Allg. Zeitung Mainz:

Frechheit siegt - Kommentar von Friedrich Roeingh zu Turkei und Syrien

Garbsen, 19.01.2018 - Wenn die Kriegsmaschine einmal läuft, ist sie nur schwer aufzuhalten. Zumindest wenn die Situation so vertrackt ist wie in Syrien und es zwar Gewinner und Verlierer, aber keine eindeutigen Sieger gibt, die für eine Friedensordnung sorgen könnten. Nun macht sich also die Türkei daran, das kurdische Grenzgebiet mit Waffengewalt unter ihre Kontrolle zu bringen. Eigentlich eine undenkbare Operation. Weil die Türkei Mitglied der Nato ist und genau diejenigen Kurdenmilizen zurückschlagen will, die von den USA und auch Deutschland im Kampf gegen den IS bewaffnet worden sind. Und weil die Russen als die eigentlichen Machthaber in Damaskus einer Nato-Macht diesen Schritt normalerweise nicht durchgehen lassen würden. Offenbar ist aber der bevorstehende Einmarsch der Türkei in Afrin sehr wohl mit Russland abgestimmt. Was zeigt, dass der Kreml bei der Demonstration seiner im Syrien-Krieg wiedergewonnenen geostrategischen Stärke auch nicht vor den ungewöhnlichsten Entscheidungen zurückschreckt - nur um die USA zu provozieren. Der Vorgang zeigt auch, wie sich die USA mit der Abkehr Trumps vom Anspruch der Ordnungsmacht selbst geschwächt haben. Und der Vorgang zeigt drittens, wie weit es der türkische Staatspräsident Erdogan mit seiner Strategie der Unverfrorenheit schon gebracht hat. Deutschland und die Europäische Union sind inzwischen so sehr auf eine Normalisierung des Verhältnisses zu Ankara bedacht, dass sie Erdogan schon nicht einmal mehr beim Kriegführen reinreden mögen. Frechheit siegt. Das Beispiel ist eine Blaupause für jeden Machthaber, wie man völkerrechtswidrige Grenzverletzungen aufzieht.