Ethno Nr.6

Religion und Stammesgesellschaft

Randersacker, 29.07.2017 -

Liebe Leser, liebe Freunde,
jetzt scheint wieder Ordnung einzukehren. Auf den Rundbrief folgt pünktlich ein Ethno. Nach meinem Verständnis sollte das aber der letzte Ethno sein. Bei Gelegenheit werden noch ein oder zwei Krimis folgen - aber das wäre es dann. Insbesondere die Ethnos sind für mich abgeschlossen.
Ich habe versucht in groben Zügen, das aus der afghanischen Gesellschaft zusammen zu stellen, was ich verstanden zu haben meine. Das erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Aber, wenn man die Ethnos im Zusammenhang liest, bilden sie ein geschlossenes Ganzes. Mir sind nachträglich einige Ergänzungen eingefallen, die man nachreichen sollte. So ist es bei sehr vielen Afghanen wichtig, dass man Partner aus der engeren Verwandtschaft heiratet. Also auch die Hochzeit und das Kinderkriegen sind dem Wohl des eigenen Stammes, ja der eigenen Sippe untergeordnet. Hier zeigt sich eine bewusste Bindung an die ethnische Herkunft, die es bei uns in dieser Form nie oder lange nicht mehr gegeben hat. Vielleicht müssten solche Phänomene und einiges andere, was mir nachträglich eingefallen ist, in einem Ergänzungs-Ethno zusammengefasst werden. Aber ich träume davon, die Ethnos und Krimis zusammen zu stellen. Da könnten solche Ergänzungen auch gut untergebracht werden.

Doch, wie gesagt: Die Ethnos sind, so wie sie bisher verschickt wurden, für mich eine Gesamtheit. Da kann man noch dies oder das hinzufügen. Aber das ändert nichts an der Geschlossenheit.

Die Ethnos sind nicht bei allen von Ihnen gut angekommen. Es wurde mir vorgeworfen, dass ich mit meinen Schilderungen vieles, was die Afghanen tun, in Schutz nehme und schön rede. Und dass ich das Tun der Afghanen an keinen objektiven Moralmaßstäben messe.
Solche Einwände beruhen meines Erachtens auf Missverständnissen. Wenn ich herausfinden will, warum ein Afghane anders handelt als Sie oder ich, komme ich nicht weiter, wenn ich ihm Vorwürfe mache, die ich aus Moralvorstellungen ableite, die ihm fremd sind.

Aber Ihre Einwände sind prima. Sie zeigen, dass ich manches nicht so ausgedrückt habe, wie ich es eigentlich gemeint habe. Das muss ich korrigieren. Daher bitte ich Sie, jetzt ihren Unmut über das, was ich insbesondere in den Ethnos geschrieben habe, von sich zu geben. Vermutlich werde ich nicht in jedem Fall persönlich antworten. Aber ich werde sehen, dass der Text nicht so bleibt, dass wir aneinander vorbei reden.

Es ist fraglich, ob der jetzt noch folgende Text viel Anlass zu Missverständnissen geben wird. Es geht um den Islam. Und ich bin, grob gesagt, der Meinung, dass die Religion in Afghanistan wenig Einfluss auf die Stammesgesellschaft gehabt hat. Aber vielleicht irre ich mich. Bitte streiten Sie!


Religion und Stammesgesellschaft


Zu Beginn des siebenten Jahrhunderts war die arabische Gesellschaft eine Stammesgesellschaft. Die meisten Stämme beteten verschiedenste Götter und Geister an. Es lebten dort auch einige Stämme christlichen oder jüdischen Glaubens. Dann trat der Prophet Mohammed auf. Er hatte die Vision einer neuen monotheistischen Religion, in der alle Menschen vor Gott gleich sein sollten wie bei den Juden und Christen. Mohammed hatte einiges von den Lehren der Christen und Juden erfahren. Zunächst hoffte er sogar, jüdische Stämme zu seiner neuen Religion zu bekehren, womit er aber scheiterte.

Wenn möglichst viele Menschen die neue Religion zu der ihren machen sollten, musste diese Religion von den Vorstellungen der Menschen ausgehen. Die Menschen mussten dort "abgeholt werden, wo sie waren". Die neue Religion konnte die Bedingungen einer Stammesgesellschaft nicht ignorieren. In der Stammesgesellschaft sind Frauen den Männern nicht gleichberechtigt. In der neuen Religion erbten Töchter nur halb so viel wie ihre Brüder. Bei Rechtsstreitigkeiten sind zwei Frauen als Zeugen so viel wert wie ein Mann. Moslems behaupten, dass Frauen in vorislamischer Zeit gar nichts erbten und als Zeuginnen nicht in Frage kamen. So sind die Bestimmungen der neuen Religion als Kompromiss zu sehen. Vor Gott sind Frauen so viel wert wie die Männer. Aber im Zivilleben der Stämme wäre die volle Gleichberechtigung der Frau dann doch zu viel des Guten gewesen.

Ein ordentlicher Moslem dürfte empört darüber sein, wie ich das Entstehen seiner Religion beschreibe. Für ihn ist die neue Religion, also der Islam, dem Propheten Mohammed Wort für Wort von Gott durch einen Erzengel übermittelt worden. Das Übermittelte ist im heiligen Buch des Islam, dem Koran, niedergeschrieben worden. Was im Koran steht, ist für alle Zeiten gültig. Bei einem Afghanen oder einem Saudi kommt es nicht gut an, wenn ein Außenstehender verbreitet, dass vieles in seiner Religion recht menschlichem Kalkül zu verdanken sei und aus einer speziellen gesellschaftlichen Konstellation heraus verstanden werden muss. Doch es gab und es gibt islamische Gelehrte, die ebenfalls daran zweifeln, dass alles im Koran rein göttlichen Ursprungs ist und dass alle Aussagen dort für alle Zeiten und alle menschlichen Gemeinschaften gelten sollen.
Die einzelnen Kapitel des Koran heißen Suren. Einige der Suren, die spät entstanden sind, enthalten Anweisungen, von denen plausibel ist, dass sie sich auf ein konkretes Geschehen beziehen.
Da wird z.B. den Gläubigen vorgeschrieben, dass sie sich von den Feinden distanzieren und diese mit allen Mitteln bekämpfen sollen. Das versteht man, wenn man weiß, dass die Gemeinschaft des Propheten Mohammed sich zu einem Staat entwickelte, der mit Feinden im Krieg stand. Die Anweisungen sind konkrete Anordnungen an die Leute des Propheten in einer bestimmten historischen Situation. Sie galten für einen bestimmten Zeitpunkt und nicht für alle Ewigkeit. Den Moslems ist es nämlich keineswegs vorgeschrieben, dass sie alle Andersgläubigen bis in alle Ewigkeit meiden und bekämpfen sollen. An anderen Stellen des Koran wird beschrieben, wie Moslems mit Menschen anderen Glaubens friedlich auskommen sollen.
Das sahen einige Gelehrte so, die auch andere geschichtliche Ereignisse analysiert hatten. Solche Gelehrten lebten in kulturellen Zentren des Islam wie Bagdad, Kairo oder Damaskus oder an den Höfen mächtiger Fürsten. Doch in den Stammesgesellschaften Arabiens oder Afghanistans analysiert oder hinterfragt man nicht.

Die meisten Afghanen sind überzeugt, dass das Zusammenleben der Menschen durch das Scharia-Recht geregelt werden sollte. Das Scharia-Recht ist ein Bündel von Rechtsvorschriften für dieses Zusammenleben, die aus dem Koran und den Traditionen des Islam abgeleitet wurden. Gut 200 Jahre nach dem Tod des Propheten wurde es zusammengefasst. Das geschah durch gebildete Schriftgelehrte in den damals blühenden Zentren der islamischen Kultur. Da gingen viele Vorstellungen ein, die die Menschen in den großen Städten hatten. Die Scharia gab also nicht nur das wieder, was bei den Stämmen Arabiens oder Afghanistans für richtig gehalten wurde. Viele Kompromisse mussten gemacht werden, um ein gemeinsames Recht für den inzwischen riesigen Raum der islamischen Welt zu schaffen. Viele Rechtsregeln konnten außer Kraft gesetzt werden, wenn das dem Frieden in einer Region diente. Das Scharia-Recht ist also sehr flexibel.
Das brachte Menschen dazu, zu überlegen, ob es möglich sei, das Scharia-Recht so auszulegen, dass es mit allen Menschenrechtskonventionen der UN übereinstimmt. Die Iranerin Schirin Ebadi machte viele Vorschläge, wie das zu erreichen sei. Sie erhielt dafür den Friedensnobelpreis - und wurde inzwischen von den Mullahs gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen.

Es wurde schon erwähnt, dass nach der Scharia niemand gegen seinen Willen dazu gezwungen werden darf, eine bestimmte Person zu heiraten. Diese Regel wird in Afghanistan souverän übergangen, obwohl sie dort nicht unbekannt ist. So kommt es vor, dass Schaden, den eine Sippe einer anderen Sippe zugefügt hat, dadurch kompensiert wird, dass die eine Sippe der anderen Sippe eine Anzahl Mädchen zur Heirat ausliefern muss.
Grob gesagt wird in Afghanistan der Islam so gelebt, wie er ursprünglich in einer Stammesgesellschaft offenbart wurde. Ein gläubiger Afghane wird also das Scharia-Recht als einen wichtigen Bestandteil seiner Religion bezeichnen. Allerdings lässt er die Teile dieses Rechts weg, die nicht zu seiner Stammesgesellschaft passen.
Der Islam war am Anfang auf Stammesgesellschaften wie in Arabien oder Afghanistan zugeschnitten. Das Herrschaftsgebiet des Islam hat sich dann schnell ausgeweitet. Die Religion trug sehr dazu bei, dass in vielen Gegenden die Philosophie und die Kultur aufblühten. Der Islam nahm viele Anregungen aus seinen neu erworbenen Gebieten auf und entwickelte sie weiter. Auch in Afghanistan entstanden hoch entwickelte kulturelle Zentren in Ghazni, in Herat und in Balkh. Aber sie gingen schnell in Kriegswirren unter. Die vorislamische Stammesgesellschaft blieb bestimmend. Allerdings hielt man die alten Regeln des Zusammenlebens innerhalb des Stammes jetzt für islamisch. Was an kulturellen Neuerungen in die Religion eingeflossen war, wurde ignoriert, sofern es sich nicht mit den Stammestraditionen vertrug.
In Saudi-Arabien wurde sogar eine dem ursprünglich offenbarten Islam nahestehende Version des Islam, der Wahabismus, Staatsreligion. Kennzeichnend für den Wahabismus ist die wörtliche Auslegung des Koran und die Intoleranz gegenüber allen nicht-sunnitischen Konfessionen des Islam sowie allen anderen Religionen. Saudi-Arabien ist dank seiner Öleinnahmen ein reiches Land. Es hat die Mittel, den Wahabismus mit missionarischem Eifer in anderen Ländern wie Pakistan zu verbreiten. Saudi-Arabien unterstützt in schiitisch beherrschten Ländern regierungsfeindliche Bewegungen. Einige einflussreiche Saudis und sogar Mitglieder der Königsfamilie scheinen auch den "Islamischen Staat" zu fördern. Dessen religiöse Basis ist eine Version des Islam, deren Hauptziel die Vernichtung der Ungläubigen ist.