Folge 46: Die Flucht des 10/11-jaehrigen Jungen zusammen mit seiner Mutter findet 1946 ein Ende:

Gibt es eine deutsche Kollektiv-Schuld?

Hannover, 02.10.2017 -


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Die von meinem Vater angestrebte Familienzusammenführung brachte zunächst meine Mutter und mich Ende 1946 von Berlin ins Emsland:

"Vom beengten und verkrampften Sitzen fühlten meine Mutter und ich kaum noch unsere Glieder, als wir schließlich am späten Abend eines kalten und regnerischen Herbsttages im Jahre 1946 unsere neue Heimat erreichten und von meinem Vater, verbunden mit vielen, vielen Tränen der Freude, in die Arme geschlossen werden konnten.

Ein neuer Lebensabschnitt begann.

Im Lathener Haus von Frau Pf., einer Witwe mit mehreren Kindern, wurden wir recht freundlich empfangen. Mein Vater war dort, bevor er nach Oberlangen, einem kleinen Dorf mit ca. 500 Einwohnern, jenseits der Ems, ca. 4 km von Lathen entfernt, versetzt worden war, vorübergehend untergekommen.

Man muss wissen, dass mein Vater unmittelbar nach Kriegende das Schicksal vieler seiner Polizisten-Kollegen teilte, die fast allesamt auf Grund ihrer politischen Vergangenheit zwar im Polizeidienst belassen, jedoch meist um einige Dienstränge degradiert worden waren. So war im Falle meines Vaters aus dem Oberleutnant der Schutzpolizei ein einfacher Polizei-Meister geworden, der trotz allem froh und dankbar sein konnte, überhaupt wieder in seinem alten Beruf tätig sein zu dürfen.
Er musste, wie alle anderen seiner Kollegen auch, die sogenannte "Entnazifizierung" durch die alliierten Militärbehörden über sich ergehen lassen und wurde dann mit empfindlich gekürzten Dienstbezügen als "wieder verwendungsfähig" im Polizeidienst erklärt.
Alle Polizeibeamte mussten im 3. Reich, also unter Hitler, ausnahmslos Mitglieder der Partei, der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche ARBEITER-Partei) sein, wenn sie Interesse an einer beruflichen Karriere hatten... - so jedenfalls hatte mein Vater es mir damals erklärt. Und ich fand es später durch eigene Befassung mit den Zuständen während des Hitler-Regimes bestätigt.

Die Herabsetzung nach der "Entnazifizierung" muss meinen Vater sehr gekränkt haben, das wurde mir erst später deutlich, nachdem ich begreifen konnte, was dieses Geschehen vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht für unsere Flüchtlingsfamilie bedeutet haben muss.

Aber so war das Leben halt nach dem von uns Deutschen angezettelten und verlorenen Krieg. Alle mussten, jeder auf seine Weise und in seinem individuellen Lebensbereich, dafür zahlen, "dafür büßen", wie meine Mutter es immer nannte. Nach ihrer Auffassung - wir haben auch in späteren Jahren häufig (vor allem mit ihr, weniger mit meinem Vater) darüber diskutiert, nach ihrer Auffassung hatten alle Deutschen ohne Ausnahmen Schuld auf sich geladen - direkt oder indirekt - und mussten nun dafür zahlen. Es war also der durchaus umstrittene Begriff der "deutschen Kollektiv-Schuld", den meine Mutter, sicher auch durch ihre tief verwurzelte christliche Einstellung beeinflusst, nicht von sich weisen mochte.
Mein Vater hatte sich zu diesem Thema stets großer Zurückhaltung befleißigt. Mit ihm war schlecht reden über Kriegsschuld, Nazivergangenheit und über die vielen grausamen Verbrechen, die der Menschheit während der Jahre des 2. Weltkrieges durch Deutsche, so unendlich großes Leid auslösend, angetan worden waren. Häufig gab es hierüber Streit zwischen uns, wenn mein Vater, durch meine bohrenden Fragen wohl verunsichert, abrupt jedes Gespräch zu diesem heiklen Thema abbrechen wollte...und es auch tat.

So blieb in diesem Punkt manches unklar zwischen mir, seinem jüngsten Sohn und ihm, dem ehemaligen Polizei-Offizier mit politischer Vergangenheit. Ob er wirklich Schuld auf sich geladen hatte in jenen Jahren der Nazizeit, ist mir auf diese Weise letztlich verborgen geblieben. Zu seinen Gunsten bin ich allerdings immer davon ausgegangen, dass er ernsthaft wohl nichts zu verbergen gehabt haben kann. Dafür war er nach meiner Einschätzung eine "zu ehrliche Haut"! Vielleicht war Scham über sein, wenn auch widerstrebendes, an der Karriere orientiertes Mitläufertum in jener Zeit der Grund für seine Unnahbarkeit und Verschlossenheit zu diesen Fragen nach dem Kriege. Ich habe es jedenfalls so eingeordnet und so verstanden."

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