"Ethnokrimi" aus Afghanistan Nr.5

Zehn Mal mit der Pistole auf den Kopf geschlagen

Randersacker/Kabul, 06.05.2017 - Meine Frau Anne Marie arbeitete damals noch in Deutschland. Im Vorfrühling 2007 besuchte sie mich in Kabul. Außerdem wohnte Gisela vorübergehend in unserem Kabuler Büro. Gisela ist eine Krankenschwester im Ruhestand. Sie half bei einer befreundeten Organisation in deren Kliniken. Die Woche über gehörte Taufiq, der Buchhalter, zur Besatzung unseres Hauses. Er lebte in einem Zimmer im Seitentrakt. Die Wochenenden - in Afghanistan ist Freitag der wöchentliche Feiertag wie bei uns der Sonntag - verbrachte Taufiq bei seinen Eltern in der Provinz Logar. Dieses Wochenende war er aber mit seinen zukünftigen Schwiegereltern nach Jalalabad gereist. So war nur noch Nassim, unser Koch, im Haus. Ganz ungewöhnlich war, dass wir die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag Strom hatten. Damals war die Stromversorgung von Kabul äußerst dürftig.
Ein harter Schlag gegen die Schlafzimmertür weckte uns. "Nassim" rief ich, "Was gibt es?" Keine Antwort. Mit bangen Gefühlen ging ich zur Tür und öffnete. Alle bösen Erwartungen trafen zu. Der Flur war erleuchtet. Ich stand mehreren Gestalten gegenüber, die ich im Gegenlicht nur wie Schattenrisse wahrnahm. Rechts in der Tür hatte ein Mann eine Pistole auf mich gerichtet. In der Mitte stand Nassim die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ein Tuch verbarg Nase und Mund. Hinter ihm stand ein Mann und hielt ihm ein Messer an den Hals. Mir gegenüber - links vor der Tür - schlug ein Mann sofort mit dem Knauf einer Pistole auf meine Schädeldecke. Nassim rief ihm zu, dass er das nicht tun soll.
Alle Angst war weg. Ich drängte hinaus auf den Flur, während mein Gegenüber fortfuhr, mir auf die Schädeldecke zu schlagen. Anne Marie erschien im roten Schalfanzug auf der Wallstatt. Plötzlich fielen Kabel auf uns. Wollten die uns fesseln? Aber da rannten die Angreifer die Treppe runter. Ich hinterher. Auf dem Treppenabsatz stürzte einer. Ich warf mich auf den Liegenden. Es war Nassim. Die Fremden waren weg.

Es war schon recht spät in der Nacht, vielleicht halb vier. Gisela kam aus ihrem Zimmer und machte sich Vorwürfe, dass sie nicht eingegriffen hatte. In einem Nachbarhaus wohnte eine Französin. Deren Nachtwächter hatte die Polizei gerufen. Und die war schnell da - schließlich waren Ausländer überfallen worden. Ein Offizier kam mit mindestens 16 Polizisten.
Männer, die während des Krieges gegen die Kommunisten gekämpft hatten und später gegen die Taliban, nannten sich Mudschaheddin. "Gekämpft" hatten sie in ihrer näheren Heimat. Wenn es dort ruhig war, hatten sie in heruntergekommenen Häusern oder Höhlen herumgesessen. Manchmal hatten sie einen Transport angehalten und ihn nur weiterfahren lassen, wenn sie Teile der Ladung erhielten. Dieses Kriegertum hatte ihre geistige Entwicklung kaum angeregt. Was sollte der afghanische Staat mit den Hunderttausenden von Mudschaheddin anfangen, für die kein Krieg mehr da war? Die einfachste Lösung war, sie in die Armee oder die Polizei zu stecken. Solche ehemaligen Mudschaheddin waren unsere Polizisten.
Ihr Offizier, Oberst Daud, war zu bedauern. Er schickte einige der Männer zu seinem Fahrzeug. Sie sollten einen Block mit Vordrucken für den Bericht holen, den er jetzt schreiben musste. Nach einigen Minuten kamen sie zurück. Sie hatten nichts gefunden. Anne Marie füllte eine Schale mit getrockneten Maulbeeren. Jetzt hatten die Polizisten etwas, womit sie sich kompetent beschäftigten. Oberst Daud war ordentlich ausgebildet, vermutlich von den Russen. Er hatte sich, bevor er unser Haus betrat, schon den Seitenflügel und Taufiqs Zimmer angesehen. Dort brannte Licht. Der Fernseher lief. Der Ofen war noch warm.

Man konnte jetzt den Ablauf des Geschehens erahnen. Die Eindringlinge wollten unseren Safe stehlen. Der befand sich in der Buchhaltung im Erdgeschoss. Auf dem Hof standen unsere drei Fahrzeuge. Die Schlüssel steckten. Wenn man den Safe in einen der Wagen geschafft hatte, musste man nur noch das Tor öffnen und konnte davon fahren. Doch der Safe war viel zu schwer. Man braucht mindestens sieben Männer, um ihn anzuheben. So zogen sich die Eindringlinge in Taufiqs Zimmer zurück und grübelten, wie sie jetzt vorgehen sollten.
Safe-Schlüssel mussten her. Einen Satz Schlüssel hatte Taufiq. Aber der hatte den scheinbar nach Jalalabad mitgenommen. Jedenfalls war in Taufiqs Zimmer kein Schlüssel zu finden. Aber der Chef, also ich, wird doch Safe-Schlüssel haben. Also machten sich die Eindringlinge zu unserem Schlafzimmer auf.
Der Mann, der mich mit dem Pistolenknauf traktierte, hatte Pech. Als ich die Tür öffnete, stand ich unter dem Türsturz. So konnte er nicht weit genug ausholen, um Wirkung zu erzielen. Dann drängte ich in den Flur hinaus. Jetzt konnte er ausholen - aber der Knauf verfing sich in einem Gewirr von Kabeln. In dem geräumigen Flur stand auf einem Tisch ein Desktop und auf einem Schränkchen ein Drucker. Die waren mit hoch gehängten Kabeln verbunden. Weitere Kabel führten vom Flur in unser Zimmer, wo noch mehr Geräte standen. Als dieser Kabelsalat auf die Szene herunterstürzte, gaben die Einbrecher auf.
Ihnen war klar, dass sie noch viel Zeit bräuchten, bis sie an meine Safe-Schlüssel kämen. Danach hätten sie mit diesen Schlüsseln noch den Safe öffnen müssen. Der Krach des Kampfgeschehens war vermutlich draußen wahrgenommen worden. Nachbarn oder gar die Polizei konnten bald kommen.
Unklar war die Rolle von Nassim. Waren die drei Männer über die Mauer am Tor zu unserem Grundstück geklettert und hatten Nassim lautlos überwältigt? Oder hatte Nassim sie eingelassen? Nassim? - Schlecht vorstellbar! Er war ein armer Mann. Wir hatten ihm viel geholfen und sogar ein Grundstück für ihn erworben, wo er bauen konnte.

Jetzt traf Bruder Jac von den befreundeten Christusträgern ein. Die Christusträger sind eine evangelische Bruderschaft, die zwei Kliniken und eine Werkstatt in Kabul betreibt. Bruder Schorsch von der gleichen Organisation hatte sich zur Deutschen Botschaft aufgemacht und kam mit Helmut Gillen, der für die technischen Einrichtungen der Botschaft sorgte, und mit Herrn Hofmann, einem deutschen Polizeibeamten. Nassim hatte einige Beulen am Kopf. Bruder Jac brachte ihn in ein Krankenhaus, um sicher zu stellen, dass er keine Gehirnschäden davon getragen hatte. Mein blutiger Schädel blieb vorerst so, wie er war. Das Gesicht hatte man etwas abgewischt. Aber die Haare waren voller Blut, das langsam zu Schorf trocknete. Oberst Daud litt unter meinem Anblick und fragte mehrfach, ob man meinen Kopf nicht vom Blut reinigen könne. Aber mir ging es nicht schlecht.
Herr Hofmann empfahl uns, unser Anwesen durch Stacheldrahtrollen auf der gesamten Außenmauer zu sichern. Bald danach sind wir umgezogen und haben diesen Rat befolgt. Diese Maßnahme hatte nicht nur Vorteile. Noch vor diesem Überfall, im Jahre 2006, gab es nach einem Blutbad, das amerikanische Soldaten angerichtet hatten, Unruhen. Es kam zu Plünderungen von Anwesen ausländischer Organisationen. Als Plünderer auch in unsere Straße kamen, kletterte ich über eine Leiter zu unseren afghanischen Nachbarn rüber. Hätten auf der Mauer Stacheldrahtrollen gelegen, wäre das nicht möglich gewesen.
Sonst schafften wir einen Hund an. Fast alle Afghanen fürchten Hunde und wagen es nicht, in ein Grundstück einzudringen, von dem aus man einen Hund bellen hört. Vermutlich hat uns der Hund den größten Zuwachs an Sicherheit beschert. Außerdem haben wir eine bequeme Ausrede für den kläglichen Zustand unseres Gartens. Halten Sie mal einen Garten in Ordnung, in dem ein Schäferhund herumtollt!

Die Untersuchung von Nassim ergab nichts Ernsteres. Ich schickte ihn für drei Tage in Erholungsurlaub. Dann brachte mich Bruder Jac in seine Klinik. Dort wurden mir viele Haare abgeschnitten und der Schädel abgewaschen und desinfiziert. Größere Narben wurden vernäht. Der Pistolenknauf hatte mehr als zehn Wunden hinterlassen.
Als Nassim nach seinem Erholungsurlaub zurück kam, begrüßte er Anne Marie und mich auf groteske Weise unterwürfig - wie ein Hund, der verdiente Prügel erwartet.

Oberst Daud kam noch einige Male, um die Rolle von Nassim zu klären und vielleicht doch noch die Täter zu identifizieren. Afghanen gehen davon aus, dass bei einem Überfall auf ein Grundstück oder bei einem Diebstahl immer Personen beteiligt sind, die im Anwesen leben oder arbeiten. Das trifft meistens zu. Kaum ein Einbrecher dringt in ein Haus ein, von dem er nicht weiß, wie viele Menschen sich dort aufhalten, was sich in welchen Räumen befindet und welche Türen verschlossen sind.
Nassim hatte zunächst gemeldet, dass die Einbrecher sein Mobiltelefon gestohlen hatten. Oberst Daud besorgte sich von der Telefongesellschaft eine Liste der Anrufe, die von dem gestohlenen Gerät aus geführt worden waren. Und siehe da! Kurz nach der Flucht der Einbrecher war von diesem Telefon aus die Frau von Nassim angerufen worden.
Als Taufiq zurück war, berichtete er, dass Nassim ihn am Abend vor dem Überfall angerufen und gefragt habe, ob er tatsächlich nicht in Kabul sei. "Nein, ich bin in Jalalabad. Das habe ich Euch doch gesagt." Mehr wollte Nassim nicht wissen.
Die Polizei nahm nun Ermittlungen auf. Nassims Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt. Wir entließen ihn. Er fand eine Anstellung als LKW-Fahrer und musste Material in gefährliche Regionen transportieren. Während der Verhöre behauptete er jetzt, die Diebe hätten sein Telefon doch nicht gestohlen. Vielmehr habe er selber seine Frau kurz nach dem Überfall angerufen. Das mit dem Diebstahl habe er nur behauptet, damit ich ihm ein neues Modell kaufe. Mich hatte er nie darum gebeten. Es hätte auch nicht zu seinem sonstigen Verhalten gepasst. Das Verfahren gegen ihn wurde auf Grund dieser neuen Aussage eingestellt. Die Regierung brauchte Transporte in unsichere Gegenden.