Folge 29: Ein 10-jaehriger Junge zusammen mit seiner Mutter 1945 auf der Fucht:

Komm, Frau! Schlafen!

Hannover, 17.06.2017 -


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Juni 1945: Auf unserem Fußmarsch von Pommern nach Berlin bereitete uns der russische Passierschein wegen eines fehlenden Siegels immer wieder Probleme...

"Die Stelle auf dem Passierschein, an der an sich das Siegel hätte prangen sollen, war schon fast schwarz geworden von den unzähligen, dieses ernsthafte Defizit monierenden "Fingerzeigen" sowjetischer Ornungskräfte. "Dokument nix gutt!" - Lange Zeit noch sollten diese nervenden und immer wieder Aufregung schaffenden Zwischenfälle uns begleiten.

Aber es waren leider nicht die einzigen Situationen, die uns Kummer machten auf diesem "Weg der Hoffnung" in Richtung Berlin. Fast jede Nacht mussten wir bei unseren "Atempausen" die Gesellschaft irgendwelcher Rotarmisten befürchten, die - meist stark unter Alkohol stehend - meine Mutter und deren Schwester belästigten. Beide Frauen versuchten dann - immer gegen Abend - vorsorglich ihr äußeres Erscheinungsbild zu verschlechtern, indem sie sich durch geschicktes Drapieren ihrer Kleidung figürlich geradezu entstellten und auch, ich glaube, sogar mit Holzkohle, ihre Gesichtszüge künstlich altern ließen. Diesem Zweck diente auch das kunstvoll tief ins Gesicht gezogene Kopftuch. Hauptsache war, unansehnlich zu wirken, älter auszusehen. Schließlich waren beide doch erst Anfang bis Mitte vierzig...

Frech und unbekümmert, wie ich als damals 10jähriger Junge war, wagte ich es ein paarmal sogar - allerdings ohne hierfür von Seiten beider Frauen je ermuntert worden zu sein - in einer Art "Vorwärtsverteidigung" russischen Offizieren mit kindlich-wissendem Lächeln vorzuhalten, was die beiden Frauen in meiner Begleitung da gegebenenfalls des Nachts von ihren bald nur noch lallenden, alkoholisierten Untergebenen zu erwarten hätten. "Nix gutt!" sagte ich dann mit warnendem Unterton. "Idissuda, Paninka, spatsch! Nix gutt, Kamerad!"
Und wenn die Offiziere dann erstaunt in amüsiertes Lachen ausbrachen über diesen "kleinen frechen, deutschen Hund", dann durfte ich hoffen, dass meine Intervention vielleicht Erfolg haben könnte. Und ich fühlte mich so richtig als mutiger Beschützer meiner Mutter und meiner Tante!

Und dennoch gab es eine hochdramatische Begebenheit dieser Art, die Mutti und mich ohne weiteres das Leben hätte kosten können...
Erschöpft hatten wir eines Abends wieder einen von den Deutschen verlassenen Ort erreicht und in einem leerstehenden Haus im Erdgeschoss auf dem Fußboden ein Nachtlager errichtet. Die Nacht war empfindlich kalt, und wir wärmten einander, indem wir ganz nahe zusammenrückten unter dem mitgebrachten, schon erwähnten Federbett. Der Fußboden war hart, und Regen prasselte über uns gegen die zum Teil angebrochenen Fensterscheiben. Bald fiel ich in tiefen Schlaf, total ermüdet von den vielen Kilometern, die wir tags zuvor zurückgelegt hatten.
Plötzlich wurden wir durch polternde Geräusche im Treppenhaus aufgeschreckt und blinzelten schlaftrunken in das grelle Licht einer Taschenlampe, die vor und über uns hin und her geschwenkt wurde und deren Schein neben mir auf dem Gesicht meiner Mutter verharrte. Eine stinkende Alkoholfahne wehte uns entgegen. Sie ging vom Träger jenes Lichtkegels aus, der schwankend und mühsam lallend den berüchtigten, bekannten Ruf ausstieß: "Idissuda, Paninka! Spatsch!" ("Komm, Frau! Schlafen!")
Wir schreckten hoch und begannen lauthals zu schreien.
Der Russe jedoch ließ nicht von uns ab, nestelte an seiner Uniform und zückte hastig eine Pistole. Wirre Schimpfworte von sich gebend, fuchtelte er mit der Waffe vor uns herum. Immer wieder brüllte er seine unflätige Aufforderung.

Mutti riss mich plötzlich an sich und schleuderte voller Angst und nun selbst schreiend dem Iwan ein verzweifeltes "...dann erschießt uns doch!" entgegen.
Ich begriff blitzschnell, riss mich von meiner Mutter los, rappelte mich hoch und wollte fliehen.
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgestoßen und herein stürzte jener Offizier, dem ich zuvor, halb im Scherz zwar, aber voller Erwartungsängste anvertraut hatte, wovor wir uns so fürchteten. Ebenfalls mit gezogener Pistole ging der Offizier mit wilden Flüchen auf seinen betrunkenen Kameraden los und drängte ihn mit Fußtritten aus dem Raum.
"Alles gutt! Nix mehr Angst! Wieder schlafen! Ich aufpassen!", so drang es wie aus weiter Ferne kommend an unser Ohr..."

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