Folge 23: Ein 10-jaehriger Junge zusammen mit seiner Mutter 1945 auf der Fucht:

Mit Brennnesseln ausgepeitscht, auch am Tag der Herztropfen...

Hannover, 08.06.2017 -


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Anfang 1945, auf einem pommerschen Gutshof unter den Russen, Deutschland vor dem Ende:

"Meine Mutter kränkelte, auch meiner Tante ging es nicht besser. Wir hätten nötig ärztliche Hilfe und Medikamente gebraucht. Aber woher sollten sie kommen, in diesen chaotischen Kriegstagen? Die Strapazen der Flucht und Vertreibung hatten an uns allen Spuren hinterlassen. Die Rheuma Beschwerden meiner Mutter wurden unerträglich für sie. Und kein Kraut war dagegen gewachsen. Oder doch?! - In ihrer Not erinnerte sie sich daran, dass Brennnesselkraut eine lindernde Wirkung bei Rheuma Beschwerden haben sollte. Sie lag mit gekrümmten Gliedmaßen zu Bett, und niemand konnte ihr helfen, wenn wieder ein Schmerzschub sie ereilte. Da bin ich los gezogen, habe mir Handschuhe übergestreift und nach Brennnesseln gesucht. Einen halben Sack voll pflückte ich und ging mit sehr gemischten Gefühlen ins Försterhaus zurück. Das "Medikament" besorgen, das war eine Sache. Es aber auch noch anzuwenden, oh, das ließ mein Herz doch ganz schön schneller schlagen, und ich fürchtete mich vor dem, was nun unabwendbar wurde. Wenn Mutti geholfen werden sollte... So musste ich mich halt dazu überwinden, geschützt durch meine Handschuhe, jeweils ein Bündel der frisch gepflückten Brennnesseln zu ergreifen und die Beine und Arme meiner armen Mutter damit zu bearbeiten, sie regelrecht auszupeitschen! Es war schrecklich! Mir liefen die Tränen über die vor Aufregung geröteten Wangen, und bei meiner Mutter vollzog sich gleiches, nur eben vor Schmerzen! Die auf diese Weise behandelten Hautpartien röteten sich zusehends, und meine Mutter versicherte mir überzeugend, dass sie nun keine Rheuma Schmerzen mehr verspüren würde! Was Wunder! Aber wirklich, auch die lang anhaltenden Nachwirkungen ließen diese Maßnahme zu einem Erfolg werden. Und oft noch musste ich sie daher wiederholen. Meine Mutter dankte es mir, denn selbst auf diese Weise Hand an sich zulegen, sich quasi selbst zu "kasteien", brachte sie nun doch nicht übers Herz, was ich durchaus verstehen konnte.

Am meisten fehlten Mutti die Herztropfen, die ihr (sie litt unter Herz-Asthma) mitunter doch Linderung ihrer Beschwerden hätten verschaffen können. Da kam ihr eine Sonderration im Rahmen meiner Entlohnung für die Arbeit auf dem Kartoffelacker gerade recht. Am 1. Mai nämlich, der vor allem von den Russen ja als "Tag der Arbeit" gefeiert wurde, erhielten wir einen Beutel (das waren sicher an die 500 Gramm) Salz, richtiges weißes Salz! Und als Krönung noch dazu einen halben Liter Sprit,
also hochprozentigen Alkohol! Was für ein köstliches Festtagsgeschenk unserer Besatzer! Mutti war hingerissen und mixte sich aus dem reinen Fusel und irgendwelchen Kräutern, die ich nicht kannte, eine Art Likör. Sie nannte es allerdings ihre "Herzmedizin", von der sie, auf die sparsamste Art nur, teelöffelweise, aber regelmäßig Gebrauch machte. Ich habe nie bezweifelt, dass dieses selbstgebraute Hausmittel ihr geholfen haben und - es war ihr doch zu gönnen - sicher auch einen kleinen Genuss in diesen kargen Tagen verschafft haben wird...

Die schon erwähnten nächtlichen Ausflüge von Vetter Ulli und mir hatten neben den Zuckerrüben-Mieten noch ein anderes Ziel. Sie dienten der - natürlich illegalen - Beschaffung unseres "täglichen Brotes", um das wir den lieben Gott ja immer wieder im "Vaterunser" baten.

Wir hatten spitz gekriegt, dass das Mauerwerk der Getreidespeicher auf dem Gutshof stellenweise ziegelsteingroße, nicht verputzte Lücken aufwies, die locker durch einen lediglich hinein geschobenen Ziegelstein verschlossen waren. Da musste man doch etwas "richten" können...

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