Folge 16: 1945 mit der Mutter zusammen auf der Flucht

Huehner, Wodka und der Hitlergru3...

Hannover, 13.05.2017 -


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Die ersten Tage unter den Russen, Pommern Ende Januar 1945:

"Am Abend bezogen wir provisorisch Quartier in einem direkt an der Straße liegenden alten Gasthaus, das von den Besitzern offensichtlich verlassen worden war und uns und einer ganzen Reihe von kampfesmüden Rotarmisten Unterschlupf für die Nacht bot. Meine Mutter sollte auf Geheiß der Iwans einige Hühner schlachten, die von den Besitzern im angrenzenden Stall zurück gelassen worden waren. Wie gut, dass mein Vater mich gelehrt hatte, wie man Kleinvieh vom Leben zum Tode befördert. Denn nun musste ich ran, ob ich wollte oder nicht! Denn meiner Mutter, der dieser unausweichliche Akt immer ein Gräuel war, musste ich in dieser Situation "ritterlich zur Seite stehen". Und ich, damals gerade mal 10 Jahre alt, erledigte meine Aufgabe, auch für Mutti überraschend, mit erstaunlicher Gelassenheit. Der Job meiner Mutter bestand nun darin, die Hühner - es waren wohl vier oder fünf - zu rupfen und daraus einen Riesentopf voll guter Suppe zuzubereiten, was ihr in Ermangelung der üblichen, Würze verleihenden Zutaten sicher nicht ganz leicht fiel. Aber die Russen, die sich mit Gesang und appetitanregendem, ausgiebigem Wodka-Konsum die Wartezeit verkürzt hatten, lohnten es meiner Mutter mit anerkennenden Rufen und Schulterklopfen. Auch sie kam dabei nicht darum herum, einige (Wasser-)gläschen Wodka auf den bevorstehenden russischen Endsieg und die baldige Einnahme von Berlin mit unseren "Befreiern" zu trinken. Deren optimistische Prognose: "Chietlerr (Hitler) kapuhtt, Chietlerr nix guhtt! Stalin serr guhttt! Berlin kapuhtt! Woina (Krieg) kapuhtt...!" sollte sich (wie wir erlebten) nur mit Verzögerung erfüllen. Dabei reckten sie eine Hand in die Höhe und signalisierten mit den gespritzten fünf Fingern wohl die von ihnen erwartete (und erhoffte!) Wochen-Dauer des blutigen Kämpfens. Später erinnerten wir uns an diese Szene und stellten fest, dass das unsinnige Sterben auf beiden Seiten noch mehr als drei Monate gedauert hatte! Und - ich überlegte, ob das normal sei - darüber nachzusinnen, ob diese überwiegend blutjungen Kerle den Tag des Kriegsendes und des Falls von Berlin wohl noch haben erleben können...


Das war knapp...

In jenem öden Gasthaus spielte sich übrigens noch eine Szene ab, in der ich eine unrühmliche Hauptrolle spielen sollte und die meiner Mutter, aber auch mir, fast das Herz vor Schrecken zum Stillstand gebracht hätte...

In Erwartung der von Mutti bereiteten Hühnersuppe ließen die tagesmüden Krieger - wie gesagt - ausgiebig Wassergläser, Tassen und Becher voller Wodka in ihren Reihen kreisen. Interessanterweise tranken sie dieses hochprozentige Teufelszeug unverdünnt und spülten mit Wasser nach, nicht ohne vorher durch den Verzehr des Inhalts vieler Ölsardinen aus Büchsen für eine gute Unterlage gesorgt zu haben. In diese Augenblicke ihrer Kriegspause hinein platzte nun plötzlich ein kleiner, zehnjähriger deutscher Junge, der ihnen von seiner Mutter ausrichten sollte, dass es noch etwa eine viertel Stunde dauern könnte, bis sie dann ihren Hunger würden stillen können. Ich - besagter Junge - betrat den verqualmten und nach Alkohol stinkenden Raum und knallte - wie ich es so vom Betreten etwa meiner Schulklasse gewohnt war - die Hacken zusammen und schmetterte, die Rechte zum bekannten "deutschen Gruß" erhoben, mein "Heil Hitler!" in das trunkene Stimmengewirr!
Schrecksekunde nennt man so etwas, was meinem eigenen und dem Erschrecken meiner in Hörweite stehenden Mutter nach dieser Szene folgte!
Das hätte mein Tod sein können! Und so dachte ich im allerersten Moment auch wirklich, dass man mich nun wohl erschießen würde. Soviel Realismus, soviel Einschätzungsvermögen hatte sich, auch schon nach wenigen Tagen unter Fremdherrschaft, nun doch bereits in meinem Kinderhirn etabliert. Und das, obwohl ich - im Dezember gerade erst 10 Jahre alt geworden - mit großer Enttäuschung mit der für mich so traurigen Tatsache fertig werden musste, dass mit meiner sehnlichst erwarteten Aufnahme ins Jungvolk, am Tage von Hitlers Geburtstag am 20. April, nun ja wohl nichts werden würde.
Und nun stand es im Raum, dieses "Heil Hitler!" eines verhinderten Pimpfes! Es waren sicher nur einige Sekunden, aber es wirkte auf mich wie Stunden, bis mein "Urteil" gesprochen wurde: Der anfänglichen Totenstille folgte, einem urplötzlich aufkommenden Gewittersturm vergleichbar, krachend und unbändig, eine Lachsalve nach der anderen! Eine nicht zu erwarten gewesene Heiterkeit der versammelten, schon reichlich betrunkenen Russen-Schar breitete sich aus. Sie schlugen sich mit den Händen auf die Schenkel und auf den Tisch, dass die Gläser nur so wackelten und konnten sich gar nicht mehr beruhigen. "Du kleine Chitlerr! Du kleine Faschiist!" tönte es immer wieder. Man schnappte mich, man herzte mich, und ich wanderte, tüchtig durchgeschüttelt, von einem Schoß auf den anderen. Aufs Höchste amüsiert wurde mir ein ums andere Mal mit hastigen, unkontrollierten Bewegungen Wodka eingeflößt! Da half kein Prusten, da half kein Husten! Aber...ich lebte!

Die Erinnerung an den weiteren Verlauf dieses Abends liegt für mich im Dunkeln... Wie meine Mutter mir später erzählte, erschien ihr die heikle Aufgabe, sich zum ersten Male in ihrem Leben um ihren "betrunkenen" Jüngsten kümmern zu müssen, als eine vergleichbar leichte Übung! Es hätte ja wirklich schlimmer, viel schlimmer kommen können!"

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