Erkenntnisse bei den Vorbereitungen des arte-Films:

Kinder & Jugendliche lernen in 12 Jahren Schulzeit kaum das Schreiben und das Rechnen - Wir sind nicht unschuldig daran

Randersacker, 15.09.2017 - In Rundbriefen und sonstigen Berichten hatte ich behauptet, dass die meisten Kabuler Abiturienten Analphabeten seien. Vielleicht könnten die nach zwölf Schuljahren einige Wörter entziffern, aber ganze Texte verstünden sie nicht. Die Rechenkünste gingen bei den meisten Absolventen der Gymnasien nicht über die Addition und Subtraktion einstelliger Zahlen hinaus. Solche Befunde beruhten auf den Erfahrungen von meinen Kollegen und mir. Immerhin beschäftigen wir rund 550 Lehrkräfte, die alle unsere Seminare durchlaufen. Auch Gespräche mit Lehrern und Eltern bestätigten die Einschätzungen, ebenso wie Berichte von Entwicklungshelfern, die in der Schul- oder Berufsausbildung tätig sind.

Dennoch war mir nie ganz wohl dabei, wenn ich meine Behauptungen über afghanische Schulen von mir gab. Ich konnte es nämlich selber kaum glauben: Zwölf Jahre Schule in denen nichts - absolut nichts - gelernt wird. Das war auch eine Frage von OFARINs Glaubwürdigkeit. Menschen in Europa stellen sich unter Schulen eben Schulen vor, nämlich Schulen wie die, in die sie selber gegangen sind. Wie können mir Menschen in Europa abnehmen, dass man in Afghanistan in zwölf Schuljahren absolut nichts lernt, wenn ich selber Mühe habe, das zu begreifen, obwohl ich überwiegend in Afghanistan lebe und viele afghanische Schüler, Lehrer und Eltern kenne? Auch deutsche Landsleute, die in Afghanistan andere Pflichten erfüllen, etwa Entwicklungsexperten aus dem Gesundheitswesen oder der Landwirtschaft, Soldaten oder Diplomaten, sind verblüfft, wenn ich aus dem Nähkästchen plaudere. Mancher mag meine Geschichten und Einschätzungen als Teil der Selbstdarstellung von OFARIN abgebucht haben: "Na klar, der muss ja die staatlichen Schulen schlecht machen, damit die von OFARIN umso prächtiger und wichtiger dastehen."

Als jetzt der Film (der noch in diesem Jahr bei arte gezeigt werden wird - Anm. d.Redaktion) vorbereitet und gedreht wurde, ging es auch darum, den Unterschied zwischen OFARINs Schulen und den staatlichen afghanischen Schulen sauber herauszuarbeiten und glaubwürdig darzustellen. Wir sprachen mit Menschen, die im staatlichen Schulwesen arbeiten, etwa mit der afghanischen Leiterin der Unterstufe eines Gymnasiums. Solche Schulpraktiker berichteten, dass sie einen festen Unterrichtsplan einhalten müssen. Dabei dürfe keine Rücksicht darauf genommen werden, ob die Schüler verstünden, was unterrichtet wird. Wiederholung von Stoff, den die Schüler offensichtlich nicht begriffen haben, sei verboten.
Die heutige Lehrerausbildung sei katastrophal. Die Lehrer würden nur noch in einem Fach ausgebildet. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die sich in Abendkursen zur Lehrerin ausbilden ließ. Als ich ihr zum erfolgreichen Abschluss gratulierte, äußerte ich die Hoffnung, dass sie jetzt auch besser rechnen könne. "Wieso rechnen?" fragte sie. "Ich bin doch keine Mathematiklehrerin. Ich bin Erdkundelehrerin." Aber die Lehrerausbildung könne man ohnehin vergessen, meinten die Schulpraktiker. Sehr viele Lehrkräfte würden auf Grund von Schmiergeldzahlungen eingestellt. Die seien vollkommen unqualifiziert, oft Analphabeten.
Wir sahen uns Schulbücher für die erste Klasse an und trauten unseren Augen nicht: In der Fibel, mit deren Hilfe die Schüler ihre Muttersprache lesen und schreiben lernen sollen, wurde als erstes der Buchstabe Alef eingeführt. Es standen dort verschiedene Texte, in denen auch alle anderen Buchstaben verwandt wurden, obwohl sie den Schülern noch unbekannt waren. Das Alef war nur dadurch hervorgehoben, dass es rot gedruckt war.
Die arabische Schrift sowie die davon abgeleiteten Schriften der afghanischen Sprachen Dari und Paschtu werden von rechts nach links geschrieben. In diesen Schriften muss innerhalb eines Wortes nach ganz bestimmten Buchstaben nach links hin ein Abstand zum nächsten Buchstaben eingehalten werden. Nach allen anderen Buchstaben darf das nicht sein. Diese wesentliche Tatsache wird im Unterricht der Schulen überhaupt nicht erwähnt.
Der Rechenunterricht begann ganz zum Anfang damit, dass die Schüler die Zahlen von eins bis zehn mit Buchstaben lesen und schreiben mussten, obwohl sie noch fast keinen Buchstaben kennen gelernt hatten.

Die genannte Unterstufendirektorin berichtete auch, dass jede ihrer Klassen von 70 bis 72 Schülern besucht wird. Unter solchen Umständen kann der Lehrer bestenfalls mit einem kleinen Bruchteil der Schüler arbeiten. Wie sehr man diese Zustände verallgemeinern muss, weiß ich nicht. Aber Klagen über Überbelegung hört man häufig. Die meisten Schulgebäude werden in drei Schichten genutzt. Bei den hohen Kinderzahlen der afghanischen Familien ist das Land mit dem Bau von ausreichend Schulgebäuden überfordert. Hinzu kommt, dass alle afghanischen Schulen im Prinzip Gymnasien mit zwölf Jahrgangsstufen sind. Wird heute eine neue Grundschule mit sechs Jahrgangsklassen eröffnet, so ist in sechs Jahren daraus ein Gymnasium geworden. Die meisten Schüler sitzen Klasse für Klasse ab. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Schüler keine berufliche Beschäftigung finden. So bleibt nur die vage Hoffnung auf einen Posten im Staatsdienst. Voraussetzung für den Eintritt in den öffentlichen Dienst ist aber das Absitzen von mindestens neun, möglichst zwölf Schulklassen.
Was wir während der Fernsehaufnahmen lernten, hat meine Skrupel verscheucht. Die afghanischen Schulen leisten wirklich absolut nichts.

Eine gestandene Lehrerin, die noch zur Zeit der Kommunisten ausgebildet worden war, behauptete, zu ihrer Zeit sei die Lehrerausbildung eine ganz andere gewesen. Auch deutsche Entwicklungshelfer, die vor Krieg und Bürgerkrieg an pädagogischen Hochschulen unterrichtet hatten, erinnern sich daran, dass in den siebziger Jahren solide ausgebildet wurde.
Die Kommunisten gaben die Macht 1992 ab. Danach begann ein Bürgerkrieg. Dann herrschten in den meisten Landesteilen die Taliban. Nennenswerten Schulunterricht gab es in dieser Zeit kaum. 2001 wurden die Taliban vertrieben. 2002 begann der Wiederaufbau.
Seitdem wird der gesamte Staatsdienst Afghanistans von der internationalen Gemeinschaft finanziert. Wie die Staatsverwaltung ihre Aufgaben mit dem ausländischen Geld erledigt, ist Angelegenheit Afghanistans. Schließlich ist Afghanistan ein souveränes Land. Auch das Schulwesen blieb frei von ausländischen Einmischungen. Das Ausland baut noch Schulgebäude für Afghanistan. Sonst werden von ausländischen Organisationen Lehrerfortbildungen angeboten. Ob diese irgendwelche Auswirkungen auf die Unterrichtspraxis haben, kann man nicht nachprüfen. Dazu müsste man sich schließlich in die Intimität des afghanischen Schulwesens hineindrängeln. Doch die Souveränität darf nicht angetastet werden.
Wer aber steuert das Unterrichtswesen? Dazu wären tüchtige Experten nötig, und nicht zu wenige. Die müssten entgegen allen afghanischen Gepflogenheiten willens sein, konstruktiv zusammen zu arbeiten. Doch woher sollte Afghanistan diese Fachleute nehmen? Was für Personal stand 2002 zur Verfügung? Es gab viele Kriegskommandanten, die alle reichlich Gefolgsleute hatten, die versorgt werden mussten. Es gab noch einige Verwaltungsbeamte, die unter den fragwürdigsten Regimen gedient hatten. Vom Unterrichten verstand niemand etwas. Es lag auf der Hand, dass Afghanistan "Schule nicht konnte". Aber sowohl die zahlende internationale Gemeinschaft als auch der afghanische Staat verdrängten diese Tatsache.
Das Erziehungsministerium verstand schnell, dass kein Geldgeber genau hinsehen wollte. Man bastelte sich sein Unterrichtswesen selber. Und so kam es zu den unsäglichen Bestimmungen, die die Unterrichtsabläufe steuern, und zu den vollkommen unbrauchbaren Schulbüchern, von denen oben berichtet wurde. Vieles ist vom afghanischen Hang zu grundsätzlichen Regelungen geprägt. Nur fanden in den Regelungen keine didaktischen oder pädagogischen Prinzipien ihren Niederschlag. Woher hätten die auch kommen sollen? Das Resultat sind Schulen, in denen ein großer Teil der Jugend zwölf Jahre dahin dämmert. Wenn nötig sorgte man für Scheinlösungen. So muss ein ausreichender Lehrernachwuchs nachgewiesen werden. Das ist kein Problem. Man stellt bei der Lehrerbildung fast keine Ansprüche.
Lehrer sagen offen, dass sie unter den gegebenen Umständen den Schülern nichts beibringen können. Viele kommen oft nicht zu ihren Unterrichtsstunden. Die Beamten der Schulverwaltungen haben es längst aufgegeben, die Schulen zu beaufsichtigen. "Es bringt ja doch nichts." Wer Erziehungsminister wird, empfindet das als Demütigung. Verteidigungs- oder Außenminister, das wird man gerne. Aber als Erziehungsminister ist man einer Behörde vorgesetzt, von der jeder weiß, dass sie nichts leistet. Als Minister hat man keine Chance, das zu ändern. Niemand weiß Rat. Der Erziehungsminister kann nur das tun, was alle seine Beamten und Lehrer schon lange getan haben: Resignieren.
Afghanen beschuldigen auch die Lehrer, Schulleiter und die Bürokraten in der Schulverwaltung der Korruption. Vermutlich trifft das zu. Aber was machen Menschen, die einer Aufgabe gerecht werden sollen, von der sie wissen, dass das unmöglich ist? Ich kenne viele Afghanen, die glücklich sind, wenn sie einer sinnvollen Arbeit nachgehen können. Solche Menschen denken kaum an Schmiergeld und an krumme Geschäfte.
Doch wer ist schuld am Scheitern des afghanischen Unterrichtswesens? Es muss zumindest den Experten der internationalen Gemeinschaft von Anfang an klar gewesen sein, dass Afghanistan nicht in der Lage ist, mit eigenem Personal ein funktionierendes Schulwesen aufzubauen, auch wenn man dafür reichlich Geld zur Verfügung stellt. Hätte man ernsthaft gewollt, dass ein leistungsfähiges Unterrichtswesen entsteht, hätte man mit einem erheblichen Aufgebot an fremden Fachkräften in die afghanischen Schulen eingreifen müssen. Das galt nicht nur 2002. Man hätte in den anderthalb Jahrzehnten, in denen seitdem sinnlos Geld vergeudet wurde, jederzeit handeln können. Und man könnte es heute noch.
Ich arbeite nicht im afghanischen Schulwesen, aber in ziemlicher Nähe dazu. Andere Bereiche des afghanischen Staatsdienstes sind mir nicht so vertraut. Doch bin ich sicher, dass meine Einschätzungen auch für fast alle anderen Zweige des öffentlichen Dienstes gelten.

Randersacker im September 2017
Peter Schwittek