Rundbrief aus Kabul

Viele Spenden eingegangen - OFARIN arbeitet weiter

Kabul, 20.02.2018 - [Der erste Teil des Rundbriefs beschreibt mathematische Aufgaben und wird hier weggelassen um der Gefahr zu begegnen, dass sich einige Leser der Lektüre abwenden, bevor wichtigeres zur Entwicklung von OFARIN berichtet wird:] (...)

Das Lösen mathematischer Rätsel und die statistische Erfassung des Unterrichts sind allerdings nicht unsere Hauptbeschäftigungen. Wir haben Erfolg, weil wir unseren Unterricht selber durchführen und dabei streng darauf achten, dass
?- die Schüler den erlernten Stoff sicher beherrschen und
?- das Erlernte selbständig anwenden können.

Das kann man nur im Team anstreben. Den Unterricht geben Lehrerinnen und Lehrer, die an jedem Tag nur anderthalb Stunden arbeiten. Deren Unterricht besuchen "Trainer". Ein oder zwei Trainer sind aus der Gegend, wo der Unterricht stattfindet. Ist das in einer Moschee, geht der Trainer nur von Klasse zu Klasse. Findet der Unterricht in Privatwohnungen statt, geht er von Haus zu Haus. In jeder Gegend gibt es zwei bis vier Unterrichtsschichten von je anderthalb Stunden. In der Zentrale gibt es weitere Trainer, die immer andere Gegenden besuchen. In der Zentrale von OFARIN wird auch das Unterrichtsmaterial ausgearbeitet. Gut angepasste Lehrbücher und Lehrerbücher werden entwickelt. Und schließlich muss jede Lehrkraft, die ein neues Stoffgebiet unterrichten soll, in der Zentrale zusammen mit einigen anderen Kolleginnen und Kollegen ein Seminar besuchen. Dort wird der gesamte Unterricht über dieses Stoffgebiet durchgesprochen. Seminarteilnehmer, die nicht den Eindruck machen, dass sie das Gebiet beherrschen, müssen das Seminar wiederholen.
Sie sehen, der Unterricht ist "unser Unterricht". Wir können alles so steuern, dass alle diejenigen, die bei uns lernen, auch den Stoff und seine Anwendungen beherrschen. So eng und zielgerichtet geht es nirgends im afghanischen Unterrichtswesen zu. Aber das wird so gewollt. 54 Lehrkräfte, die wir seit Mitte 2017 nicht mehr bezahlen konnten, arbeiten bis jetzt umsonst weiter. Ihr persönliches Opfer zeigt, dass sie OFARINs Unterricht für richtig und wichtig halten.

?ber allem schwebt die Frage, wie es weitergeht. Dazu lässt sich auch heute nicht viel mehr sagen, als vor einem Monat - obwohl der 1. März der Stichtag ist. Bis zu diesem Tag leben wir von einer Abschlussförderung von Misereor. Ab März leben wir von dem Geld, das Sie uns gespendet haben.
Und Sie haben viel gespendet. ?ber 120.000 Euro Spenden sind von Privatpersonen eingegangen. Das zeigt, dass viele Menschen unsere Arbeit für richtig und wichtig halten und das durch persönliche Opfer ausdrücken. Wir haben darüber hinaus einige größere Institutionen angesprochen, vor allem auch Stiftungen. Es kamen durchaus positive Signale zurück. Doch größere Institutionen können nicht spontan entscheiden. Da müssen immer erst Gremien zusammentreten. Wir haben recht gute Hoffnungen, doch bitte ich um Verständnis dafür, dass ich mich nicht über ungelegte Eier auslasse.
Wir gehen davon aus, dass wir für je 100 Lernende 10.000 Euro im Jahr benötigen. Wen es interessiert, wie das gehen soll, der muss mir schreiben! Dem schicke ich eine Ausgabentabelle zu, die von der Zahl der Lernenden, die wir betreuen können, abhängig ist, also letztlich vom Einkommen. Ich schätze, dass wir uns ab März etwas über 2.000 Lernende leisten können. Das ist deutlich weniger, als die 5.000 Schülerinnen und Schüler, die wir jetzt im Februar noch haben, und nur ein Bruchteil der 9.000, die wir bis Mitte 2017 unterrichteten. Organisatorisch könnten wir 9.000 Lernende problemlos wieder bewältigen. Die Lehrkräfte von damals kämen alle gerne wieder.
Wenn 2.000 oder sogar weniger Schülerinnen und Schüler kommen, sind auf jeden Fall die Methoden von OFARIN gerettet und wir haben Zeit, uns um weitere Geldgeber zu bemühen. Aber je geringer die Zahl der Lernenden wird, desto weniger Zukunftshoffnungen verbreitet unser Programm und von desto mehr Mitarbeitern müssen wir uns noch trennen.