Lesung in Garbsen:

Integration ist Tekkals Lebensthema

Duezen Tekkal liest in der Garbsener Stadtbibliothek aus ihrem Buch "Deutschland ist bedroht".

Garbsen, 17.05.2017 - Ein Anruf im August 2014 hat Düzen Tekkals Leben verändert. "Hilf uns, wir werden alle getötet", flehte der Anrufer eindringlich, ein Mann, den die Journalistin nicht kannte. Mehrere Anrufe folgten, die Anrufer weinten, baten verzweifelt um Unterstützung. Der sogenannte Islamische Staat (IS) hatte begonnen, Jesiden zu ermorden. Düzen Tekkal ist Kurdin, Deutsche und eine von 100.000 Jesiden in Deutschland. Die Fernsehjournalistin packte zusammen, reiste mit einem Filmteam in den Irak, ihr Vater begleitete sie. Im Nordirak erlebte sie den Terror gegen ihr Volk hautnah mit. "Ich bin als Journalistin gefahren und kam als Menschenrechtsaktivistin zurück", sagt Tekkal anlässlich der Lesung ihres Buches "Deutschland ist bedroht" in der Garbsener Stadtbibliothek.

Mit großer Wucht und sehr authentisch schildert Tekkal in den ersten Kapiteln ihre Reise. "Mein Buch ist durchaus biografisch", sagt sie. Und: "Ohne das Massaker im Nordirak wäre es nicht entstanden." Was die Journalistin dort an unfassbarem Leid mitansehen musste, hat sie in dem Dokumentarfilm "H?war ? Meine Reise in den Genozid" verarbeitet. "Der Völkermord, den der IS an den Jesiden verübt hat, hat mich mutig gemacht", schreibt Tekkal. Für sie sei es eine Mission, ihren Leuten zu helfen und auf das Leid aufmerksam zu machen. Anfangs habe das auch als mutig gegolten, inzwischen heißt es, sie begebe sich in Gefahr. Eine große Kinokette will den Film nicht zeigen, aus Angst vor Anschlägen. Tekkal erhält nach Talkshows regelmäßig Drohungen.

Düzen Tekkals Biografie, ihr Aufwachsen in Hannover-Linden in einer riesigen Familie, ihre Reise in den Nordirak, sind nur ein Teil des Buchs. Die Journalistin beschreibt nicht nur ihr Ankommen in einer freien offenen Gesellschaft, das geprägt ist von einem starken Elternhaus. "Alle Menschen sind gleich", das hat Düzen Tekkals Vater ihr und ihren Geschwistern vermittelt. Starke Vorbilder waren die Oma, "eine wahre Löwin", und auch ihre Mutter, eine Analphabetin, aber frei und selbstbestimmt. Sie brachte ihren Kindern bei, dass und warum man sich anstrengen muss, um sein Leben zu meistern. "Der Bildungsehrgeiz zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Familie", erzählt Düzen Tekkal.

Tekkal ist in beiden Welten aufgewachsen, in der deutschen und der kurdisch-jesidischen: "Vielleicht erklärt das, warum ich so kämpfe", schreibt sie. Sie habe sich nie zerrissen gefühlt: "Ich saß nicht zwischen den Stühlen, sondern wechselte hin und her." Das habe sie immer als sehr bereichernd erlebt. "Es geht nicht darum, woher man kommt, sondern, wo man steht", betont Tekkal.

Leidenschaftlich plädiert die Autorin in ihrem Buch für demokratische Grundrechte, für Toleranz, Meinungs- und Pressefreiheit. "Werte, von denen wir geglaubt haben, dass sie in Deutschland selbstverständlich sind." Tekkals Analyse zielt nicht nur auf die islamistischen Hardliner, sondern auch auf die wachsende Gewalt von Rechts: Jeder der beiden "bösen Zwillinge" ? gemeint sind Rechtspopulismus und Islamismus ? verhöhne die Errungenschaften des Grundgesetzes und stelle Werte wie Meinungsvielfalt in Frage. Der zum Teil undifferenzierte Umgang mit ihren Veröffentlichungen und Anliegen zeige deutlich, wie sehr diese Werte bedroht seien. Energisch fordert Tekkal das Einstehen für diese Werte. Ihr Buch will ein Beitrag zu einer Debatte sein, die unbedingt geführt werden müsse.


Integration ist ihr Lebensthema

Düzen Tekkal besetzt es als Mensch, als Journalistin, und auch politisch. "Wie sich Integration anfühlt, habe ich schon als Kind erlebt und begriffen", sagt sie. Viele deutsche Kinder hätten ihr Anderssein akzeptiert, Probleme habe es eher mit Kindern von sogenannten Gastarbeiterkindern gegeben. Wichtig sei eine frühzeitige werteorientierte Bildung, die Vermittlung von Demokratie- und Staatsverständnis. "Da müssen wir viel selbstbewusster sein", sagt sie. "Wir müssen den Nahostkonflikt in die Lehrpläne aufnehmen. Und die Themen Rassismus und Antisemitismus auch in Zuwandererfamilien diskutieren."

Dafür setzt sie selbst auf die Macht der Begegnung: "Ich bin viel in Schulen, komme mit Flüchtlingsinitiativen, mit Bürgerinitiativen zusammen. Dort zeigen wir unsere Filme, laden zu Podiumsdiskussionen ein, um Vorurteile abzubauen und den Menschen zeigen, dass wir eigentlich gemeinsame Werte haben, unabhängig davon, wo jemand herkommt." "Wir dürfen uns nicht auf die Herkunft oder Religion reduzieren", sagt Tekkal. "Das ist die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit dem Grundgesetz? Und stehen Religion und Kultur darüber?", sagte Professor Rolf Wernstedt, ehemaliger Niedersächsischer Kultusminister, der unter den Zuhörern war.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie als Kurdin der PKK angehöre, antwortete Tekkal mit einem entschiedenen "Nein". Die differenzierte Auseinandersetzung mit ihrem Buch und ihrer Haltung sei ihr wichtig. "Ich scheue mich nicht vor Konflikten, ich bin dialogbereit", betont Tekkal. "Es geht bei der Diskussion nicht um die Jesiden, sondern darum, was Menschen mit Menschen machen." Ein kraftvolles Plädoyer für ein friedliches Miteinander. Langer Applaus.

Für die Garbsener Stadtbibliothek war die Lesung Tekkals und damit die Präsentation eines zeitaktuellen politischen Buchs eine Premiere. Am 1. Juni ist der Sozialwissenschaftler Harald Welzer zu Gast, der sein Buch "Wir sind die Mehrheit" vorstellen wird. "Beide Autoren eint die Streitbarkeit für gesellschaftliche Werte auf Basis des Grundgesetzes zum Erhalt der Demokratie", sagt Bibliotheksleiterin Sabine Eilers. "Es ist die Aufgabe von Bibliotheken, den gesellschaftlichen Diskurs anzuregen."


Kurzinterview

Die Journalistin Düzen Tekkal liest in der Garbsener Stadtbibliothek aus ihrem Buch "Deutschland ist bedroht". Mit ihr spricht Stadtsprecherin Jutta Grätz.

Frau Tekkal, wie ist Ihre Beziehung zu Garbsen?

Ich bin mit 16 Jahren mit meinen Eltern von Hannover nach Berenbostel gezogen, viele meiner zehn Geschwister sind in Garbsen zur Schule gegangen. Ich erinnere mich an gute Schulen mit einem hohen Leistungsniveau. Meine Schwester Tugba hat früher in der Damenmannschaft des TSV Havelse gespielt, heute ist sie beim Bundesligaverein 1. FC Köln. Garbsen ist ein Stück Heimat, ich habe eine norddeutsche Seele.

Wie kam der Kontakt für die Lesung zustande?

Frau Rodenwald von der Stadtbibliothek hat direkt über mein Büro angefragt. Mein Terminkalender ist zwar sehr voll, aber ich wollte die Lesung in Garbsen unbedingt möglich machen. Für mich ist der heutige Abend etwas ganz Besonders, umso mehr, weil meine Eltern heute dabei sind.

Ihr großes Thema: Wie kann Integration gelingen? Was ist Ihre ganz persönliche Strategie?

Integration ist eine hochemotionale Angelegenheit. Die Basis sind die Macht der Begegnung und die offene und ehrliche Auseinandersetzung ? auf den demokratischen Werten unseres Grundgesetzes. Neben der Willkommenskultur braucht es aber auch eine geregelte Ankunftskultur: Einwanderung muss gelehrt und gelernt werden.

Düzen Tekkal nimmt sich viel Zeit für Gespräche und Diskussionen mit ihren Zuhörern.