erwirtschafteten laut ZVK weniger als 70.000 Euro. Hier liegt der durchschnittliche Reinertrag bei etwa 22.000 Euro, das monatlich zur Verfügung stehende Einkommen bei 894 Euro.“
Nach Abzug von Krankenkassenbeiträgen und Rentenversicherung soll davon dann noch was gezahlt werden? Herr Dralle scheint vom Wesen der sozialen Gesundheitsvorsorge in unserem Staat wenig oder garnichts verinnerlicht zu haben.

- Therapeuten in Deutschland wandern aus oder gehen als Ungelernte in andere Bereiche.
In Foren werden Fragen gestellt wie: „In welche Berufe kann man sich denn als Physiotherapeut umschulen lassen? Also wo einem die medizinischen Kenntnisse helfen würden?“ (Facebook Gruppe: Physiotherapie Deutschland mit aktuell 27.000 Mitgliedern)

- 44% der selbstständigen Physiotherapeuten hatten 2016 keine Angestellten.

Auch ich musste meine Praxis schrumpfen und kämpfe noch immer gegen die erdrückenden Schulden aus Ausbildung, Fortbildungen und Investitionen in die Praxis. Für mich persönlich, bei einer Arbeitsleistung von täglich 10-12 Stunden und voller Auslastung, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mein Geschäft aufgeben muss, wenn nicht bald eine spürbare Entlastung kommt. Denn davon zu leben ist ohne Partner/in nicht möglich. Es frustriert und enttäuscht mich zutiefst, einen Beruf, den ich liebe und mit ganzem Herzen ausübe, vielleicht aufgeben zu müssen. Dabei mangelt es gerade aufgrund ihrer wirtschaftlich desolaten Situation und mangelnder günstiger Berufsaussichten und Prognosen schon heute an Therapeuten, so dass Patienten nicht mehr ausreichend und in angemessener Zeit versorgt werden können. Aber irgendwann kommt jeder an die Grenzen seiner finanziellen, physischen und psychischen Belastbarkeit. Entweder erleidet er dann seinen Zusammenbruch oder er kann noch rechtzeitig seinen Beruf aufgeben und eine andere Grundlage für den Erhalt seiner Existenz finden. Das kann ein Gesetzgeber, der die Berufsregeln für diese Menschen zu schaffen berufen ist, weder wollen noch billigend in Kauf nehmen. Ihm ist vom Grundgesetz nicht nur das Wohl der gesamten Bevölkerung in seiner Abstraktheit in die Hände gelegt. Vielmehr ist er berufen, bei der Schaffung seiner Regeln das Wohl derer besonders im Auge zu behalten, die er damit betraut, die Gesundheit der anderen zu fördern, zu erhalten und/oder wiederherzustellen. Dazu gehört vor allem, sie nicht an die Grenzen ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zu regulieren. Bei der Regelung der Diäten seiner – von diesen anderen - gewählten Mitglieder gelingt ihm das doch reibungslos. Warum sollte ihm das nicht auch bei den Menschen gelingen, die sich therapeutisch besonders um das Wohl der von Leiden Betroffenen kümmern, ohne dabei selbst ihre Gesundheit zu opfern und in wirtschaftliche Not geraten zu müssen. Der Aufwand hierfür ist denkbar gering im Verhältnis zu den schier bodenlosen und immer noch andauernden „Unterstützungsleistungen in Not geratener“ Bankinstitute, für deren freche Zockereien und Leichtfertigkeiten wir alle in alle Ewigkeit unsere Köpfe hinhalten müssen.

- „Physiotherapie hat eine hohe gesamtgesellschaftliche Relevanz“, Physiotherapie erhält Gesundheit und Leistungsfähigkeit und vermeidet Pflegebedürftigkeit.
Es steht zu Zeiten einer überlasteten Pflege und Ärzteschaft außer Frage, was passiert, wenn den Therapeuten nicht deutlich unter die Arme gegriffen wird. Die Kosten explodieren weiter. Der aktuelle Ökonomisierungswahnsinn ist nicht wirtschaftlich, er ist nicht nachhaltig und verursacht immense Folgekosten, die einfach zu vermeiden wären.

- Zur Fortbildungssituation lässt sich aus meiner Kenntnis sagen:
Wenn eine erzwungene Fortbildung teuer erkauft werden muss und dann die der Fortbildung zugrunde liegende Leistung des Physiotherapeuten geringer vergütet wird als die Grundversorgung durch Krankengymnastik, ist das ein gehöriger Mangel in der Fortbildungssystematik. Diesen Mangel haben diejenigen zu vertreten, die ihn wissentlich und willentlich, also mit Vorbedacht der wirtschaftlichen Schädigung des Physiotherapeuten, geschaffen haben. Dies könnte den Straftatbestand des Betruges erfüllen, was noch zu prüfen wäre.
So ergeht es uns Therapeuten etwa mit der manuellen Lymphdrainage (MLD). Hier zeigt sich das hässliche Gesicht des übermächtigen Verhandlungspartners GKV! Die Gesetzlichen Krankenkassen sind Beteiligte bei der Zulassung der Physiotherapeuten im Rahmen der Ausübung ihrer einzelnen Tätigkeiten und wissen um Ihre Vergütung im Einzelnen genau Bescheid. In Kenntnis dessen, erzwingen sie die aberwitzig teuren Fortbildungen für den Erhalt der Zulassung, ohne entsprechende Anpassungen der Vergütungen der Therapeuten vorzunehmen oder ihnen die Fortbildung kostenfrei zu ermöglichen. Im Gegenteil, es scheint ihnen besonderes Vergnügen zu bereiten, die Therapeuten finanziell am Gängelband zu halten. Dieses erfolgt in Kenntnis der eh schon höchst prekären wirtschaftlichen Situation der frei praktizierenden Physiotherapeuten. Auch ich überlege, meine Zulassung für Lymphdrainage abzugeben, denn jede MLD ist ein weiterer Schritt auf dem Wege in den finanziellen Ruin. Man will es eigentlich nicht glauben, Tatsache ist aber: durch die Fortbildung verdienen wir Therapeuten dann für Behandlungen weniger als für Behandlungen im Rahmen der Grundausbildung. Kostenintensive Fortbildung dient mithin als Mittel der Vergütungskürzung durch die gesetzlichen Kassen. Eine wirtschaftliche Doppelbestrafung der freien Therapeuten in vollumfänglicher Kenntnisse sämtlicher Tatbestandsmerkmale und der Schädigungsabsicht derjenigen, die für diese Regelung verantwortlich zeichnen, ist hier offenkundig. Sie ließe sich nur noch damit erklären, dass das eigentliche Ziel dieser Maßnahmen, die Reduzierung der physiotherapeutischen Behandlungsangebote sei. Ich möchte nicht tiefer darüber nachdenken, ob solches Gebaren der gesetzlichen Krankenkassen im Interesse der Patienten - und damit Mitglieder - sein kann.

- Budgetkürzungen der Ärzteschaft, nach Erhöhung der Heilmittelpreise, sind nicht zielführend.
Wie mehr und mehr Therapeuten berichten, versuchen die KVen durch Kürzungen gegen zu regulieren. Macht das Sinn? Was sagt ihrer Meinung nach § 32 SGB V dazu? Existiert er eigentlich nur noch auf dem Papier?
Nein, aber er ist durch § 92 SGB V und andere Nebenvorschriften für den betroffenen Nichtfachmann undurchschaubar gemacht worden, so dass er seine grundsätzliche Anspruchswirkung eingebüßt und Tür und Tor für seinen Missbrauch zum Nachteil der Versicherten auf Versorgung mit Heilmitteln geöffnet hat. Täglich wird in unserem Land gegen die Vorgaben der vom Gesetzgeber geschaffenen Heilmittelrichtlinien verstoßen.
Patienten bekommen auch nach schweren Operationen bei weitem nicht das, was ihnen zusteht. Hier bekommt tatsächlich der Unterschenkel amputierte Patient nach 6 Behandlungen gesagt, es wäre kein Budget mehr für ihn da. Die ältere Dame, die nach einem Sturz den Oberarm operiert bekam und einen Achillessehnenabriss hatte, läuft ihren Behandlungsrezepten hinterher und erfährt ständige Unterbrechungen der Therapie. Dies sind keine traurigen Einzelfälle, dies ist schon lange tägliche Praxis. Viele Patienten springen von Quartal zu Quartal und man beginnt die Therapie oftmals wieder von vorne, trotz des Nachweises signifikanter Erfolge. Weiter sollten Sie bedenken: Wir Physiotherapeuten als einer der Heilmittelerbringer sind oftmals die einzige Berufsgruppe im Rehabilitationsprozess der Patienten, die durch die Behandlung noch ein wenig Zeit für sie aufbringen. Wenn wir unsere Arbeit richtig machen können und den Patienten vernünftig screenen, ergänzen oder erweitern wir die Diagnose des Arztes. So könnten und können Folgeschäden vermieden werden. Außerdem könnten Patienten schneller wieder im Berufsleben stehen. Wir verhindern Pflegebedürftigkeit!


Wenden sie die WANZ-Regel (SGB V §12 „Wirtschaftlichkeitsgebot“) doch mal aus der Sicht der Therapeuten an. Dann hätten wir vor 20 Jahren schon alle unsere Praxen schließen müssen! Hier muss doch gleiches Recht für alle gelten oder etwa nicht? Alle therapeutischen Maßnahmen scheitern schon an dem Kriterium „wirtschaftlich“!

Es stellt sich die Frage:
Ist das Prinzip der Selbstverwaltung gesetzlicher Krankenkassen noch richtig und läuft nicht grundsätzlich etwas falsch, wenn der Anteil der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Heilmittel aller Heilmittelerbringer bei 2,6% liegt im Vergleich zu den Verwaltungsausgaben, unnötiger Werbung, übertriebener bildgebender Diagnostik und fragwürdigen Operationen?
Muss Politik hier etwas unternehmen? Ich denke „JA“ – Es ist höchste Zeit!


Abschließend möchte ich ihnen noch mitteilen, dass ich nach 20 Jahren Arbeit im Gesundheitswesen (Pflege, Schlaflabor und Physiotherapie) keine Rente habe und zutiefst enttäuscht über dieses komplette Systemversagen bin. Ich habe einen großen Teil meines Lebens dem Gesunderhalten, Pflegen und Fördern von Menschen gewidmet und bin nun selbst in einer schier ausweglosen Situation. Ich kann nicht mehr verstehen, dass Menschen, die angelernt ein wenig Telefondienst bei der AOK machen, mehr verdienen als ein Therapeut in Deutschland der seine Aus- und Fortbildungen selbst bezahlen muss. (Siehe Anlage 3 „Tarifvertrag für AOK 2016“)

Zur Erinnerung: Medianwert der Physiotherapie: 2.200€ Brutto
Bemerkenswert ist, dass in diesen Medianwerten klinisch tätige Therapeuten mit eben 38,7% mehr Gehalt inkludiert sind!

Ich, als Physiotherapeut mit langjähriger Berufserfahrung und weiteren Erfahrungen im Gesundheitswesen auf verschiedenen Gebieten, wäre als „komplexer Spezialist“ mit durchschnittlichen Einkünften von mtl. EUR 5.000,00 zu bewerten. (Anlage 1 und 2)

Die Situation von Therapeuten in Deutschland ist unzumutbar. Die Patientenversorgung ist vielfach nicht mehr gegeben. Verschreibungen, die Patienten aufgrund ihres Leidens zustehen, werden verweigert.

Um zu guter Letzt noch einmal eine klare Forderung zu formulieren: Sorgen Sie alle, die für Änderung dieses unhaltbaren Zustandes Mitverantwortung tragen, alsbald dafür, dass die Einkünfte der niedergelassenen Therapeuten eine Anpassung an die notwendigen Erfordernisse erfahren, um angestellte Therapeuten ihren tariflich eingebundenen Kollegen aufrechten Ganges gegenübertreten können und ihre freiberuflichen Dienstherren ihre notwendigen Investitionen für den Aufbau und den Erhalt ihrer Praxis sorgen und sich selbst angemessen und angstfrei entlohnen und für ihr Alter vorsorgen zu können. Ein kompletter Ausfall der Physiotherapie ist sonst nicht mehr aufzuhalten und weder menschlich noch politisch zu verantworten!

Mit freundlichen Grüßen
(gezeichnet H.Schneider)




Quellenangaben:
https://bruenger4.wixsite.com/physioversorgung/home/die-zukunftige-versorgung-zeit-aufzuwachen
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/f-a-z-exklusiv-krankenkassen-3-milliarden-euro-im-plus-15461607.html
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/958433/finanzzahlen-kassen-verdoppeln-ihre-ueberschuesse.html
http://oeffentlicher-dienst.info/c/t/rechner/aok?id=aok-2016&matrix=1
https://www.praktischarzt.de/blog/physiotherapeut-gehalt/
https://www.up-aktuell.de/aktuell/2018/03/gutachten-des-zvk-bayern-erstmals-mit-bundesweiten-daten-39740.html
https://entgeltatlas.arbeitsagentur.de/entgeltatlas/faces/index.jspx;jsessionid=R3wazrgez_U2G9xSanUeyF-AsvEoy4xTRo3FLw8tbyfMJNdnGKey!-584164277?_afrLoop=445711401852623&_afrWindowMode=0&_afrWindowId=null&_adf.ctrl-state=924rcemvd_1&beruf=Physiotherapie&dkz=93950


Den Brief als PDF-Datei mit weiteren Quellen, zum Teil Grafiken, finden Sie hier:

http://therapeuten-am-limit.de/der-brandbrief/