Rundbrief Mai aus Kabul (Teil 2)

Es sind auch Fortschritte in Afghanistan zu erkennen, doch Vieles hängt von Pakistan ab

Kabul, 20.05.2018 - Wenn Afghanen den Sinn ihres Tuns einsehen und erträgliche Bedingungen dafür vorfinden, arbeiten sie gerne für ein Ziel – so unsere Verputzer und Maler (vgl. Teil 1 dieses Rundbriefs), so unsere Lehrkräfte und Trainer.

Wenn man länger in Afghanistan lebt, sieht man, dass sich manches ändert. In den letzten Jahren sind in sehr vielen Stadtteilen von Kabul Straßen befestigt worden – nur unsere nicht. Und plötzlich gab es eine Müllabfuhr. Privatfirmen holen zweimal in der Woche die häuslichen Abfälle ab und kassieren einmal im Monat dafür Gebühren. Koordiniert wird das von der Stadtverwaltung.

Haben Sie schon mal Safran aus Herat benutzt? Einen besseren gibt es nicht.

Ja, auch Klopapier kann das Herz erfreuen. Das kam seit den friedlichen Zeiten des vorigen Jahrhunderts aus China. China liefert seine gelungensten Produkte nicht gerade nach Afghanistan. Bei der Produktion besagten Papieres war das Aufwickeln und die Perforierung seit Jahrzehnten immer Glückssache. Schließlich erschien im Basar Klopapier aus den Emiraten – auch nicht besser als das chinesische. Seit ein paar Wochen gibt es nun Rollen von einer Qualität, wegen der sich auch EDEKA nicht schämen müsste – aus Afghanistan.

Es gibt noch mehr Geschichten von kleinen Fortschritten, die gegen eine alles erdrückende, korrupte Bürokratie durchgesetzt wurden. Ein wacher Kaufmannssinn, viel Einfallsreichtum und enorme Energie haben das möglich gemacht. Afghanistan ist kein hoffnungsloser Fall.

Den wackligen Zustand des afghanischen Staates sollte man nicht leichtfertig mit persönlichen Eigenschaften der Afghanen begründen. Sicher, die afghanische Gesellschaft ist weitgehend eine Stammesgesellschaft. Da muss sich jeder kriegerisch geben, um sich zu behaupten. Aber die Taliban oder der Islamische Staat sind, soweit sie in Afghanistan aktiv sind, Kostgänger des pakistanischen Geheimdienstes. Daher ist es naiv anzunehmen, dass man diese Akteure und die afghanische Regierung nur an einen Tisch bekommen muss, damit sie sich gefälligst einigen.
Solange Pakistan nicht will, dass in Afghanistan Frieden einkehrt, wird das nicht geschehen. Pakistan sieht sich durch afghanische Gebietsansprüche bedroht und fürchtet die Einkreisung durch seinen Hauptfeind Indien, wenn der sich mit Afghanistan verbünden würde. Hier könnte ein sensibler aber energischer Eingriff der Weltmächte für eine dauerhaft friedliche Lösung sorgen. Schließlich sind weder die USA noch Russland noch China daran interessiert, dass in Afghanistan der islamistische Terrorismus blüht. Aber für eine sinnvolle Friedensinitiative sind die Weltmächte derzeit nicht gerade glücklich aufgestellt.

Dass ein Journalist, der jetzt von ausländischen Staaten finanzierte Projekte aufsucht, von einem Misserfolg zum nächsten reist, ist nicht anders zu erwarten. Solch einem Reporter muss sich der Eindruck aufdrängen, dass in Afghanistan nichts klappt.

Die ausländischen Entwicklungsexperten, die jetzt in Afghanistan Projekte betreuen, unterliegen den Bedingungen der Sicherheitsindustrie. Sie sind in verbarrikadierten Festungen untergebracht, die sie selten oder nie verlassen dürfen. Kontakte zu Einheimischen sind kaum erlaubt. Alle paar Wochen werden die Insassen ausgeflogen, um einem Lagerkoller zu entgehen. Zum Flugplatz werden sie in gepanzerten Fahrzeugen befördert, die sie als Fracht kennzeichnen, auf die sich Anschläge lohnen. Ein solches Fahrzeug ist übrigens schon für eine Viertelmillion Euro zu haben.

Können Sie sich vorstellen, dass Projekte, die diese Experten durchführen, gelingen? Ich nicht. Immerhin schafft der Aufwand einen hohen Umsatz. Der Gewinn geht voll an die Sicherheitsindustrie.

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