Bericht aus Afghanistan:

Fortsetzung des Berichtes aus Afghanistan - Gedanken zur Zukunft von OFARIN

Kabul, 05.04.2018 -

Neue Impulse

Im Januar wurde das Material für den Elementarunterricht in Paschtu fertig. Wir haben nur 20 Klassen von Paschtu-Sprechern, alle in Logar. Bisher hatten die ein von der UNICEF entwickeltes Lehrbuch benutzt. Als jetzt unsere Anweisungsbücher für die Lehrer und die Arbeitsblätter für die Schüler ausgeliefert wurden, kamen begeisterte Kommentare aus Logar zurück.
Dass wir ein Statistikprogramm einsatzreif gemacht haben, hatte ich bereits im Februar-Rundbrief geschrieben. Dieses Programm wird jetzt eingeführt werden. Es wird noch etwas dauern, bis alles klappt. Vom Spätsommer an erwarten wir belastbare Ergebnisse.

Nach Naurus, dem afghanischen und iranischen Neujahrsfest am 21.3. (Fr?hlingsanfang), beginnt das afghanische Schuljahr. Wir hatten im Januar-Rundbrief darüber berichtet, dass wir in dieser Zeit und während Prüfungsphasen an den staatlichen Schulen nicht die Anwesenheit unserer Schüler erzwingen können. Ersatzunterricht wurde eingerichtet, in dem die Anwesenden etwas Nützliches lernen, das aber für das normale Unterrichtsprogramm nicht benötigt wird.
Für die Klassen, die am Beginn des Elementarunterrichts (Alphabetisierung) stehen, wurden Aufgaben aus dem alten Vorschulunterricht zusammengestellt. Für Fortgeschrittene im Elementarunterricht wird vorangehender Elementarunterricht wiederholt.

Für Schüler, die schon mit dem Mathematikunterricht begonnen haben, haben wir jetzt Unterricht über die klassische Geometrie in der Ebene (Kreise, Dreiecke) vorbereitet. Dazu haben wir Sets mit Zirkeln, Linealen und Dreiecken beschafft, und diesen Unterricht innerhalb der Belegschaft von OFARIN ausprobiert. Die meisten Kollegen hatten noch nie mit einem Zirkel hantiert. Ein Set mit solchen Geräten für Schüler kostet 80 Afghani (knapp 1 Euro), ein Set für den Einsatz an der Tafel kostet 700 Afghani (knapp 9 Euro) - alles aus China.
Wenn z.B. abgeleitet werden soll, wie man den Mittelpunkt des Umkreises eines Dreiecks bestimmt, können die Lernenden vieles selber herausfinden. Das bereitet allen große Mühen und großen Spaß. Für jeden ist der Moment, in dem er die Lösung einer Aufgabe findet, an der er lange geknobelt hat, ein starkes Erlebnis. Dieser Kick belebt jeden Mathematikunterricht. In OFARINs Mathematikbüchern stehen immer einige schwierige Aufgaben. Es muss daran gearbeitet werden, dass diese Aufgaben in geeigneter Weise unterrichtet werden, damit möglichst viele Schüler, dieses Erlebnis des plötzlichen Verstehens haben. Je öfter Schüler schwierige Aufgaben lösen, desto mehr entwickelt sich ihr Selbstbewusstsein und ihre Lösungskompetenz.
Eine interessante Herausforderung ist es, am Lösen kniffliger Aufgaben möglichst viele Schüler zu beteiligen. Im Februar-Rundbrief hatten wir über die Aufgabe "Kuchen zum Quadrat" aus dem SPON berichtet, die praktisch jeder aus der Belegschaft nach angemessener Quälerei gelöst hat. In diesem Fall hatten wir nur das Problem dargestellt und dann jeden damit allein gelassen. Die Dreiecksaufgaben haben wir "in der Klasse" gestellt und gelöst. Dabei zeigte sich, dass ein Teil der "Klasse" frühzeitig resignierte. Viele Teilnehmer gingen davon aus, dass andere befähigter seien, solche Probleme zu lösen, als sie selber. Sie warteten, bis die "Begabten" es geschafft hatten. Beim Kuchen zum Quadrat, als jeder mit dem Problem alleine war, waren diejenigen die schnellsten, die sich jetzt für die weniger Begabten hielten.
In Deutschland hatte man diskutiert, ob man in der Oberstufe getrennten Mathematikunterricht für Jungen und Mädchen einführen soll. Man hatte beobachtet, dass Mädchen eher resignierten, wenn es kniffligere Aufgaben zu lösen galt. Auch in Deutschland war das keine Frage der Fähigkeit, sondern eine des Selbstbewusstseins.
Sie sehen, wir machen uns Mühen um den Unterricht. Wo gibt es so etwas sonst in Afghanistan?


Die Zukunft von OFARINs Programm

Die Qualität unseres Unterrichts ist also erst einmal gesichert. Doch wie steht es um die Quantität? Bis Mitte 2017 hatten wir rund 9.000 Schülerinnen und Schüler. Danach waren es bis Ende Februar knapp 5.000. Und jetzt benutzen wir die Formel, dass wir 100.000 Euro benötigen, um 1.000 Schülerinnen und Schüler ein Jahr lang zu betreuen. Unser Geld reicht also für 2.300 Schüler. Da wir allen Mitarbeitern sehr knappe Notgehälter zumuten, können wir einige Schüler mehr unterrichten. Sicher wird in den nächsten Monaten noch Geld eingehen. Aber wir müssen auch für die Zeit ab März 2019 planen. Da brauchen wir Reserven.
Wir passen die Schülerzahl den Möglichkeiten an, so dass sich diese Zahlen im Laufe des Jahres noch ändern können. Im Augenblick kann OFARIN weniger als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler betreuen als vor einem Jahr - weniger als 4.000. Dabei ist klar, dass die Wirkung des Programmes von der Anzahl der Schüler abhängt.

Allmählich machen wir uns auch Sorgen um unsere Nachfolge. Wir sind fit und haben keine Probleme, unseren Aufgaben nachzukommen. Aber ganz jung sind wir auch nicht. Gerne würden wir bald einen ausländischen Mitarbeiter für unser Team in Afghanistan gewinnen. Mit dem würden wir dann noch möglichst lange zusammenarbeiten. Aber wir könnten uns zurückziehen, wenn es sein muss.
Unsere afghanischen Mitarbeiter erledigen immer mehr selber. Aber die Methoden, die wir eingeführt haben, sind in Afghanistan fremd, auch wenn sie bei den Afghanen gut ankommen. Ohne ausländischen Einfluss sind Rückentwicklung und Stagnation wahrscheinlich.
Vieles ist noch aufzubauen. So haben wir uns noch nicht an das selbständige Schreiben (Berichte, Nacherzählungen, Aufsätze, Briefe) herangewagt. Wir trauen unseren "angelernten" Lehrkräften die Beurteilung von Leistungen der Schüler auf diesen Gebieten nicht zu. Zusätzliche Arbeitskraft und ausländische "Denke" sind wünschenswert.

Vor allem aber ist die dauerhafte Finanzierung eines Programmes von OFARIN unter rein afghanischer Führung nicht vorstellbar.
Trotz des schaurigen Rufes, den Afghanistan hat, halten wir es für möglich, Ausländer zu finden, die sich die Mitarbeit bei OFARIN zutrauen. Für die Organisation LEPCO haben wir in schwierigsten Zeiten (Bürgerkrieg, Taliban-Herrschaft) europäische Ärzte gefunden.
Das größte Problem ist die Finanzierung eines solchen Ausländers. Der sollte einigermaßen bezahlt und ordentlich sozialversichert sein. Mit den Mitteln, die uns z.Z. zur Verfügung stehen, ist das nicht zu leisten. Wir brauchen also mehr Geld.
Bitte, verstehen Sie das nicht falsch! Niemand soll gedrängt werden, noch mehr Geld zu spenden. Sie haben sehr viel getan. Vor einem Jahr hatten wir kaum noch an eine Zukunft von OFARIN geglaubt. Aber jetzt müssen wir überlegen, wie die Zukunft aussehen soll. Es liegt an uns, weitere Geldgeber für unsere Arbeit zu interessieren. Es gibt mögliche Unterstützer, die wir noch nicht angesprochen haben.
Einige Menschen, die gespendet haben, haben sich bei uns für das bedankt, was wir tun. Man sollte es so sehen: Wir tun das gemeinsam. Es gibt keine Zweifel daran, dass wir etwas Richtiges tun. Afghanen, die mit uns zu tun haben, sehen es auch so. Auch sie machen gerne mit, wenn es möglich ist, und bringen Opfer, wenn es nötig ist. Diese Konstellation muss doch die Zukunft für sich haben.