OFARIN - Die weitere Entwicklung

Lehrer wollen OFARIN nicht sterben lassen und sind zu Opfern bereit

Kabul, 30.04.2017 - Im Dezember teilte uns der Geldgeber Misereor seine Entscheidung mit, OFARINs Arbeit in Afghanistan nicht mehr dauerhaft zu fördern. OFARIN hat immerhin 600 Mitarbeiter - fest Angestellte und Teilzeitkräfte (Lehrer) zusammengerechnet. Wenn man dann grübelt, wird einem klar, was für ein Programm wir bisher hatten. Das war einfach gut und richtig erfolgreich. Und das soll jetzt vernichtet werden. Das muss man erst einmal wegstecken.

Solche Betroffenheit hat nichts mit meinen persönlichen wirtschaftlichen Perspektiven zu tun. Mir passiert auch im schlimmsten Fall nichts. Vielleicht gibt es einige Scherereien mit Behörden, die glauben, eine abziehende Hilfsorganisation noch einmal kräftig schröpfen zu sollen. So etwas gehört hier dazu. Doch danach macht man das Licht aus und geht. Sicher, wenn man dann zu Hause ist, wird man oft an das denken, was man jetzt in Afghanistan tun könnte. Aber der Ruhestand hat ja auch angenehme Seiten.

Die wirklich Betroffenen sind unsere afghanischen Kollegen. Für die spielt jeder Cent eine Rolle. Und es sind unsere rund 9000 Schüler. Die meisten werden noch einige Jahre in einer öffentlichen Schule dahindämmern. Lernen werden sie nichts mehr. In einer Privatschule würden sie auch nicht viel lernen. Aber darüber braucht man sich keine Gedanken zu machen. Auf eine Privatschule können die Eltern unsere Schüler ohnehin nicht schicken. Was wird aus diesen eigentlichen Opfern von Misereors Entscheidung?

Als ich am ersten Märztag ausreiste, wusste keiner der wirklich Betroffenen etwas von dem, was auf ihn zukam. Am Tage meiner Ankunft erzählte ich nur Abdul Hussain, meinem afghanischen Stellvertreter, von dem Unheil. Drei Tage später haben wir Naqib Tanai, Zaker Akbari und Ingenieur Nagib Tanai einbezogen und mit ihnen überlegt, was zu tun sei.

Die Idee, eine Privatschule zu gründen, um unsere Methoden zu erhalten, haben wir verworfen. Aus sozialen Gründen war uns diese Möglichkeit nie geheuer. Auch in Privatschulen wäre der Einsatz von Trainern, die den Unterricht eng betreuen, nötig gewesen. Ohne Trainer können wir keinen guten Unterricht bieten. Aber Trainer hätten das Abenteuer teuer gemacht. Anders ausgedrückt: Wir hätten von Anfang an sehr viele Teilnehmer haben müssen, damit die Gebühren für den einzelnen Schüler erträglich blieben. Das Risiko war uns zu heikel. So planten wir nur unsere Arbeit für den weiteren Verlauf dieses Jahres.

Währenddessen lief alles weiter, als wäre nichts. Die Trainer schwärmten aus und besuchten den Unterricht. Wir führten Seminare durch. Eine Delegation reiste nach Paryan im Pandschirtal und hielt dort das dritte Seminar für den Elementarunterricht ab. Die Lehrer waren glänzend vorbereitet. Auch der Unterricht wurde dort besucht. Es klappte einfach alles. In Kabul fand noch ein Seminar statt. In dem wurden Lehrer und auch einige Trainer auf den Geometrie-Unterricht vorbereitet. Auch hier beherrschten die Teilnehmer den Stoff. Es lief.

Als die Salonkapelle der "Titanic" dieses Seminar wacker herunterspielte, war schon jemand unterwegs, um dem Ministerium für Religiöse Angelegenheiten mitzuteilen, dass wir bis Ende des Jahres nur noch einen sehr reduzierten Betrieb durchführen werden. Im Ministerium trug dann der für uns zuständige Abteilungsleiter in der Sitzung der Führungskräfte unseren Fall vor. Der Minister fragte, was der Abteilungsleiter vorschlage. Der antwortete, dass man OFARIN schließen solle, wenn OFARIN seine Aktivitäten reduziere. Der Minister wurde sehr ungehalten und erkläre allen, was für eine gute Arbeit die Organisation OFARIN geleistet habe. Wenn OFARIN den Einsatz reduzieren müsse, habe Afghanistan immer noch Vorteile davon - seien die verbleibenden Aktivitäten auch noch so bescheiden.

Am Nachmittag nach dem Geometrieseminar informierten wir die Bürobesatzung. Die traf es noch nicht ganz voll. Im Büro sollten zunächst alle weiter beschäftigt werden, allerdings zu reduzierten Gehältern. So sind wir in der Lage, schnell auf neue Möglichkeiten einzugehen.
Am Sonntag, dem 2. April, kamen die Trainer aus allen Gebieten zu ihrer Versammlung. Diese Trainer - und die Lehrkräfte, die sie in dieser Versammlung vertraten - erwischte es schlimmer. Die Mehrzahl ihrer Klassen wird geschlossen. Ein Teil der Trainer wird weiter beschäftigt, aber zu stark reduzierten Gehältern. Sie haben ja nur noch wenige Klassen zu betreuen. Ihre tägliche Arbeitszeit beträgt nur noch wenige Stunden. Tägliche Fahrkosten wie bei den Büromitarbeitern, fallen bei ihnen nicht an.

Die auswärtigen Trainer hörten sich an, was ihnen da zugemutet werden soll. Niemand protestierte, weil er sich einschränken muss. Alle waren entschlossen, ihr Programm zu retten. Einer meinte, man werde auch umsonst arbeiten, wenn das nötig sei. Als ich erwiderte, dass er das sage, um sich bei mir beliebt zu machen, mischten sich andere ein: "Das hat der für uns alle gesagt." Wir aus der Zentrale schlugen vor, den Unterricht nur noch in wenigen Standorten, dort aber vollständig weiter zu führen. Das hätte uns die Aufsichtsarbeit erleichtert und z.B. Fahrkosten gespart. Das lehnten die Auswärtigen ab. Sie wollten alle Standorte erhalten.
So einigten wir uns darauf, dass überall Unterricht betrieben wird. In einigen Orten gibt ein Viertel der Lehrer weiter Unterricht. Der Lehrer erhält für die 90 Minuten, die er unterrichtet, statt 3000 Afghani (42 Euro) nur noch 2000 Afghani im Monat. In anderen Orten arbeitet die Hälfte der Klassen weiter. Der Lehrer erhält dort nur 1000 Afghani im Monat. Es wird aber von jedem Schüler ein Beitrag von 50 Afghani erhoben, so dass der Lehrer auch auf etwa 2000 Afghani im Monat kommt. Die Entscheidung, ob die Hälfte oder ein Viertel der Lehrer weiterarbeiten wird, fällte jeder Standort für sich. In Schindowal ergänzt Andschuman, die lokale Organisation der Bevölkerung, die Mittel von OFARIN, so dass dort in allen Klassen weitergearbeitet werden kann. Nach drei Sitzungen waren wir uns über dieses Konzept einig.

Kann man in solch einer elenden Lage glücklich sein? Ich war es. Doch langsam wird mir klar, wie sehr die afghanischen Kollegen OFARIN in die Pflicht genommen haben. Sie haben viel gegeben. Wie lange muss OFARIN ihnen mit leeren Händen gegenüber stehen?


Peter Schwittek, Kabul im April 2017





Liebe Leserinnen und Leser,

hier werden Sie Zeugen eines Vorgangs, bei dem eine sinnvolle Privatinitiative mit sehr langem Atem untergehen wird, wenn nicht eine Wende eintritt.
Wenn wir wollen, dass sich Afghanistan zu einem rechtsstaatlichen Gemeinwesen entwickelt (und nur das kann unser Interesse sein), so wird das nicht von heute auf morgen möglich sein und nicht, weil wir es so wollen. - Und es wird auch nicht so geschehen, wie wir uns das in unserem westlichen Denken vorstellen.
Afghanische Menschen selbst müssen eine solche Entwicklung tragen. Den Weg in die Moderne müssen sie selbst finden. Was wir beitragen können, ist Bildung. Dabei geht es nicht um die Vermittlung westlicher Kultur, sondern es kann nur um Aufklärung im kantischen Sinne gehen: "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
- Dazu gehören die elementaren Fähigkeiten, die die von OFARIN trainierten afghanischen Lehrerinnen und Lehrer ihren Kindern vermitteln: Sinn erschließendes Lesen, Schreiben und Rechnen.
In afghanischen Schulen geschieht das nicht, wie mir Herr Dr. Schwittek bei vielen privaten Gesprächen vielfach beschrieben hat. Das ist auch ein Grund dafür, dass OFARIN nicht mit dem Bildungs-, sondern mit dem Religionsministerium zusammen arbeitet: Quasi über den Seiteneinstieg hat OFARIN das Vertrauen vieler Mullahs auf dem Lande gewonnen, nutzt Moscheen als Schule (auch für Mädchen) und ist ganz einfach erfolgreich.
Mehr erfahren Sie über www.ofarin.de.

Wenn Sie helfen wollen und vielleicht den Unterricht eines Lehrers ganz oder teilweise bezahlen möchten, spenden Sie bitte. Das Spendenkonto finden Sie HIER. - OFARIN ist als gemeinnützig anerkannt.

Mit Dank und besten Wünschen
Wolfgang Siebert