Folge 40: Als 11-jaehriger Junge 1945 auf der Flucht:

Berlin-Alexanderplatz: Abenteuer Schwarzmarkt

Hannover, 09.09.2017 -


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Trümmer-Berlin Ende 1945: Ich (11) bin total verknallt in die faszinierende U-Bahn der Hauptstadt! Jede Fahrt mit ihr wird für mich zu einem tollen Abenteuer...

"Wann immer ich später in den Jahren meiner beruflichen Tätigkeit dienstlich in Berlin zu tun und damit verbunden dort gelegentlich zwei- bis dreitägige Aufenthalte hatte, zog mich vor allem diese U-Bahn magisch an. Und entweder vor oder nach der dienstlichen Sitzung, oft auch schon vom Flughafen aus, stattete ich dann meiner "alten Heimat" am Kottbusser Tor einen "Pflichtbesuch" ab, und das natürlich mit den gelben Wagen der U-Bahn. (Tempelhof, der über 80jährige Flughafen, der dieser Tage endgültig seine Start- und Landebahnen außer Betrieb gesetzt hat, war damals Start- und Endpunkt meiner Berlin Aufenthalte. Einmalig und eindrucksvoll die rasanten Landeanflüge knapp über den Dächern der Berliner Wohnbezirke!
(Schade, dass das nun vorbei ist! Später dann in Tegel zu landen und zu starten, war dagegen fast langweilig.)

Auch die S-Bahn war als rollender Abenteuerspielplatz nicht zu verachten. Meine Liebe zu ihr und zu den so typischen "summend-gleitenden" Fahrten hat sich bis in diese Tage gehalten. So gesehen bin ich in dieser Hinsicht mit meinem Faible insbesondere für Berliner Verkehrsmittel (einschließlich der imposanten Doppelstock- Busse) wohl doch so etwas wie ein "komischer Vogel", ein "Zug-Vogel" gewissermaßen...!

Ein von Vetter Ulli und von mir bevorzugtes Ziel bei unseren Exkursionen durch Berlin war immer wieder der Alexanderplatz. Von Trümmern umgeben bot er den Deutschen, aber auch den Besatzungssoldaten (Amis, Iwans, Tommys oder Franzmännern) die abenteuerliche, aber nicht ungefährliche Kulisse des "Schwarzmarktes". Das war ein sehr beliebter und stark frequentierter illegaler Umschlagplatz für alle möglichen Konsumgüter, aber eigentlich für alles nur Denkbare, was zu jenen Zeiten einen gewissen Wert, und sei es den eines Tauschobjektes, darstellte. Hier konnte man vieles von dem erstehen, was sonst nicht zu bekommen war: ausländische Zigaretten vor allem, die beliebten, für uns Deutschen bislang weitgehend unbekannten Kaugummi, Butter (sehr gefragt!), riesige Speckseiten, Zucker, Eier und, und, und... Auch Brot z. B. konnte man, sofern man über genügend Reichsmark verfügte, für teures Geld bekommen. 200 RM (!) musste man für einen Laib Brot hinblättern! Und das natürlich, ohne auch nur einen einzigen Abschnitt aus der Lebensmittelkarte dafür opfern zu müssen.

Der Alexanderplatz (liebevolle Kurzform seit eh und je: "Alex") war schwarz, schwarz auch von Menschen, die alle - mehr oder weniger schweigend oder nur flüsternd - verstohlen und ängstlich um sich blickend, ihre Ware zum Kauf oder Tausch anboten. Da standen z.B. Amis, deren beide Arme waren doch tatsächlich bis zu den Ellbogen mit den verschiedensten Armbanduhren bestückt. Und flugs glitten nach jeder Anpreisung tarnend dann die Jackenärmel wieder über das reichhaltige, glitzernde Angebot von Zeitmessern, die vor allem auch bei den Iwans auf größtes Interesse stießen, waren sie doch auf "Uri, Uri!" immer schon besonders scharf!

Gefährlich war der Aufenthalt auf dem Schwarzen Markt deshalb, weil Schwarzhandel von den Besatzungsmächten streng verboten war. Er wurde zwar stillschweigend und immer wieder geduldet. Doch gelegentlich gab die neu gegründete deutsche Schutzpolizei, ein offensichtlich zusammen gewürfelter Haufen, nur in Schnellkursen leidlich geschulter, unausgebildeter und abenteuerlich, quasi im "Lumpenlook" uniformierter "Hilfssheriffs", Proben neu erstandenen Ordnungssinns und allmählich wiedererstehender deutscher Staatsgewalt: Mit viel Tatü-Tata brausten dann gleich mehrere Lastwagen, voll beladen mit Polizisten, die respektheischend ihre Gummiknüppel schwangen, heran! Die alliierten "Handelspartner", die Besatzer, blieben von diesen überfallartigen Razzien natürlich verschont. Wer von den Deutschen jedoch nicht aufs schnellste die Flucht ergreifen konnte, wurde mit "Ordnungsmacht Gebrüll" von den Hilfspolizisten geschnappt und - ruck-zuck - mit Polizeigriff auf bereitgestellte weitere Lastwagen bugsiert. "Vorläufig festgenommen" hieß das dann."

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