Ethno 4

Die Geschichte eines Durchgangslandes

Randersacker/Kabul, 15.05.2017 - Woran liegt es, dass die Afghanen solche Mühe haben, einen halbwegs funktionierenden Staat aufzubauen? Wer die vorangehenden Ethnos gelesen hat, ahnt, dass eine Stammesgesellschaft wie die afghanische sich schwer tun muss mit staatlichen Strukturen und auch mit allen anderen Strukturen, die nicht in der Stammesgesellschaft verwurzelt sind.

Bitte, versuchen Sie sich noch einmal vorzustellen, was es bedeutet, in einer Stammesstruktur zu leben! Diese Strukturen, der Stamm, die Familie, die Sippe und der Clan, nur die bieten Ihnen Schutz. Polizei, Sozialamt, Staatsanwaltschaften, so etwas gibt es. Aber das sind feindselige Einrichtungen. Sie können sich nur auf Ihre Familie verlassen und einen Teil Ihrer Sippe. Umgekehrt funktionieren Stammesstrukturen nur, wenn Sie sich für sie einsetzen.

Als Sie noch ein Kind waren, hatten Leute aus einem verfeindeten Clan Ihren Vater bei der Regierung beschuldigt, ein Terrorist zu sein. Polizei war vorgefahren und wollte den Vater verhaften. Da rückte Ihr Onkel mit über zwanzig Bewaffneten an. Die Polizei zog sich zurück und hat den Vater nie wieder belästigt. Jetzt geht es Ihrem Onkel gesundheitlich schlecht. Er müsste im Ausland behandelt werden. Doch das kostet. Sie arbeiten bei einer Firma. Sie haben einem Kunden gerade etwas verkauft und der Kunde hat Ihnen dafür einen höheren Betrag gezahlt. Die Kasse mit den Einnahmen steht offen. Sie haben den Schlüssel.

Für Sie ist der Fall klar. Sie verbuchen das Geld ordentlich und schließen die Kasse ab. Der Gedanke an eine Veruntreuung kommt Ihnen überhaupt nicht. Es wäre ja auch Wahnsinn, wenn Sie jetzt in die Kasse griffen. Das würde sofort rauskommen. Die Firma würde Sie entlassen. Es gäbe strafrechtliche und zivilrechtliche Konsequenzen. Sie würden nie wieder eine ordentliche Anstellung finden. Ihre "bürgerliche Existenz" wäre vernichtet. So wie Sie denken und handeln mindestens 99 von 100 deutschen Angestellten.

Aber Sie sind jetzt in Afghanistan und Sie sind der Neffe des Onkels, der ihren Vater gerettet hat. Wenn Sie die Kasse nicht wieder abschließen, sondern etwas für den Onkel tun, wird das vermutlich aufgedeckt werden. Man wird Sie entlassen. Doch ob die Geschichte von einem Gericht aufgearbeitet wird, ist höchst ungewiss. Am besten, Sie greifen gleich etwas tiefer in die Kasse. Dann haben Sie Reserven, um Polizisten, Staatsanwälte und Richter zu bestechen. Eine Neuanstellung bei einer anderen Firma wäre nicht das Problem. Vielleicht hören einige Geschäftsleute Gerüchte über den Vorfall. Aber dergleichen passiert überall. Vielleicht müssen Sie sich mehrmals bewerben. Bei einer Firma arbeitet man eine Zeit und geht dann zu einer anderen. Zu Ihrer Familie und ihrer Sippe gehören Sie immer. Die brauchen Sie immer. Da wurden Sie hineingeboren. Daran hängen Sie mit ganzem Herzen. Ihr Onkel hat Ihre Familie gerettet. Er wird verehrt und bewundert. Wenn Sie jetzt etwas für diesen Onkel tun, wird Ihr Name im ganzen Clan bekannt.

Oder Sie sind Abteilungsleiter in einem Ministerium. Der Minister hat angeordnet, dass in jeder Abteilung ein Mitarbeiter eingestellt werden soll, der am Computer arbeiten kann. Sie können selber etwas Word und etwas Excel. Die Auswahl unter den Bewerbern um die neue Stelle in Ihrer Abteilung treffen Sie selber. Die Kandidaten legen Ihnen Urkunden vor, in denen steht, was für Schulen und Lehrgänge sie besucht haben. Zwei Mann haben sogar in Indien studiert. Doch Papier ist geduldig. Und da ist ja auch noch Ibrahim, der älteste Sohn ihrer Schwester. Keins der Kinder ihrer Schwester hat bisher eine Anstellung gefunden. Die Schwester und der Schwager sind nicht mehr jung und machen sich große Sorgen. Nicht nur die Schwester und der Schwager sorgen sich. Sie selber machen sich auch Gedanken. Sie werden eines Tages die Schwester und den Schwager bei sich aufnehmen und für deren Kinder sorgen müssen, wenn die alle arbeitslos bleiben. Außerdem wäre es für Sie sehr hilfreich, wenn in Ihrer Abteilung jemand arbeitete, auf den Sie sich verlassen können.

In Afghanistan bleibt dem einzelnen sehr oft nur die Wahl, sich zu Gunsten der eigenen Sippe zu entscheiden - Korruption hin, Vetternwirtschaft her. Die Positionen in den ?mtern und auch in Privatorganisationen werden mit unqualifiziertem Personal besetzt. Geld, das eine Firma mit ihrer Arbeit verdient hat, verschwindet. Und weil das alles sehr verbreitet ist, hilft es nicht, einzelne Mitarbeiter zu bestrafen. Oft müsste man dann die ganze Belegschaft entlassen. Die Loyalität des Afghanen für die eigene Familie, Sippe und für den eigenen Stamm ist stärker als die Loyalität gegenüber dem Staat oder einem anderen Arbeitgeber. In der Klientelgesellschaft ändert sich daran nicht viel. In der Stammesgesellschaft ist man ganz von seiner Familie und Sippe abhängig und empfindet eine starke Zugehörigkeit dazu. In der Klientelgesellschaft ist man ganz von der Gemeinschaft abhängig, der man sich angeschlossen hat. Hier gehört die Loyalität dieser Klientel - Sie können auch Seilschaft sagen.

Aber warum lebt die Bevölkerung Afghanistans noch heute weitgehend in einer Stammesgesellschaft? Wie war es denn bei uns? Waren die Sachsen, die Franken, die Alemannen, die Friesen oder die Schwaben nicht ganz früher auch einmal richtige "Stämme"? Ja, zur Zeit der Völkerwanderung dürften die in etwa so organisiert gewesen sein, wie die Afghanen heute.

Warum haben die Afghanen es nicht geschafft, ihre Gesellschaft weiter zu entwickeln? Sind wir Europäer etwa besser "ausgestattet"? Haben wir andere Begabungen oder andere Gene, die es uns ermöglicht haben, ein insgesamt erfreulicheres Zusammenleben zu schaffen.
Keineswegs! Wenn man sich die Bilder ansieht, die afghanische Vorschulkinder zeichnen, sieht man keinen Unterschied zu dem, was deutsche Kinder im Kindergarten malen.
Ali Moral wuchs in Yakaolang im zentralen afghanischen Hochland auf. Er ist nie zur Schule gegangen. Trotzdem führte er jahrelang eine kleine Klinik, die sich hauptsächlich um Tuberkulose und Lepra kümmerte. Solche Kliniken im Gebirge können sich aber nicht nur speziellen Krankheiten widmen. Sie müssen sich vielen Gesundheitsproblemen stellen, denn die nächste halbwegs funktionierende Krankenstation ist weit entfernt. Ein deutscher Orthopäde beobachtete Ali einige Wochen bei der Arbeit. "Ich würde vielen meiner deutschen Kollegen einen solchen diagnostischen Instinkt wünschen, wie ihn Ali hat." sagte er schließlich.
Im Büro unserer Organisation arbeitet Akbari, der ebenfalls in einer gebirgigen Provinz aufgewachsen ist. Dort ist er nie in eine staatliche Schule gegangen. Sechs Jahre lang hat er eine Madressah besucht, eine Moschee-Schule. Dort hat er etwas schreiben gelernt, aber vor allem ging es um die religiöse Ausbildung. Fröhlich erzählt er, wie ihm der Mullah eine kurze Aussage aus dem Koran auf Arabisch vortrug und anschließend glatt eine Stunde lang in der Landessprache Dari über den Sinn dieser Koran-Aussage referierte. Am Tag darauf sollte Akbari alles wiedergeben, was der Mullah über die Koran-Aussage gesagt hatte. Wir haben Akbari an Excel-Programme gesetzt. Er war begeistert. Die Struktur von Programmen, so etwas liegt ihm. Wenn in der Buchhaltung nicht klar ist, wieso der Betrag in der Abrechnung nicht mit dem tatsächlichen Kassenbetrag übereinstimmt, muss man Akbari holen. Wenn jemand das Missverhältnis aufklären kann, dann er. Dabei denkt er schwindelerregend schnell.
Die Afghanen sind nicht anders begabt als wir oder als andere Völker. Es gibt unter den Afghanen sehr fähige Menschen. Nur gelingt es denen leider nicht, die berufliche Karriere zu machen, die sie bei uns machen würden. Ihre Gesellschaft gibt ihnen diese Chance nicht.

Ja, wenn es nicht an den Begabungen liegt, woran liegt es dann, dass sich die Gesellschaften in Afghanistan und in Europa so deutlich anders entwickelt haben?
Ein ganz wesentlicher Grund ist die Geschichte. Afghanistan wird als "Durchgangsland" bezeichnet, weil im Laufe der Jahrtausende viele Völker durch das Staatsgebiet des heutigen Afghanistan gezogen sind. Meist wollten sie eigentlich nach Indien, wo es warm ist und der Boden fruchtbar. Manchmal blieben Teile solcher wandernden Völker in Afghanistan hängen, siedelten dauerhaft dort oder zogen später weiter. Auf jeden Fall ging es unsanft zu, wenn Fremde kamen. Das waren immer Feinde, die sich kein Mitgefühl mit den Einheimischen leisten konnten. Sie mussten die Ansässigen vertreiben, um sich selber anzusiedeln oder um sicher weiterziehen zu können. Ihren Weg hatten sich diese Fremden mit Waffengewalt gebahnt. Militärisch waren sie effizient organisiert. Sonst wären sie nicht bis Afghanistan gekommen. Die Ansässigen waren ihnen unterlegen. Sie flohen in die Berge. Nach dem Einfall der Fremden mussten die ?berlebenden wieder zu einem Zusammenleben finden. Sie hatten schon früher als Stammesgesellschaft zusammengelebt. Jetzt lebten sie weiter als Stammesgesellschaft. Sie hatten keine andere Wahl.
Wenn sich Fremde niedergelassen hatten, kam es langsam zu Kontakten zwischen ihnen und den Alteingesessenen. Die Alteingesessenen wurden von den neuen Herren für Kriegsdienste und Fronarbeiten gebraucht. Handel begann sich zu entwickeln. Aber bevor man miteinander "warm werden" konnte, rückten schon wieder fremde Feinde an, und man musste sich ins Gebirge retten. Das Leben in einem Durchgangsland bietet im Laufe der Jahrhunderte viel Angst und Schrecken aber kaum Chancen für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Uns ist der Kriegszug Alexanders des Großen bekannt, der bis über den Indus vordrang und auch im Gebiet Afghanistans griechisch geprägte Reiche hinterließ. Wir loben die Kulturtat Alexanders. Historiker sprechen von Völkermord. Zwei Jahrhunderte später drangen vom Norden her verschiedene hunnische Völker in das Gebiet Afghanistans ein. Dann besetzte ein indisches Großreich den Osten Afghanistans. Ab 700 kamen vom Süden her die Araber und brachten den Islam. Um 1000 herrschte der Sultan Mahmud von der afghanischen Stadt Ghazni aus über weite Teile des heute afghanischen und pakistanischen Gebietes. Der Glanz dieses Staates und die Tatsache, dass das Zentrum auf heutigem afghanischem Staatsgebiet lag, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass das Reich von Ghazni in seinem Staatsgebiet außerhalb der Stadt Ghazni als Fremdherrschaft empfunden wurde. Nach 1200 fielen die Mongolen unter Tschingis Khan ein und rotteten große Teile der ansässigen Bevölkerung aus. Keine 200 Jahre später folgte der ebenso brutale Vorstoß eines Nachfolgereiches der Mongolen unter Timur Leng. Riesige Gebiete waren entvölkert. Völkerschaften aus dem Nordosten Asiens ließen sich in den menschenleeren Gegenden nieder. Noch später kamen die Usbeken und die Perser. Schließlich besetzten die Briten und später die Sowjets das Land.

Wie unterscheidet sich die Geschichte Europas davon? Auch hier folgte doch Krieg auf Krieg. Ja, hier gab es die Völkerwanderung. Kriegerische Stämme zogen durch die Lande, vertrieben andere Völker und hinterließen blutige Spuren. Doch diese Wanderungsbewegungen ebbten ab. Um 1000 wurden die Ungarn und die Wikinger als letzte sesshaft. Von außen wurde Europa durch den Islam bedroht. Der wurde frühzeitig in Frankreich zurückgeschlagen und dann im Laufe der Jahrhunderte auch aus Spanien vertrieben. Die Mongolen stürmten bis Schlesien vor und zogen sich dann zurück. Da hatte Europa Glück gehabt. Vom Osten her wurde der Islam von den Türken bis vor Wien getragen und dann erfolgreich zurückgedrängt.
Aber insgesamt gab es ein großes Gebiet in Europa, in das über ein Jahrtausend lang keine Fremden eindrangen. Dieses Gebiet umfasste Frankreich, Deutschland, die britischen Inseln, Polen, Skandinavien, Ober- und Mittelitalien. Natürlich gab es auch in Europa reichlich Kriege. Die Deutschen fielen immer wieder in Italien ein. Engländer und Franzosen bekriegten sich nicht nur im hundertjährigen Krieg. In Deutschland kam im dreißigjährigen Krieg die Hälfte der Bevölkerung um. Aber wenn man Europa als Rahmen sieht, waren das europäische Bürgerkriege. Die Europäer waren unter sich. Sie "konnten zu sich kommen". Die Völker sprachen verschiedene Sprachen und bekriegten sich. Sie waren aber auch durch die Kirchen, durch Handel und Wandel, durch den Adel und durch die entstehenden Universitäten vernetzt. Man sprach miteinander. Man verhandelte die Regeln des Zusammenlebens. Ein durchdachtes und verlässliches Rechtswesen entstand. Angesehene Intellektuelle konnten die Herrschenden schließlich fragen: "Mit welchem Recht beherrscht Ihr uns?" Die Adligen konnten darauf keine überzeugende Antwort geben. Und so entwickelte sich eine Teilhabe der Bevölkerung an den Entscheidungen der Staaten durch Wahlen - die Demokratie.

Im Gebiet des heutigen Afghanistans konnte die Bevölkerung nie zu sich kommen. Nie konnten sich gesellschaftliche Konstellationen entwickeln, die es den Menschen möglich gemacht hätten, ihre Beherrscher zu fragen: "Mit welchem Recht beherrscht ihr uns?"
Nach jedem neuen Einfall von Durchziehenden ordnete sich das Miteinander der ?berlebenden so oder so ähnlich, wie es früher auch schon war. Die Umstände waren genau die, die eine Stammesgesellschaft hervorgebracht hätten, wenn es sie noch nicht gegeben hätte. Man vertraute nur wenigen anderen Familien und Sippen. Von jemandem, den man nicht kannte, war nur Schlimmes zu erwarten. Man begegnete ihm mit Misstrauen, ja mit Hass.
Wenn aus einer Bevölkerung mit solcher Prägung ein moderner Staat mit Ministerien, Polizei, Justiz, Schulen und Streitkräften gemacht werden soll, müssen Menschen, die sich zutiefst misstrauen, gemeinsam ?mter, Krankenhäuser, Gerichte, Fabriken und Panzerbataillone betreiben. Wie soll das gut gehen?




Liebe Leserinnen und Leser,

von den Schwierigkeiten, in denen die von Dr. Peter Schwittek geleitete Unterrichtsorganisation steckt, seit MISEREOR seine langjährige Finanzierung zurück gefahren hat, haben Sie sicherlich gelesen.
Wenn nicht, lesen Sie bitte HIER und HIER.

Bitte unterstüzen Sie das sinnvolle Tun durch Ihre Spende:


Spendenkonto:

OFARIN e.V.
IBAN: DE85 7905 0000 0360 1044 18
Für Online-Banking zum Kopieren IBAN: DE85790500000360104418
BIC: BYLADEM1SWU

oder auch:
Kontonummer: 360 104 418
BLZ: 790 500 00

Sparkasse Mainfranken Würzburg

Der Verein ist vom Finanzamt Würzburg als gemeinnützig anerkannt.

Spenden sind steuerlich abzugsfühig.
Wenn Sie uns auf dem Überweisungsträger im Feld Verwendungszweck
Ihre Adresse angeben, schicken wir Ihnen gerne eine Spendenquittung.