Kurzer Bericht aus Kabul

Organiasation des Unterrichts

Kabul, 30.04.2018 - Liebe Freunde,
 
wir sind mal wieder in Kabul, aber noch nicht lange. So gibt es noch nicht viel zu berichten.
 
In den staatlichen Schulen kehrt langsam Ruhe ein. Seit Frühlingsanfang läuft das neue Schuljahr. Seitdem werden die Klassen neu zusammengestellt. Es dauert einen guten Monat lang bis sich die Unterrichtszeiten stabilisieren. Wochenlang werden diese Zeiten immer wieder abgeändert. Wenn die Schule meint, jetzt passe alles zusammen, meldet sich das Ministerium und ordnet Änderungen an.
 
Diese Zeit läuft jetzt also aus. Nachdem die Schüler wissen, wann sie in die staatliche Schule müssen, können sie wieder zu OFARIN kommen – oder auch nicht. Jetzt müssen wir überlegen, ob wir Unterricht auf eine andere Zeit verlegen sollen. Dann müssen wir übersehen, wie groß die verbleibenden Klassen sind und eventuell Klassen zusammenlegen. Der eine oder andere Lehrer, der selber Oberschüler ist, wird nicht mehr bei uns arbeiten können.
 
Ihnen und auch mir stellt sich die Frage, warum sich Schüler den Besuch der staatlichen Schulen antun. Es scheint kein Problem zu sein, sich eines Tages bei einer staatlichen Schule zu melden, um dort aufgenommen zu werden. Dann scheint so etwas wie eine Prüfung stattzufinden und der Schüler wird in eine Klassenstufe eingeteilt, die seinem Können in etwa entspricht. Nur in die drei Abschlussklassen des Gymnasiums wird man nicht mehr so problemlos aufgenommen.
 
OFARIN hat sogar einen Vertrag mit dem Erziehungsministerium. Schüler, die bei uns die erste oder zweite Klasse besucht hatten, werden in die zweite oder dritte Klasse der staatlichen Schule aufgenommen, OFARIN-Absolventen der dritten Klasse, werden in die vierte Klasse der öffentlichen Schule aufgenommen. Aber der Staatssekretär, der mit uns diesen Vertrag abgeschlossen hat, ist längst abgelöst worden, und sein Nachfolger wird nichts von dem Vertrag wissen wollen. Auch sind viele Schüler, die unsere erste, zweite oder dritte Klasse besuchen, gleichzeitig Schüler der fünften bis achten Klasse des staatlichen Gymnasiums. Denen hilft unser Vertrag nicht. Die kommen zu OFARIN, weil sie sehen, dass sie Analphabeten bleiben, wenn sie nur in die staatliche Schule gehen.
 
Viele Schüler sitzen die staatliche Schule ab, weil sie keine Arbeit finden. Wenn sie die staatliche Schule bis zur neunten oder gar zwölften Klasse hinter sich haben, haben sie wenigstens die Chance eine Stelle beim Staat zu bekommen, der bei weitem der größte Arbeitgeber des Landes ist.
 
Im Prinzip sollte es auch ohne staatlichen Vertrag möglich sein, einen Teil der Schüler dazu zu bringen, nur in OFARINs Unterricht zu kommen und nicht in die staatliche Schule. Danach können die Schüler sich in eine staatliche Schule aufnehmen lassen. Dort haben sie sogar auf Grund dessen, was sie gelernt haben, gute Chancen in die siebente oder neunte Klasse aufgenommen zu werden. In der Moschee von Qalatschah läuft es bereits teilweise so.
 
Aber auf der anderen Seite ist OFARIN kein so sicherer Anbieter von Unterricht, dass Schüler sagen können: Ich durchlaufe das Programm von OFARIN und melde mich dann bei der staatlichen Schule. Zu viele Klassen von OFARIN mussten geschlossen werden. Und wir können z.Z. keinem unserer Schüler versprechen, dass wir ihm unser ganzes Programm beibringen können.
 
So müssen wir weiter mit den Ungewissheiten der Unterrichtszeiten nach dem Frühlingsanfang, dem afghanischen Neujahr, leben. Immerhin hatten wir dieses Jahr Stoff vorbereitet, mit dem wir die Schüler beschäftigten, die noch zum Unterricht kamen. In Mathematik wurde mit Zirkel und Lineal gearbeitet. Das ging zunächst einmal bis zur Bestimmung des Umkreises eines Dreiecks. Hier kann man schwierige Fragen von den Schülern selber lösen lassen. Wenn der Lehrer das gut macht, sind die Schüler begeistert. Doch schon die Anwendung von Geräten wie Dreieck, Lineal und Zirkel machte den Schülern viel Spaß. Wir werden Teile dieses Unterrichtes in das offizielle Programm aufnehmen und dafür anderen Stoff ausgliedern und nur noch in der Zeit nach Neujahr mit Schülern durchnehmen, die unseren Unterricht besuchen, während andere nicht endgültig wissen, wann sie in die staatliche Schule gehen sollen.
 
Das, was sonst von der Arbeit hier zu berichten ist, müssen wir noch herausfinden. Es wird im MAI-Rundbrief mitgeteilt werden. Für diesmal verbleibe ich mit herzlichen Grüßen,
 
                                                                                     Peter Schwittek