Rundbrief aus Afghanistan und Nachruf

Dr. Ruth Pfau und ihr Kampf gegen die Lepra

Kabul, 13.08.2017 -

Liebe Freude,

es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass unser Ehrenmitglied, Frau Dr. Ruth Pfau, am 10. August, im Alter von 88 Jahren in Karachi gestorben ist.

Ruth Pfau war eine deutsche Ärztin und Ordensfrau. Sie hat im größten Teil Pakistans die Bekämpfung der Lepra effizient organisiert, so dass man diese Krankheit in Pakistan weitgehend im Griff hatte. Das heißt: Man hatte alle Lepra-Kranken geheilt und betreute die Patienten noch, denn die Sekundärfolgen der Lepra - Augenkrankheiten, Zerstörung der Nerven, Lähmung von Gliedern, schwärende Wunden - verschwinden nicht, auch wenn die Krankheit selber aus dem Körper vertrieben wurde.
In Pakistan wurden neue Fälle, die wegen der langen Inkubationszeit der Lepra immer noch auftraten, schnell erfasst. Doch zahlreiche Leprakranke kamen in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch aus Afghanistan nach Pakistan, namentlich aus dem zentralafghanischen Hasaradschat.

Ruth Pfau ging an die Wurzeln. Sie bildete einige ehemalige afghanische Leprapatienten zu Lepratechnikern aus und reiste mit diesen 1984 ins Hasaradschat, um dort die erste Lepraklinik im Bezirk Malestan zu errichten. Da ich genau zu der Zeit Schulen des Freundeskreises Afghanistan im Nachbarbezirk Jaghori besuchte, habe ich Ruth Pfau dort kennen gelernt.
Zu der Klinik in Malestan kamen weitere in Jaghori, Lal, Yakaolang, Pandschau, Waras und Schahrestan. Das ganze lief seit 1986 unter dem Namen Lepco (von Leprosy Control). Geldgeber für Lepco waren Misereor, der Deutsche Caritasverband und das DAHW (heute: Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe). Man muss sich klarmachen, dass das alles während des Krieges der afghanischen Mudschaheddin gegen die Kommunisten geschah, die von einer sowjetischen Militärbesatzung unterstützt wurden.
Es hatte schon in den siebziger Jahren eine Lepraklinik der evangelischen Bruderschaft der Christusträger in Jalrez in der Provinz Maidan-Wardak gegeben. Die Christusträger wurden aber von den Kommunisten gezwungen, sich nach Kabul zurück zu ziehen, von wo aus sie heute noch die Lepra und einige andere Krankheiten (Tuberkulose, Leischmaniasis, Epilepsie) bekämpfen. Die Zentrale von Lepco wurde schließlich nach Mazar-e-Scharif verlegt und auch dort entstanden zwei Kliniken. Lepco übernahm auch die Bekämpfung, der in Afghanistan virulenten Tuberkulose.

Ruth Pfau unterstützte die Arbeit in Afghanistan noch durch ihren persönlichen Einsatz. Sie hielt im Hasaradschat Fortbildungen und Seminare ab. Die rechtliche Verantwortung für die Arbeit übernahm der Verein "Gesundheitshilfe Afghanistan e.V." (GESA), der personengleich mit unserem bald darauf gegründeten OFARIN war.

Ruth Pfau war Mitglied in beiden Vereinen. Aus gesundheitlichen Gründen konnte sie sich später die beschwerlichen Reisen nach Afghanistan nicht mehr zumuten und bat uns darum, ihre aktive Mitgliedschaft zu beenden. Seitdem ist sie unser Ehrenmitglied. Der Verein GESA sah, dass er schon aus mangelnder medizinischer Kompetenz ein Programm wie Lepco nicht mehr ausreichend begleiten und fördern konnte, übertrug seine Aufgaben auf die Lepra- und Tuberkulosehilfe und erklärte 2010 seine Auflösung.

Jeder, der Ruth Pfau kennen lernen durfte, war von Ihr beeindruckt. Sie paarte einen klaren analytischen Weitblick mit Geistesgegenwart und Spontaneität. Wir haben nur einen Bruchteil von dem gesehen, was sie aufgebaut hat. Aber so geht es wohl jedem, der sie ein Stück Weges begleitete.
Viele Menschen haben sie nur über die zahlreichen Bücher kennen gelernt, die sie geschrieben hat. Und auch unter denen, die sie nur über das bedrucke Papier erlebten, hatte sie eine eindrucksvolle Fan-Gemeinde. In diesen Büchern findet man viel über ihre Erlebnisse und über beglückende menschliche Begegnungen. Ruth Pfau ging sehr klug und differenziert auf politische und vor allem religiöse Fragen ein. Sie hat mit viel Vernunft für Frieden und Ausgleich gesorgt.

Kabul im August 2017 Peter Schwittek