Essay, Reportage und Dichtung im LeineBlick Hannover:
Hier ist sowohl Raum für Ihre Gedanken, Geschichten und Gedichte
als auch für besondere Reportagen, Reiseberichte und Monographieen
Was hier erscheint, hat gute Chancen im Archiv zu überleben; so z.B.:
Reiseberichte aus aller Welt
Berichte aus Afghanistan
(regelmäßig seit September 2001)
Wein-Brevier
Stammzellenforschung
Peter Hübotter
Bauen & Energie
(z.B. Serien zu Passivhaus - Niedrigenrgiehaus, Schimmelpilzbildung u.s.w.)
PC & Internet
650 Jahre Garbsen-Frielingen
Garbsen-Meyenfeld: Chronik & Dorfentwicklung
Serie: Benno - Die Gedanken eines Welsh-Terriers

Essay-Reportage-Dichtung
- Artikel aus den Monaten Oktober/November -


Inhalt:
Berlin-Alexanderplatz: Abenteuer Schwarzmarkt
Festnahmen nach Fußballspiel Hannover 96 - Werder Bremen
Randalierer in Psychiatrie eingewiesen
Reifenplatzer sorgt für hohen Sachschaden
Quartett auf gestohlenem Roller unterwegs
Tankstelle an der Kolenfelder Straße überfallen
Keine Schule, aber viel Schutt und Asche...
Smurgh und seine neue Freundin
Linwood Barclay: Ohne ein Wort
Der Keil
Berlin 1945: 200 Reichsmark für ein halbes Pfund Butter
Der Junge wird jesund, det sach ick euch!
Telekommunikation
Überlebenskampf im zerbombten Berlin



Aus meinen Lebenserinnerungen Folge 40:
Berlin-Alexanderplatz: Abenteuer Schwarzmarkt
- von Klaus Perrey -
Trümmer-Berlin Ende 1945: Ich (11) bin total verknallt in die faszinierende U-
Bahn der Hauptstadt! Jede Fahrt mit ihr wird für mich zu einem tollen
Abenteuer...

"Wann immer ich später in den Jahren meiner beruflichen Tätigkeit dienstlich
in Berlin zu tun und damit verbunden dort gelegentlich zwei- bis dreitägige
Aufenthalte hatte, zog mich vor allem diese U-Bahn magisch an. Und
entweder vor oder nach der dienstlichen Sitzung, oft auch schon vom
Flughafen aus, stattete ich dann meiner "alten Heimat" am Kottbusser Tor
einen "Pflichtbesuch" ab, und das natürlich mit den gelben Wagen der U-
Bahn. (Tempelhof, der über 80jährige Flughafen, der dieser Tage endgültig
seine Start- und Landebahnen außer Betrieb gesetzt hat, war damals Start-
und Endpunkt meiner Berlin-Aufenthalte. Einmalig und eindrucksvoll die
rasanten Landeanflüge knapp über den Dächern der Berliner Wohnbezirke!
Schade, dass das nun vorbei ist! Später dann in Tegel zu landen und zu
starten, war dagegen fast langweilig.)

Auch die S-Bahn war als rollender Abenteuerspielplatz nicht zu verachten.
Meine Liebe zu ihr und zu den so typischen "summend-gleitenden" Fahrten
hat sich bis in diese Tage gehalten. So gesehen bin ich in dieser Hinsicht mit
meinem Faible insbesondere für Berliner Verkehrsmittel (einschließlich der
imposanten Doppelstock-Busse) wohl doch so etwas wie ein "komischer
Vogel", ein "Zug-Vogel" gewissermaßen...!

Ein von Vetter Ulli und von mir bevorzugtes Ziel bei unseren Exkursionen
durch Berlin war immer wieder der Alexanderplatz. Von Trümmern umgeben
bot er den Deutschen, aber auch den Besatzungssoldaten (Amis, Iwans,
Tommys oder Franzmännern) die abenteuerliche, aber nicht ungefährliche
Kulisse des "Schwarzmarktes". Das war ein sehr beliebter und stark
frequentierter illegaler Umschlagplatz für alle möglichen Konsumgüter, aber
eigentlich für alles nur Denkbare, was zu jenen Zeiten einen gewissen Wert,
und sei es den eines Tauschobjektes, darstellte. Hier konnte man vieles von
dem erstehen, was sonst nicht zu bekommen war: ausländische Zigaretten
vor allem, die beliebten, für uns Deutschen bislang weitgehend unbekannten
Kaugummi, Butter (sehr gefragt!), riesige Speckseiten, Zucker, Eier und, und,
und... Auch Brot z. B. konnte man, sofern man über genügend Reichsmark
verfügte, für teures Geld bekommen. 200,-- RM (!) musste man für einen Laib
Brot hinblättern! Und das natürlich, ohne auch nur einen einzigen Abschnitt
aus der Lebensmitelkarte dafür opfern zu müssen.

Der Alexanderplatz (liebevolle Kurzform seit eh und je: "Alex") war schwarz,
schwarz auch von Menschen, die alle - mehr oder weniger schweigend oder
nur flüsternd - verstohlen und ängstlich um sich blickend, ihre Ware zum
Kauf oder Tausch anboten. Da standen z.B. Amis, deren beide Arme waren
doch tatsächlich bis zu den Ellbogen mit den verschiedensten Armbanduhren
bestückt. Und flugs glitten nach jeder Anpreisung tarnend dann die
Jackenärmel wieder über das reichhaltige, glitzernde Angebot von
Zeitmessern, die vor allem auch bei den Iwans auf größtes Interesse stiessen,
waren sie doch auf "Uri, Uri!" immer schon besonders scharf!

Gefährlich war der Aufenthalt auf dem Schwarzen Markt deshalb, weil
Schwarzhandel von den Besatzungsmächten sreng verboten war. Er wurde
zwar stillschweigend und immer wieder geduldet. Doch gelegentlich gab die
neu gegründete deutsche Schutzpolizei, ein offensichtlich zusammen
gewürfelter Haufen, nur in Schnellkursen leidlich geschulter, unausgebildeter
und abenteuerlich, quasi im "Lumpenlook" uniformierter "Hilfssherrifs",
Proben neu erstandenen Ordnungssinns und allmählich wiedererstehender
deutscher Staatsgewalt: Mit viel Tatü-Tata brausten dann gleich mehrere
Lastwagen, voll beladen mit Polizisten, die respektheischend ihre
Gummiknüppel schwangen, heran! Die alliierten "Handelspartner", die
Besatzer, blieben von diesen überfallartigen Razzien natürlich verschont. Wer
von den Deutschen jedoch nicht aufs schnellste die Flucht ergreifen konnte,
wurde mit "Ordnungsmachts-Gebrüll" von den Hilfspolizisten geschnappt und
- ruck-zuck - mit Polizeigriff auf bereitgestellte weitere Lastwagen bugsiert.
"Vorläufig festgenommen" hieß das dann."

(Weiter geht's in einer Woche!

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Hannover:
Festnahmen nach Fußballspiel Hannover 96 - Werder Bremen
- von Polizeidirektion Hannover -
Hannover, 26.10.08 - Nach der Fußballbegegnung der 1. Bundesliga Hannover 96 - SV Werder Bremen ist es am Samstagabend gegen 19:10 Uhr in der Innenstadt Hannovers zu Festnahmen gekommen. Gegen insgesamt 15 Personen wird nun wegen Verdachts des Landfriedensbruchs ermittelt.

Bisherigen Erkenntnissen zufolge versuchten rund 100 hannoveraner Fußballfans am Samstagabend - im Pulk vom Thielenplatz in Richtung Bahnhofsvorplatz laufend - zu Bremer Fans vorzudringen, die am Hauptbahnhof zur Rückreise auf ihren Zug warteten. Einige aus dem Pulk warfen mit Flaschen auf Polizisten. Starke Einsatzkräfte verhinderten dann das Eindringen dieser Gruppe in den Hauptbahnhof und weitere Ausschreitungen. Ein Polizeibeamter wurde leicht verletzt - er ist aber weiterhin dienstfähig. Insgesamt wurden 15 Personen vorläufig festgenommen. Gegen sie wird nun wegen Verdachts des Landfriedenbruchs ermittelt. Der Abmarsch der übrigen Fans verlief störungsfrei. /zz

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List:
Randalierer in Psychiatrie eingewiesen
- von Polizeidirektion Hannover -
Hannover, 26.10.08 - Ein 27-jähriger Mann ist Freitagabend gegen 20:50 Uhr in eine Psychiatrie eingewiesen worden. Er hatte zuvor in seiner Wohnung am Sylter Weg randaliert, Sachen aus dem Fenster geworfen und sich anschließend der Festnahme wiedersetzt.

Bisherigen Erkenntnissen zufolge alarmierten Hausbewohner die Polizei und gaben an, dass ein Mieter in seiner Wohnung randaliere und Gegenstände aus dem Fenster werfe. Außerdem sei in der betroffenen Wohnung Feuerschein zu sehen. Die alarmierten Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr begaben sich sodann zur Wohnung des 27-Jährigen, der jedoch auf Klingeln und Klopfen nicht reagierte. Nachdem deshalb die Wohnungstür durch die Feuerwehr gewaltsam geöffnet worden war und der Verdächtige im Badezimmer angetroffenen wurde, nahm dieser sofort eine aggressive Haltung ein. Polizeiliche Weisungen befolgte er nicht. Bei der vorläufigen Festnahme wehrte sich der 27-Jährige so, dass eine 29-jährige Polizisten das Gleichgewicht verlor und mit dem Kopf gegen die offenstehende Wohnungstür prallte. Die Frau zog sich dabei eine Verletzung an der Stirn zu - ist jedoch weiterhin dienstfähig.

In der Küche des Beschuldigten entdeckten die Einsatzkräfte dann auf einer noch eingeschalteten Herdplatte einen mittlerweile selbst erloschenen, undefinierbaren Gegenstand. Dieser hatte offenbar zuvor gebrannt und dadurch den Feuerschein verursacht.

Der junge Mann wurde anschließend der Wache der Inspektion Ost zugeführt. Ein Arzt entnahm ihm eine Blutprobe und wies ihn danach in eine Psychiatrie ein. /zz

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Zeugenaufruf A7, Laatzen:
Reifenplatzer sorgt für hohen Sachschaden
- von Polizeidirektion Hannover -
Hannover, 26.10.08 - Ein großes zurückgelassenes Gummistück eines LKW- Reifens hat Freitagabend gegen 23:50 Uhr für hohen Sachschaden gesorgt. Insgesamt sind elf Autos anderer Verkehrsteilnehmer beschädigt worden. Der Verursacher ist flüchtig.

Bisherigen Erkenntnissen zufolge ließ ein unbekannter LKW- Fahrer nach einem Reifenplatzer an der BAB 7, Fahrtrichtung Hamburg, in Höhe der Anschlussstelle Laatzen die abgerissene Reifendecke auf der Fahrbahn liegen. Ohne sich weiter darum zu kümmern, entfernte sich der Verursacher unerkannt. In Folge dessen fuhren insgesamt elf andere Autofahrer über dieses große Gummiteil, sodass an ihren Fahrzeugen Sachschaden entstand. Dieser wird insgesamt auf rund 26 500 Euro geschätzt. Verletzt wurde niemand.

Die Polizei bittet Zeugen, die Hinweise zum Verursacher geben können, sich bei der Autobahnpolizei Garbsen unter der Telefonnummer 0511 109-8930 zu melden. /zz

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Zeugenaufruf Mühlenberg:
Quartett auf gestohlenem Roller unterwegs
- von Polizeidirektion Hannover -
Hannover, 26.10.08 - Samstagabend sind gegen 22:15 Uhr drei Jugendliche und ein Kind am Kurt- Willkomm- Weg von der Polizei gestoppt worden. Das gesamte Quartett war auf einem gestohlenen Roller unterwegs - ohne Helme und ohne Führerschein.

Eine Streifenwagenbesatzung des Polizeikommissariats Ricklingen bemerkte am Samstagabend ein Kleinkraftrad, welches trotz herrschender Dunkelheit ohne Beleuchtung unterwegs war. Noch auffallender war jedoch, dass insgesamt vier Personen auf dem Zweirad saßen - alle ohne Helm. Als die Beamten das Quartett kontrollieren und anhalten wollten, gab dessen Fahrer, ein 16-Jähriger, jedoch Gas und versuchte zu fliehen. Dabei fuhr das "Gespann" zeitweise auch auf Gehwegen und Grünflächen und gefährdete zwischen der Tresckowstraße und dem Kurt- Willkomm- Weg einen bislang unbekannten Fußgänger. Dieser konnte sich vor dem herannahenden Zweirad nur durch einen Sprung zur Seite retten. Das Quartett kam mehrfach beinahe selbst zu Fall.

Um weitere Gefährdungen sowohl für Passanten als auch für die Verdächtigen zu vermeiden, überholten die Beamten den Roller und stellten den Streifenwagen in ausreichendem Sicherheitsabstand zum Zweirad auf dem Gehweg des Kurt- Willkomm- Wegs ab. Dann sollten die Jugendlichen gestoppt werden. Diese versuchten jedoch erneut zu fliehen und beabsichtigten den stehenden Dienstwagen seitlich zu umfahren. Dabei stieß der 16-Jährige jedoch seitlich gegen das Heck des Streifenwagens, sodass alle vier (13, 15, 15 und 16 Jahre alt) zu Fall kamen. Hierbei zog sich der 13-Jährige leichte Verletzungen zu. Er wurde ambulant behandelt - die anderen drei zur Polizeiwache gebracht.

Bei den folgenden Ermittlungen stellte sich heraus, dass der Roller in der Nacht von vergangenem Donnerstag zum Freitag an der Leuschnerstraße (Mühlenberg) gestohlen wurde. Der 16-Jährige, der das Zweirad geführt hatte, ist außerdem nicht im Besitz einer Fahrerlaubnis. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wurden die Tatverdächtigen ihren Eltern übergeben. Jetzt wird gegen sie ermittelt. Am Streifenwagen und am Roller entstand Sachschaden in einer Gesamthöhe von rund 3 000 Euro.

Die Polizei bittet Zeugen, die Hinweise zum Geschehen geben können, sich beim Polizeikommissariat Ricklingen unter der Telefonnummer 0511 109-3017 zu melden. Insbesondere der namentlich noch nicht bekannte Fußgänger möge sich bitte mit der Dienststelle in Verbindung setzen. /zz

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Zeugenaufruf Wunstorf:
Tankstelle an der Kolenfelder Straße überfallen
- von Polizeidirektion Hannover -
Hannover, 26.10.08 - Ein bislang unbekannter Mann hat gestern Abend gegen 21:15 Uhr eine Tankstelle an der Kolenfelder Straße in Wunstorf überfallen und ist anschließend unerkannt entkommen.

Bisherigen Erkenntnissen zufolge betrat der Unbekannte den Verkaufsraum der Tankstelle und ging anschließend zielgerichtet hinter den Tresen. Dort bedrohte er die allein anwesende 29-jährige Kassiererin mit einer Schusswaffe, griff zunächst selbst in die Kasse - forderte dann aber doch die Herausgabe von Bargeld. Nachdem die Geschädigte der Aufforderung nachgekommen war, stahl der mutmaßliche Räuber noch mehrere Schachteln Zigaretten und flüchtet anschließend aus dem Gebäude. Eine sofort eingeleitete Fahndung verlief erfolglos. Der Gesuchte ist etwa 20 Jahre alt und hat ein südeuropäisches Aussehen. Seine Augen und seine Haare sind dunkel - seine Nase soll auffällig sein. Zur Tatzeit trug der mutmaßliche Räuber Jeans, eine graue Kapuzenjacke, schwarze Schuhe und war mit einem dunklen Schal vor dem Gesicht maskiert.

Die Polizei bittet Zeugen, die Hinweise zum Geschehen geben können, sich beim Kriminaldauerdienst Hannover unter der Telefonnummer 0511 109-5222 oder einer örtlichen Dienststelle zu melden. /zz

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Aus meinen Lebenserinnerungen Folge 39:
Keine Schule, aber viel Schutt und Asche...
- von Klaus Perrey -
Berlin 1945: Aus Pommern haben uns die Russen vertrieben. Im zerbombten
Berlin versuchen wir zu überleben. Mein 13jähriger Vetter Ulli ist aus
mehrmonatiger Verschleppung durch die Russen endlich zu uns gestossen:

"Ich war natürlich heilfroh, endlich wieder einen Spielkameraden, einen
"Kumpel" neben mir zu haben. Und wir beide erlebten in den folgenden
Wochen und Monaten so allerlei Aufregendes und so manches Abenteuer im
großen, noch immer trostlosen Trümmer-Berlin.

Schulunterricht gab es, nicht nur wegen der meisten in Schutt und Asche
liegenden Schulen, für mich zunächst nicht. Offene Tbc., also
Lungentuberkulose zu haben, bedeutete wegen der starken
Ansteckungsgefahr für Andere für mich strengen Ausschluß aus der
Öffentlichkeit. So konnte ich meinem damals stark ausgeprägten Wunsch, zu
lernen, Neues zu entdecken und das Leben zu studieren, lediglich in
"Heimarbeit" entsprechen. Vor allem meine Mutter, aber auch meine beiden
Tanten und Onkel Adolf versuchten sich als Hauslehrer. Die schönste und
spannendste Art zu lernen allerdings ergab sich für mich durch das geradezu
maßlose Verschlingen all dessen, was mir in Form von Büchern so unterkam.
Es war wie ein Rausch, so unbändig hatte mich die Lust am Lesen erfasst. Ich
war - und damit ging ich manchen meiner lieben Mitmenschen zeitweise
ganz schön auf den Wecker - zu einem wirklichen "Bücherwurm" geworden,
der über seinen Büchern nur zu oft Zeit und Raum vergaß. Wie oft verhallte da
der Ruf meiner Mutter total, doch eben beim Abwaschen zu helfen oder mich
auf die eine oder andere Weise im Haushalt nützlich zu machen. Und nicht
selten ließ sie mich ihre Verärgerung darüber auch spüren. "Der Junge hat
wirklich nur noch seine Bücher im Kopf!", begann so allzu häufig ihr
Klagelied, wenn ich wieder mal mit Karl May "Durchs wilde Kurdistan" streifte
oder mich mit Winnetou oder Old Shatterhand auf Kriegspfad befand... Die in
der Familie Menge vorhandenen Bände waren bald verschlungen. Aber zu
meinem Glück gab es erstaunlicherweise recht bald nach Kriegsende die
Möglichkeit, sich (wieder) einer Leihbibliothek zu bedienen.

Nie wieder seither durchlebte ich eine solche Phase intensivsten
Sichvertiefens in die Literatur aller für mich erreichbaren Spielarten. Das war
die Zeit zwischen meinem 11. und 16. Lebensjahr. Sie war, so gesehen, eine
wunderbare und mich nachhaltig beeinflussende und stark prägende
Lebensphase, die ich nie hätte missen wollen. Trotz der traurigen und höchst
trostlosen Lebensumstände.

Als es mir nach einer gewissen Zeit gesundheitlich langsam besser ging und
ich endlich wieder auch nach draussen und vor allem mit anderen Menschen
ausserhalb der Familie zusamen kommen durfte, da begann für mich erst so
richtig meine spannende, ja abenteuerliche Zeit in Groß-Berlin.

Das Tollste war da für mich die ungeheuer beeindruckende, faszinierende
Möglichkeit, mit der Berliner U-Bahn die alte Reichshauptstadt zu erkunden!
Das war ein Vergnügen, das damals nicht mehr als 20 bis 25 Pfennige je
Fahrtstrecke kostete! Zu jenem Zeitpunkt war es auch, dass ich mich für
"ewig" geradezu unsterblich in dieses mich total in seinen Bann ziehende
Verkehrsmittel verliebte, das da mit seinem unvergleichlich typischen
Fahrgeräusch und von einem für mich auch heute noch - fast möchte ich
sagen - süchtig machenden, besonderen Geruch begleitet, die unterirdischen
und teilweise auch oberhalb der Straßenebene verlaufenden U- und
Hochbahnlinien kreut und quer durch Berlin bediente. Kottbusser Tor, das
war in Berlin-Kreuzberg und am Beginn der Adalbertstrasse liegend, "mein U-
Bahn-Bahnhof"! Mit ihm verbinden sich bis heute so viele schöne und
abenteuerliche Kindheitserinnerungen, die mich selbst Jahrzehnte nach
unserem damaligen Zwangsaufenthalt in Berlin immer noch und anhaltend in
einen gewissen "aufgeregten Zustand angenehmster Anspannung" versetzen."

(Weiter geht's in einer Woche!)

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Eine Geschichte:
Smurgh und seine neue Freundin
- von Maria Siebert -
Hoch im kalten Norden, wo die Temperaturen schon im Herbst unter null Grad lagen, hauste einst ein Drachenjunge namens Smurgh. Doch es war nicht irgendein Drache. Seine Schuppen waren panzerfest und sie glänzten blau wie der Ozean. Einige Schuppen gingen in ein leichtes grün hinüber. Seine Nüstern waren blau und seine Augen schimmerten ebenso hellblau und wenn er dann einmal wütend war, schossen gewaltige goldene Blitze aus seinen Augen. Seine Mutter hatte manchmal Schwierigkeiten ihn davon abzuhalten, extrem steile Hänge hinunter zu sausen, wie es die Halbstarken immer taten.

Wieder einmal saß der Drache auf einem Felsvorsprung und sah sich den Sonnenaufgang an. Dies fand er immer total aufregend und spannend, wie das Dunkel wich und die Sonne ihre wärmenden Strahlen über die Landschaft strahlen ließ.
Doch Smurghs Stimmung war heute getrübt. Die anderen jungen Drachen hatten ihm wieder mal übel mitgespielt. Seine Kumpel erlaubten sich, so fand Smurgh, einfach zu viele Scherze mit ihm. Zum Teil verstand er sie gar nicht und konnte dann nicht mitlachen. Aber seine Mutter wollte er in solchen Fällen auch nicht fragen. Meistens flog er dann an einen stillen Ort. Schon heute Morgen waren Witze gefallen, worüber alle lachten. Smurgh sah ihnen eine Weile zu, wie sie sich vor lachen kringelten. Etwas später entschloss er sich, wieder Ruhe zu suchen. Als er im Glauben war, dass niemand ihn sah, erhob er sich in die Lüfte und machte sich auf den Weg um an seinen geheimen Ort zu gelangen. Dabei wurde er jedoch beobachtet...
Unter ihm erstreckten sich bergige Landschaften. Sie waren von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Viele Flüsse hier oben waren zugefroren und die kleinen Jungdrachen rutschten diese auf ihrem Hinterteil hinunter. Dabei jauchzten sie vor Vergnügen.
Kurze Zeit später tauchte vor Smurgh ein Fichtenwald auf, jetzt wusste er, dass er bald sein Ziel erreichen würde. Als der Wald endete, erstreckte sich vor ihm eine mächtige Felswand, die bis den Himmel ragte. Hinter dieser Wand befand sich ein riesiger Wasserfall, der in einen gigantischen See schoss. Die Farbe des Sees war exakt dieselbe wie die der Schuppen von Smurgh. Er hatte also eine perfekte Tarnung. Um den See schlängelte sich ein schmaler Trampelpfad, welcher kaum zu erkennen war, da das Gebüsch über den Pfad wucherte. Nur an kleinen Stellen war der Pfad unbewachsen. Gen Süden war ein anderer Wald. Dort stand mitten auf einer Lichtung ein riesiger Felsen, auf dem sich eine große Plattform befand. Wenn die Sonne schien, war es hier angenehm warm, Smurgh genoss das. Vor allem war es schön ruhig. Man vernahm nur das ferne Tosen des Wasserfalls. Oft lauschte er den Gesängen der Vögel. „Endlich habe ich meine Ruhe. - Aber eins würde mich brennend interessieren. Warum werde immer nur ich gehänselt?“ Während er darüber nach grübelte, vernahm er plötzlich ein Flügelschlagen und schon tauchte ein goldener Drache am Himmel auf. „Hey, Smurgh! Was machst du denn hier? Warum bist du nicht bei den anderen?“, fragte Sun, das Drachenmädchen. Sie war die Schönste und hatte es deshalb oft schwer. Denn jeder wollte sie als Partner haben. Doch sie würde nur einen Drachen nehmen, und das wäre Smurgh! Dieses Mal hatte sie Smurgh gesehen, als er hierher flog und da sie recht neugierig war, war sie ihm unauffällig gefolgt. Diese Gegend war wunderschön. „Warum ich hier bin? Was soll ich bei den anderen? Andauernd reißen sie Witze, die doch keiner versteht!“, grollte er unwillig. – „Also ehrlich mal! Ist das ein Grund mich so anzumotzen?“ fauchte sie los. Erschrocken sah Smurgh sie an. „Ich weiß nicht“, erwiderte er kleinlaut und verstummte. – Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander in der Sonne.
„Wenn du schon nicht den Mund aufkriegst, werde ich es dir eben sagen!", sagte Sun plötzlich entschlossen, "Heute Abend findet ein Ball statt, und ich habe noch keinen Partner!“ – Smurgh sah Sun an, Sun und kein Partner? „Muss ich dass verstehen, Sun? Jeder will doch mit dir ausgehen!“ Sun sah Smurgh an. „Schon, aber ich habe keine Lust, mit jemandem auszugehen, der nur mit mir angibt! Verstehst du?“ Smurgh sah sie wieder an. Das war doch gerade seine Chance! „Sun! Was hältst du davon, mit mir auszugehen?“ Sun strahlte und neigte ihren Kopf zu ihrer Zustimmung.
Am Abend warteten die anderen Drachen auf Sun... – Und Smurgh war auch noch nicht erschienen. Langsam wurde die Drachenmenge unruhig. „Wo bleiben die denn?“, fragte ein Drache. Er war Hoop, der Anführer der kleinen Gruppe, die Smurgh heute morgen geärgert hatte. „Ich wollte doch mit Sun tanzen!“.
Plötzlich vernahmen sie Flügelschläge. Und schon tauchten die beiden am Himmel auf. Als sie landeten, kam Hoop auf Sun zu. „Hey, Sun! Komm tanzen!“ Dabei machte er Anstalten sie zu packen und auf die Tanzfläche zu bugsieren. Doch dieses Mal wehrte Sun sich. „Fass mich bloß nicht an!“ Dann nahm sie Smurgh und zog ihn auf die Tanzfläche. Beleidigt zog Hoop ab. „Warum bekommt Smurgh jetzt Sun, und ich nicht?“, fragte er sich. Doch ihm fiel keine Erklärung dafür ein und er nahm mit einem anderen Drachenmädchen vorlieb.
Smurgh und Sun vergnügten sich den ganzen Abend lang, bis beide zu erschöpft waren um irgendetwas anderes tun zu können. Außer nach Hause zu fliegen.
Nach dem Ball fragte Smurgh Sun auf dem Heimweg: „Sun, möchtest du meine Freundin sein?“. Sun sah Smurgh an. „Was ist denn das für eine Frage? Natürlich möchte ich deine Freundin sein! Übrigens, der Abend war wunderschön.“ Smurgh lächelte. Dann wurden sie von der rasch einbrechenden Dunkelheit verschlungen.

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Buchvorstellung:
Linwood Barclay: Ohne ein Wort
- von einer Schülerin der LeineBlick-AG am JKG -
Das Buch, das ich vorstelle, heißt ,,Ohne ein Wort'' und wurde von Linwood Barclay gechrieben. Im Juni 2007 wurde es im Ullstein Verlag herausgebracht und kostet 8,95€. Es ist in 50 Kapitel eingeteilt; das entspricht 492 Seiten. Es handelt sich um einen Psychothriller, in welchem es um ein 14-jähriges Mädchen geht, das eines Morgens aufwacht und dessen Eltern und ihr Bruder spurlos verschwunden sind. Erst 25 Jahre später, wo sie selber eine eigene Familie hat, tauchen aufeinmal merkwürdige Hinweise auf, die sie zu ihren Eltern führen sollen. Ich habe mich für dieses Buch entschieden, weil es mir sehr gefallen hat und es so spannend ist, dass man es nicht aus der Hand legen kann, bevor man es durchgelesen hat.

Der Autor Linwood Barclay ist in einem sehr sorgfältig geheim gehaltenem Jahr in den USA geboren. Schon mit vier Jahren zieht er mit seinen Eltern nach Canada. Doch als Linwood 16 Jahre alt war, starb sein Vater, so wuchs er als Halbweise auf. 1977 machte er seinen Abschluss in Literaturwissenschaften an der Trent University in Petersborough, Ontario. Danach arbeitete er lange als Journalist. Erst später fing er an, Bücher zu schreiben. ,,Ohne ein Wort'' ist sein erstes ernst zu nehmendes Buch. Heute lebt Barclay mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der Nähe von Toronto.

Die Handlung
In dem Buch ist ein 14-jähriges Mädchen die Hauptperson. Sie heißt Cynthia. Cynthia macht oft Unerlaubtes und wünscht sich immer öfter, dass ihre Eltern tot wären. Als sie nach einer Nacht mit viel Alkohol aufwacht, sind ihre Eltern mit ihrem Bruder spurlos verschwunden.

Zunächst dachte Cinthia, dass sie nur früher das Haus verlassen hatten. Doch ihre Mutter hätte eine Nachricht hinterlassen, so wie sie es immer tat. Später machte sie sich große Sorgen und alarmierte die Polizei. Diese sollte Nachforschungen über das Verbleiben ihrer Familie machen. Als sie aber nach mehreren Monaten immer noch nichts heraus gefunden hatten, wurde der Fall zu den Akten gelegt und Cynthia zog zu ihrer Tante Tess, die einzige Verwandte, die Cynthia noch hatte.
Ganze 25 Jahre später, als Cynthia selbst eine eigene Familie hat, sollte sich alles ändern. Eine Fernsehagentur wollte einen Film über Cynthia's tragische Kindheit machen. Terry, Cynthias Mann, war anfangs nicht gerade überzeugt von diesem Vorschlag eine Fernsehsendung über seine Frau zu machen. Schließlich wurden sie sich später aber doch einig, denn sie erhofften sich, dass sich Menschen bei ihnen melden würden, die wüssten was mit Cynthia's Eltern passiert war.

Die Geschichten der sich daraufhin meldenden Anrufer waren nicht sehr glaubwürdig, geschweige denn hilfreich. Wenn Cynthia mit ihrem Mann und ihrer sieben jährigen Tochter Grace ausging, hielt sie andere, völlig fremde Personen für ihren Bruder Todd, oder sah plötzlich ihre Eltern Patricia und Clayton Bigge vor sich. Zu ihrer Enttäuschung war es aber nie einer von ihnen.
Nach einem anonymen Anruf, der Cynthia große Angst bereitete und sie viel nachdenken lies, stellten die Beiden einen Privatdetektiven ein, der endlich herausfinden sollte, was mit ihren Eltern geschehen war. Urplötzlich tauchten verschiedene Hinweise auf, die Cynthia zu ihren Eltern führen sollten: Der alte Filzhut von ihrem Vater lag auf einmal auf dem Küchentisch, ihre Tante Tess hatte jahrelang Geld von einem Unbekannten für Cynthia's Studium bekommen, und irgendwie sollte dann auch Vince Fleming, der Jugendfreund von Cynthia, in den Fall verwickelt sein. Zudem wurden wegen den Ermittlungen auch noch Tess und der Privatdetektiv umgebracht. Nachdem Cynthia den Tod ihrer Tante einigermaßen verkraftet hatte, fuhr Terry zu Vince Fleming um endlich Licht ins Dunkle zu bringen. Und tatsächlich wusste Vince von einigen Ereignissen, die damals passiert waren und über die sonst niemand bescheid wusste: An dem Abend bevor Cynthias Familie verschwunden war, stand ein Auto vor dem Haus der Bigges und beobachtete alles ganz genau. Todd war dann mit seiner Mutter zu einem Einkaufsladen gefahren, um Papier zu kaufen, welches Todd am nächsten Tag brauchte. Das Auto, das die ganze Zeit das Haus beobachtet hatte, war dem Auto von Patricia gefolgt. Auch Clayton folgte dann dem Auto. Danach hatte Vince nie wieder jemanden von der Familie von Cynthia gesehen.
Später dann, als Terry wieder zu Hause war, bekam Cynthia einen Anruf von ihrem Bruder; er wollte sich mit ihr treffen. Terry hielt das für keine gute Idee, doch Cynthia beschloss mit ihrer Tochter Grace zu ihrem Bruder zu fahren. Terry und Vince wollen den angeblichen Bruder von Cynthia aufsuchen, um zu erfahren ob er wirklich der wahre Bruder von Cynthia war. Doch Cynthia und Grace waren verschwunden und die Beiden vermuteten, dass der Bruder sie entführt hatte.
Dann erfuhren Terry und Vince, dass der Vater von Cynthia noch lebte und im Krankenhaus lag. Die Beiden fuhren dort hin und redeten mit Clayton, welcher tot krank war. Er erzählte, dass er ein Doppelleben geführt hatte. Er hatte zwei Frauen, mit jeder einen Sohn, die er Todd und Jeremy nannte, eine doppelte Identität und eine Tochter, Cynthia. Irgendwann hatte seine zweite Frau Enid herausgefunden, dass er ein Doppelleben führte und beschlossen die anderen beiden, also Patricia und Todd umzubringen. Von Cynthia wusste sie nichts. Sie war die Frau, die in dem Auto saß, welches vor dem Haus stand und Cynthias Familie beobachtet hatte. Sie folgte ihnen und stieß sie mit dem Auto, in dem Patricia und Todd saßen, die Klippen herunter ins Meer.
Clayton musste damit leben, dass Enid eine grauenhafte Frau war, denn er konnte sie nicht verlassen, weil sie ihn sonst umgebracht hätte. Dennoch war er es, der Tess das Geld für Cynthia's Studium geschickt hatte.
Für Terry und Vince lag es nahe, dass Enid von Cynthia erfahren hatte und dass sie sie nun auch umbringen wollte. Sie machten sich mit Clayton auf den Weg zu Enid um zu gucken, ob Jeremy mit Cynthia dort war. Als sie am Haus angekommen waren, gingen Vince und Terry zur Tür und klingelten. Enid, die im Rollstuhl saß machte auf und hatte gar keine Angst vor zwei viel größeren Männern. Zur Überraschung von Terry und Vince schoss Enid aufeinmal auf Vince. Terry sollte laufen und Cynthia suchen. Zusammen mit Clayton fuhr er zu dem Ort, wo Enid Todd und Patricia die Klippen herunter gestoßen hatte. Und tatsächlich, dort fanden sie Enid und Jeremy mit Cynthia und Grace. Die beiden waren gefesselt und Enid wollte sie wahrscheinlich auch umbringen. Doch Terry ging dazwischen und da Jeremy zu feige war um die Pistole abzudrücken, hatte er ihn schnell überwältigt. Trotzdem war da noch Enid, die auch eine Waffe besaß und gerade abdrücken wollte, als Clayton plötzlich kam um sie daran zu hindern. Clayton betätigte das Gaspedal des Autos in dem Enid saß. Sie rasten auf den Abgrund zu. Jeremy sprang vor das Auto, als hätte er es mit bloßen Händen stoppen können.
Zum Schluss verabschiedete Clayton sich noch von seiner Tochter Cynthia und seiner Enkeltochter Grace, die er nie kennen gelernt hatte, und entschuldigte sich für alles, was passiert war. Dann stürzten Clayton, Enid und Jeremy den Abhang runter. Cynthia, Grace und Terry fuhren zusammen nach Hause, wo Terry ihr dann alles erklärte und ihr einen Brief gab, den Clayton zuvor Terry gegeben hatte. Es war ein Brief ihrer Mutter, wo drin stand, dass sie sie immer lieben würde und das sie immer hinter ihr stehen würde. Nun war Cynthia erleichtert, da sie endlich die Wahrheit über ihre Kindheit wusste.

Mir hat an diesem Buch gefallen, dass es so spannend war und auch dass es am Anfang um ein Mädchen in meinem Alter geht. Genauso positiv fand ich, dass die Hauptperson nie den Gedanken aufgibt, dass ihre Familie noch am Leben ist. Auf der anderen Seite hat mir nicht gefallen, dass das Buch aus der Sicht eines Mannes geschrieben wurde, denn so konnte ich mich nicht sofort in die Rolle der Hauptperson hineinversetzen. Ich hätte an der Stelle von dem Autor das Buch eher aus der Sicht von Cynthia oder aus einer neutralen Sicht geschrieben, da ich das einfacher zu lesen gefunden hätte. Linwood Barclay hat das Buch sehr interessant geschrieben. Dennoch ist es meiner Meinung nach eher unrealistisch, da ich nicht glaube, dass es Cynthias Geschichte in der Realität geben würde. Trotzdem finde ich das Buch sehr gelungen und würde es auf jeden Fall weiter empfehlen, weil es einen wirklich in seinen Bann zieht und es viel Spaß gemacht hat es zu lesen.

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Geschichten, die das Leben schreibt, Teil 4:
Der Keil
- von Jörg Ubbens -
Oft ist der Technische Leiter auch für die Sicherheit im Krankenhaus zuständig. Gerade in Sachen Brandschutz gibt es ein Teil, welches jeden Verantwortlichen schier zur Verzweiflung treibt: der Keil. Er dient im Allgemeinen dazu, verbotenerweise Brandschutztüren offen zu halten, um den Verkehrsfluss in einem Krankenhaus nicht zu behindern. Ich warne an dieser Stelle jedoch vor ihrem Gebrauch, es können sich damit seltsame Dinge ereignen …


Schon mehrmals habe ich Ihnen berichtet, dass mein Interesse der Wissenschaft gilt und ich nichts unversucht lasse, Geheimnisse des täglichen Lebens auf den Grund zu gehen. Darum wird es Sie auch nicht wundern, wenn ich Ihnen verrate, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, dass Wissenschaftsmagazine zu meiner regelmäßigen Literatur gehören. Derzeit beschäftigt mich eine Serie über unsere Vorfahren, den Urmenschen, über ihr Leben und wie sie sich bis zum heutigen modernen Menschen weiterentwickelt haben.
Wussten Sie eigentlich, dass wir in den letzten 16.000 Jahren evolutionär kaum Fortschritte gemacht haben? Wissenschaftler behaupten, dass, wenn ein Urmensch in die heutige Zeit hineingeboren würde, er kaum mehr Probleme mit all den modernen Errungenschaften hätte, als Sie und ich. Als ich das las, waren auch meine ersten Gedanken: „alles Quatsch!“.
Diese Behauptungen wollte ich natürlich nicht so einfach ungefiltert aufnehmen, deshalb beschloss ich, in dieser Sache in meiner näheren Umgebung eigene Beobachtungen zu machen. Sie wissen ja, in einem Krankenhaus ist man von modernster Technik umgeben, da hätte so ein Urmensch sicherlich arge Probleme, sich zurechtzufinden, also ein ideales Feld für meine Forschungen, zumal der Urmensch über Jahrtausende kein anderes Werkzeug benutzte, als den Faustkeil, wie im Fachbericht zu lesen war.
Meine ersten verwertbaren Erkenntnisse für diese Forschungsreihe konnte ich schon am nächsten Tag auf einem meiner Kontrollgänge durch unsere Klinik erzielen. Mir fiel nämlich auf, dass jede Durchgangstür, durch die ich schritt, mit einem Holzkeil offen gehalten wurde. Der Keil schien also nach wie vor ein beliebtes Werkzeug des Menschen zu sein. Was mich jedoch noch mehr erstaunte, war, dass jede der verkeilten Türen mit einem deutlichen Hinweisschild versehen war, worauf zu lesen stand: „Brandschutztür, verkeilen verboten!“, was den Verursacher nicht von seiner Tat abzuhalten schien.
Plötzlich durchfuhr mich ein Gedanke, der mich erschauern ließ.
Wer konnte trotz Warnhinweisen all die Keile unter die Türen klemmen? Doch nur jemand, der überhaupt nicht lesen kann! Und wer kann nicht lesen?
Richtig, der Urmensch!
Sollte meine Forschungsarbeit endlich belohnt werden? Stand ich vor einer Entdeckung, die mir die Achtung der gesamten Fachwelt zuteilwerden ließ?
Die vorliegenden Fakten ließen nur einen Schluss zu: Irgendwo hier in den Kellergängen verbarg sich ein Urmensch, dessen Höhle vielleicht beim Bau des Krankenhauses freigelegt wurde, und der jetzt, bisher unentdeckt in den Krankenhausgängen sein Unwesen trieb.
Ich sah mich schon in Gedanken auf den Titelseiten sämtlicher Magazine, und mein Name sollte im gleichen Atemzug genannt werden, wie Reinhold Messner, dem Entdecker des Yetis.
Doch bevor ich mich meinen Träumereien weiter hingab, wollte ich doch noch mehr Beweise sammeln, vielleicht sogar den „Oststadtötzi“ fangen, so nannte ich liebevoll meinen Urmenschen. Ich entfernte also erst einmal alle Keile von den Türen, nummerierte jeden deutlich und dokumentierte die Fundstelle fein säuberlich in meinem Notizbuch.
Jetzt brauchte ich mich also nur auf die Lauer zu legen, um Oststadtötzi beim Wiederverkeilen der Türen zu schnappen. Vorab begab ich mich jedoch in mein Büro, schrieb meine Beobachtungen nieder und verschickte diese per Email an die Redaktion der Zeitschrift „Wissenschaft heute“. Noch bevor ich mich aufmachen konnte, um für meinen sensationellen Fang ein geeignetes Versteck zu suchen, klingelte mein Telefon. Ein Herr Radke aus der „Wissenschaft heute“ - Redaktion gratulierte mir zu meinen Entdeckungen und bat um ein Interview, noch für denselben Nachmittag meldeten er sich und zugleich ARD und ZDF an.
Mein Bericht in den Abendnachrichten schlug ein, wie eine Bombe. Nachdem kurze Zeit später findige Reporter von gleichen Beobachtungen wie die meinigen aus anderen Krankenhäusern berichteten, wurde eine riesige Welle von Archäologen und Hobbyforschern aus aller Welt auf deutsche Krankenhäuser ausgelöst, mit dem Ziel, als Erster den Oststadtötzi zu fangen.
In den folgenden Wochen überschlugen sich die Berichte von angeblichen Zeugen, die mit eigenen Augen gesehen haben wollten, wie Oststadtötzi gerade einen Keil unter eine Brandschutztür stecken wollte, doch nähere Beweise gab es nie. Bis ein Hamburger Krankenhaus die Gefangennahme eines Urmenschen meldete, aber hier stellte sich heraus, dass es sich dabei um einen langbärtigen Pfleger aus der `68ger Studentenbewegung handelte, der nur kurzfristig eine Tür festsetzen wollte, um einen Patienten im Bett hindurchzuschieben.
Nach einigen Monaten der erfolglosen Suche verebbte langsam der Forscheransturm in den Krankenhäusern und die Mitarbeiter konnten wieder ihren normalen Geschäften nachgehen. Leider sank auch die Nachfrage nach mir als Interviewpartner auf Null, sodass ich wohl ein neues Forschungsfeld suchen muss.
Doch zwei positive Ergebnisse konnte ich mit meiner Bemühung erzielen:
Erstens hatte ich mit den mir zur fachlichen Begutachtung überlassenen Holzkeile für mindestens drei Jahre lang Feuerholz für den heimischen Kamin, und zweitens wagte in Zukunft niemand mehr in unserer Klinik eine Brandschutztür zu verkeilen, ohne dabei Gefahr zu laufen, als Oststadtötzi enttarnt zu werden.
Haben Sie mich schon besucht? Nein? Dann schnell hier klicken!

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Aus meinen Lebenserinnerungen Folge 38:
Berlin 1945: 200 Reichsmark für ein halbes Pfund Butter
- von Klaus Perrey -
Berlin 1945, kurz nach Kriegsende, täglich üben wir uns im Überleben:

"Zweihundert Reichsmark brachte die schöne Uhr, von der sich Onkel und
Tante meinetwegen sicher nicht leichten Herzens getrennt hatten. Der
Schwarze Markt machte es möglich. Und für 200 Mark "organisierte" mein
guter Onkel Adolf, dem ich auch weiterhin noch so unsagbar viel zu
verdanken hatte, "das erste halbe Pfund Butter für unseren Klausi".

Diese selbstlose und nicht ungefährliche Hilfsbereitschaft meines Onkels mit
den rauhen, groben Händen, aber einer weichen, einfühlsamen Seele war der
Beginn einer liebevollen Beziehung zwischen uns, die über die einer nur
verwandtschaftlichen weit hinaus ging. Wir liebten einander sehr. Und er, dem
in seiner Ehe mit Tante Elisabeth keine Kinder geschenkt worden waren,
wurde mir in den Monaten unseres Berliner Aufenthaltes so etwas wie ein
liebevoller und treu-sorgender Ersatz-Vater. Seinen "kleinen Geschäftsführer"
nannte er mich später. Wie es dazu kam, später mehr.

Auf Grund des Stillstandes in meinem Genesungsprozeß wurden unsere
Aufenthaltsgenehmigungen für Berlin von Mal zu Mal verlängert. Und wir
waren natürlich sehr froh darüber. Denn wohin hätten wir, wenn man uns das
Bleiben versagt hätte, wandern, laufen, fahren sollen...?

Von unserem Vater hatten wir inzwischen bis zum Jahresende 1945 immer
noch nichts gehört. Und auch Reinhold, mein älterer Bruder, war für uns zum
damaligen Zeitpunkt nach wie vor "vermisst".

Vermißt, also immer noch spurlos verschwunden, war für uns und natürlich
zum großen Kummer seiner Mutter auch mein Vetter Ulrich, unser Ulli. Seit er,
von Russen gezwungen, auf einem überdimensionalen Ochsenwagen sitzend,
den Gutshof Warsin in Pommern mit unbekanntem Ziel verlassen hatte, waren
wir ohne jede Information über seinen Verbleib. Seither waren nun auch
schon einige Monate ins Land gegangen.

Eines Sonntags - Mutti hatte, aus den Schwarzschlachtungsbeständen
unseres Onkels mittlerweile bestens versorgt, einen wunderbaren Sauerbraten
mit schlesischen Klößen zubereitet - klingelte es plötzlich an der
Wohnungstür in der vierten Etage. Wir saßen gerade bei Tisch und wunderten
uns natürlich, wer uns zu dieser Tageszeit wohl würde besuchen wollen. Und
da stand - fast war's so, als sei es eine Erscheinung aus einer anderen Welt -
mein lieber und (im doppelten Wortsinn) lang "vermißter" Vetter Ulli!
Hochgeschossen, hager, mit kahl geschorenem Schädel und strahlend über
alle Fasern seines von offensichtlichen Entbehrungen gezeichneten Gesichts.
Ulli war wieder da! Glücklich lagen wir alle uns in den Armen, und so manche
Träne wurde da vergossen vor Glück! Da hatte er sich doch wieder mit dem
ihm eigenen Gespür für glückliche Momente just zu dem Augenblick bei uns
eingefunden, als verführerischer Bratenduft noch in der Luft lag... Und einen
gesegneten Appetit, ja unbändigen Hunger hatte unser Ulli ja stets und zu
allen Tages- und Nachtzeiten, und das seit eh und je! Wie gut, dass vom
Sonntagsessen noch genügend vorhanden war. Da hatte meine Mutter als
Köchin wohl eine Vorahnung gehabt und für den Überrachungsgast
mitgekocht.

Mit der erhofften Familienzusammenführung schien es nun schrittweise voran
zu gehen. Jetzt fehlten "nur noch" die beiden Väter (Onkel Gustav und Papa)
und mein großer Bruder Reinhold.

Wieviel Monate Ulli von den Russen verschleppt worden war, kann ich nicht
mehr genau erinnern. Auf jeden Fall hatte er sich wohl, auch begünstigt
durch seinen jungenhaften Charme, bei einem russischen Leutnant
unentbehrlich gemacht und diesen eine Zeit lang, quasi als dessen Bursche,
durch die ersten Nachkriegswirren begleitet, bovor man ihm, dem
dreizehnjährigen deutschen Jungen, die Freiheit wieder schenkte und ihn
ziehen ließ. Wie war das? Hatten wir wohl vor seiner Verschleppung schon
davon gesprochen, dass wir nach Berlin wollten? Oder war er lediglich einer
richtigen Eingebung gefolgt, als er sich bis Berlin-Kreuzberg durchschlug?"

(Weiter geht's in einer Woche!)

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Aus meinen Lebenserinnerungen Folge 37:
Der Junge wird jesund, det sach ick euch!
- von Klaus Perrey -
Mitte 1945, nach langem Fußmarsch sind wir, von Pommern kommend, im
zerbombten Berlin angekommen und haben die Schreckensnachricht von
meiner Erkrankung an Lungentuberkulose erhalten...:

"Nun hatten wir - zumindest auf Papier - die Vorfreude auf rationierte
grammweise Zuteilung von Brot, Fett und - in kleinsten Mengen - sogar
Zucker! Zugeteilt waren uns diese Lebensmittel, sie aber auch wirklich zu
erhalten, war mit vielen Umständen verbunden und führte regelmässig über
lange, lange Warteschlangen vor den wenigen nicht zerstörten Läden. Da gab
es oft ein Schubsen und Zurseitedrängen ja, häufig auch verzweifelt
ausgetragene Handgreiflichkeiten und regelrechte Schlägereien, wenn es sich
herumsprach, dass die zugeteilten, zur Verfügung stehenden Mengen zur
Neige zu gehen drohten, bevor man den Thresen des Geschäftes erreicht
hatte. Der Hunger machte rücksichtslos! Es ging ums Überleben, und da
siegte nur zu oft die Verzweifelung über die "gute Kinderstube"...

Mit Grausen erinnere ich mich der sporadischen Zuteilungen von Maisbrot aus
amerikanischen Heeresbeständen! Das war zwar immer ein besonderer
Feiertag, wenn man eines dieser in frischem Zustand durchaus angenehm
mundenden Backprodukte erstehen konnte. Einen Tag später allerdings
wurde diese Gabe unserer amerikanischen Besatzer schlicht ungeniessbar, so
trocken und nichtssagend, so unangenehm süßlich schmeckte sie!

Für Leserinnen und Leser ab einem bestimmten Geburtsjahr darf ich
erwähnen, dass Berlin zu damaliger Zeit von den alliierten Siegermächten in 4
Sektoren aufgeteilt worden war. Der größte, der östliche Teil, fiel den Russen
zu. Weitere Sektoren beharrschten die Amerikaner, die Engländer und die
Franzosen. Der Bezirk Kreuzberg (SO 36 genannt = Südosten 36) war der
amerikanische Sektor. Wir wohnten etwa 150 Meter von der Sektorengrenze
zum Sowjetischen Sektor entfernt. Später, zu Zeiten des Mauerbaues durch
die DDR sollte sich dieser Umstand für die in der Adalbertstrasse wohnenden
Bürger als besonderer Glücksumstand erweisen.

Mein Gesundheitszustand konnte sich - nicht zuletzt auch wegen der
herrschenden Mangelsituation - nicht verbessern. Eigentlich, so hieß es von
Seiten der Ärzte im inzwischen wieder in Betrieb genommenen
Gesundheitsamt, hätte ich mit "offener Tbc" unbedingt in eine
Lungenheilstätte eingewiesen werden müssen. Aber es gab sie nicht schon
wieder resp. war wegen Überfüllung eine Aufnahme weiterer Patienten nicht
möglich. "Ihr Sohn sollte jetzt viel gute Butter essen, damit sich die von den
Bazillen in die Lunge gefressenen Löcher verkappseln können!" so der auch
jedem Laien verständliche Ratschlag an meine Mutter. Einer solche
Empfehlung in jenen Zeiten des Mangels wirkte fast wie Hohn . Gute Butter!
Woher nehmen? Gab es doch nicht eimal Margarine oder andere Fette!

Mit diesem ärztlichen Ratschlag machte meine Mutter unseren Onkel Adolf
bekannt, hilflos und verzweifelt. Onkel Adolf war Schlachtermeister von Beruf
und in ehemals guten Zeiten im Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz als
Leiter der Fleischabteilung beschäftigt gewesen. Er war ein Mann der Tat und
pragmatischer Entschlüsse! Ich werde es nie vergessen, wie er an jenem
Abend, als wir mit der Nachricht zu meinen Gesundungsaussichten
heimkamen, sich nachdenklich ein paarmal über seinen von einer Halbglatze
gezierten Kopf strich und sich plötzlich ruckartig erhob. Mit zwei energischen
Schritten ging er auf das, ihr Wohnzimmer dominierende Buffet, eine Anrichte
zu, legte seine Hand mit einer sehr entschlossen wirkenden Bewegung auf die
dort tickende Tischuhr und verkündete kurz und lapidar: "Der Junge braucht
Butter! Hier isse...!" Wir verstanden nicht sofort, aber dann erläuterte mein
lieber, herzensguter Onkel, dass er sich gerade dazu entschlossen hatte, sich
von diesem Punkstück bürgerlicher Wohnkultur zu Gunsten seines kleinen,
kranken Neffen zu trennen. "Die bringt - ick saje mal - mindestens an die
zweehundert bis zweehundertfuffzich Märker, und dafür werden wir uffem
schwarzen Markt wohl ne jute Butter kriejen können, wa?!" Und dann schloss
er die kurze Krisensitzung des Familienrates - und das klang wie ein
feierliches AMEN - mit den Worten: "Der Junge wird jesund, det sach ick
euch!"

(Weiter geht's in einer Woche!)

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Geschichten, die das Leben schreibt, Teil 3:
Telekommunikation
- von Jörg Ubbens -
Einen Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich damit, anderen beim Telefonieren zuzuschauen. Ich gestehe, dass ich es als sehr unhöflich empfinde, wenn sich mein Gesprächspartner während einer Besprechung von mir abwendet und ein Telefonat entgegennimmt. Aus diesem Grunde habe ich die folgende Geschichte auch nicht zur Belustigung meiner Kollegen verfasst, sondern als Warnung vor den Folgen eines derartigen Umgangs mit mir:


Ich wollte gerade mein Büro aufschließen, als mein Kollege von nebenan, Herr Schmitz, den Kopf aus der Tür streckte und zu mir herüber rief:
„Guten Morgen Herr Ubbens, haben sie mal `ne Minute Zeit für mich? Ich hab` da ein kleines Problem!"
„Natürlich,“, erwiderte ich hilfsbereit, „ich lege nur kurz ab.“
Kennen Sie das auch, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, da fragt Sie jemand, ob sie mal `ne Minute Zeit haben und schon ist eine halbe Stunde des Tages vertan. Ich rechnete also mit einigen Minuten, doch bevor ich ins Nachbarbüro ging, setzte ich noch schnell einen Kaffee auf, sodass ich anschließend wenigstens gleich ohne Verzögerung mein morgendliches Heißgetränk genießen könnte.
Drüben angekommen begrüßte mich mein Kollege nochmals freundlich, diesmal mit Handschlag und bot mir einen Platz und eine Tasse Kaffee an. – Sehen Sie, ich wusste es doch, wenn er mir schon Kaffee anbietet, dauert es sicherlich länger als eine Minute. - Ich lehnte aber dankend ab, wohl wissend, dass mein Büro ja schon mit frischem Kaffeeduft erfüllt war. Nachdem wir Platz genommen hatten, fing Herr Schmitz an zu berichten:
„Da Sie morgen in Urlaub gehen, ist es ganz wichtig, dass wir heute noch etwas abklären. Sie kennen doch mein Umorganisationsprojekt, und da brauche ich ganz dringend ...“
In diesem Moment wurde er jedoch durch das schrille Klingeln seines Telefons unterbrochen.
„Entschuldigen Sie bitte, ich gehe mal kurz ran, ich erwarte nämlich einen dringenden Anruf!“ Ohne mein zustimmendes Nicken noch vernommen zu haben, wandte er sich von mir ab und nahm das Gespräch entgegen.

Das war sicherlich der erwartete Anruf, denn Herr Schmitz verfiel in eine heiße Diskussion und nach einigen vielen Minuten des Wartens ging ich schon einmal in Gedanken meinen Tagesablauf durch: 9 Uhr, Brief ans Hochbauamt diktieren, 10 Uhr Termin mit Chef ... Endlich, nach nur einer halben Stunde, wurde ich durch ein
„Auf wieder hören!“ aus meinen Gedanken gerissen und mein Gesprächspartner drehte sich zurück an den Besuchertisch.
„Entschuldigen Sie noch einmal, war zwar nicht dringend, aber man kann ja nie wissen.“
„Ja, ja,“, stammelte ich zurück, „aber kommen wir doch zu ihrem Problem!“

„Also, wie ich schon sagte ...“
Wieder wurde die Unterhaltung durch ein Klingeln gestört. Ich wollte gerade losschimpfen, als ich merkte, dass es sich um das Piepen meines Personenrufgerätes handelte, das ich ständig bei mir trug. Leicht errötet, weil ich mich dafür schämte, fast meinen Kollegen für die neuerliche Störung verantwortlich gemacht zu haben, bat ich um Entschuldigung und dass ich mal kurz das Telefon benutzen dürfte.
„Klar,“, erwiderte Herr Schmitz, „dann kann ich in der Zwischenzeit ja mal einen Kaffee trinken.“ Ich wählte die im Display des Piepers angezeigte Nummer. Am anderen Ende meldete sich mein Chef, um mich an unseren Termin zu erinnern. Ich drückte mein Bedauern aus, dass es hier etwas länger dauern würde. Mein Chef zeigte sich angesichts der Wichtigkeit des Projektes von Herrn Schmitz verständnisvoll und wies mich an, vor meinem Urlaub Herrn Schmitz alle Informationen, die er in meiner Abwesenheit benötigt, zukommen zu lassen. Deshalb verschoben wir vorsichtshalber unsere Verabredung auf den Nachmittag, in der ich dann auch Vollzug der Beseitigung aller offenen Punkte zu melden hätte.
„Jetzt aber los, bevor wir wieder gestört werden.“ Mit diesem Satz begab ich mich zurück an meinen Platz. Noch halb stehend, halb sitzend durchdrang abermals das Klingeln des Telefons mein Ohr.
Langsam wurde ich ein wenig wütend, doch Herr Schmitz drehte sich, diesmal kein Einverständnis von mir abwartend, mit den Worten
„Sie wissen ja, der dringende Anruf.“, zum Störenfried und führte sein Telefonat.
Nach weiteren 30 Minuten des Wartens schnappte ich mir Notizblock und Bleistift und schrieb ein paar überfällige Briefe an Geschäftspartner. Von Minute zu Minute stieg die Wut in mir höher, aber was sollte ich sagen, schließlich war ich ja bei der letzten Störung der Auslöser, deshalb versuchte ich mich wieder zu beruhigen. Irgendwie schien Herr Schmitz jedoch meine Unruhe zu spüren, jedenfalls beendete er abrupt das Telefongespräch.
Der Hörer lag kaum auf der Gabel, da schallte ein erneuter Klingelton durch den Raum und so schnell mein Gegenüber den Hörer hingelegt hatte, so schnell befand er sich auch wieder an seinem Ohr. Diesmal werde ich einfach die Gabel hinunterdrücken, schoss es mir durch den Kopf, doch bevor ich meinen Gedanken in die Tat umsetzte, hörte ich, wie Herr Schmitz ins Telefon mit blumiger Stimme säuselte
„Hallo mein Liebling“, und Augenblicke später folgte „ach, erzähl mal!“ Das ist bestimmt die Frau Schmitz, eine sehr nette Dame, da wollte ich mal nicht so unhöflich sein, und ließ ihn das allerletzte Mal in Ruhe reden, d. h. eigentlich zuhören. Denn bis auf ein alle paar Minuten eingeworfenes
„ja Schatz“ oder „oho“ wurde von dieser Seite nichts zur Unterhaltung beigetragen. Die ganze Zeit schien nur Frau Schmitz zu erzählen. Die konnte so viel sabbeln, dass nach knapp einer Stunde meine gute Kinderstube zu wanken begann und ich drauf und dran war, doch noch das Gespräch gewaltsam zu unterbrechen. Wieder kam mir Herr Schmitz zuvor, denn mit einem Kuss auf die Sprechmuschel verabschiedete er sich gerade von seiner Gemahlin. Nach weiteren Schmatzern war schon nach zehn Minuten die Abschiedszeremonie beendet und mit einem leicht erröteten Gesicht sprach er beim Hörerauflegen zu mir:
„Sie kennen das ja, seine Frau sollte man lieber nicht unterbrechen! Obwohl ich ihm da kaum widersprechen konnte, war mein Wutpegel mittlerweile auf über 100 gestiegen und ich schaffte es kaum, ruhig zu bleiben.
Die kurzzeitig eingetretene Stille wurde auf ein Neues unterbrochen, diesmal durch ein Schnarren, das sofort den Vibrationsalarm eines Handys erkennen ließ. Ich irrte jedoch, denn der Brummton stammte von meinem knurrenden Magen, der mich daran erinnerte, dass er seit dem Frühstück um 6:30 Uhr nicht mehr gefüllt wurde und ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass er auch weiterhin warten musste, denn für die Kantine war es mittlerweile zu spät, die hatte längst wieder geschlossen. Ich hoffte nur, dass Herr Schmitz nichts von allem hören konnte, denn so unkontrollierte Körpergeräusche waren mir äußerst unangenehm.
„Jetzt lassen wir uns aber nicht mehr stören!“, versprach er freudestrahlend und schenkte nochmals Kaffee nach. In diesem Moment musste ich an die mittlerweile wohl verbrannte braune Brühe in meiner Kaffeemaschine denken. Trotzdem wollte ich jetzt nicht mehr ablenken, wo das Ende der Unterredung so nahe schien. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt bzw. ohne Anrufer gemacht. Just in dem Augenblick, als mein Gesprächspartner den Mund zum Sprechen öffnete, klingelte schon wieder dieser furchtbare Apparat.
Fast wie selbstverständlich wollte sich mein mir gar nicht mehr sympathischer Kollege von mir abwenden, da platzte mir über diese Unverfrorenheit der Kragen. Diesmal schoss mir vor Wut die Röte ins Gesicht und ich brüllte ihn an:
„Jetzt reicht´s! Wir sitzen hier schon seit 7 Stunden, ohne dass ich auch nur eine Silbe ihres Problems erfahren habe. Ständig müssen sie telefonieren. Wenn Sie noch einmal den Hörer anfassen, verschwinde ich auf der Stelle und sie können sehen, wie sie ab morgen ohne mich ihr Projekt weiterführen.“
„Ja, aber, mein Anruf, den ich seit heut morgen erwarte, war noch gar nicht dabei?“, stotterte Herr Schmitz vor Schreck. „Bitte, nur noch ein Mal.“ Dieser Satz brachte mich zum explodieren. Ich schnellte zum Telefon, schnappte mir das verdammte Teil, schleuderte es durch die geschlossene Scheibe aus dem Fenster und schrie:
„Neiiiiiin! Sagen sie endlich, was sie von mir wollen!“
„Ähem“, stammelte der jetzt völlig eingeschüchterte Mann, „ich habe im letzten Telefonat, bevor meine Frau anrief, erfahren, dass das Problem schon aus der Welt geschaffen ist und das Projekt bis auf Weiteres gestoppt wurde. Ich wollte es ihnen ja gleich sagen, aber ich wurde ja immer wieder von irgendwelchen Anrufern abgehalten.“
Es muss wohl der durch diese Worte ausgelöste Adrenalinstoß gewesen sein, aber was anschließend passierte, entzieht sich meinen Kenntnissen. Als ich wieder zur Besinnung kam, befand sich mein werter Kollege nicht mehr im Büro und das Loch in der Fensterscheibe war größer, viel größer als zuvor durch das Telefon hervorgerufen. Was hatte ich nur getan? Ich lief schnell zum Fenster schaute hinaus und erspähte den armen Herrn Schmitz, der sich vor dem Verwaltungsgebäude, mit Beulen übersät, auf dem Rasen vor Schmerz hin und herwälzte und wimmerte. Zum Glück lebte er noch. Ich war sprachlos und wollte vor Scham im Boden versinken! Doch noch bevor ich die ersten Versuche der Entschuldigungen vorbringen konnte, vernahm ich ein helles Trillern.
In diesem Moment griff der noch liegende Herr Schmitz in seine Westentasche, holte ein Handy hervor und rief mir, mit einem gequälten Lächeln, das eine riesige Zahnlücke im vorderen Mundbereich zum Vorschein brachte, entgegen: „Einen Augenblick bitte, ich gehe nur mal kurz ran!“
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Aus meinen Lebenserinnerungen Folge 36:
Überlebenskampf im zerbombten Berlin
- von Klaus Perrey -
Juni 1945: Wir haben, von Pommern kommend, nach langem, strapaziösem
Fußmarsch die alte Reichshauptstadt Berlin erreicht und bei unseren
Verwandten vorübergehend Unterschlupf gefunden:

"Unser nun folgender, mehr als einjähriger Aufenthalt im fast gänzlich
zerbombten, zerstörten Berlin war ein Überlebenskampf pur, ein qualvolles
"Von-Tag-zu-Tag-leben". In der Rückschau allerdings, und das vor allem für
mich als damals gerade 11 Jahre alt gewordenen Jungen, war es ein einziges
spannendes Abenteuer! Dieser Umstand war wohl auch die Ursache dafür,
dass ich Zeit meines Lebens eine permanente unbändige Sehnsucht nach
dieser besonderen Stadt Berlin in mir spüre und sie, wann immer es sich
einrichten läßt, in regelmäßigen Abständen besuche. Das ist dann immer ein
genüßliches Schwelgen in Kindheitserinnerungen, die - das ist wohl
einzuräumen - ganz gewiß von reichlich viel "Rückschau-Patina" geschönt,
sich meiner bemächtigen.

Nach einigen Tagen mussten wir uns in einem Aufnahmelager melden und
registrieren lassen. Nachdem wir mit einem scheußlich stinkenden weißen
Pulver, das man uns mittels einer riesigen Spritze in Ärmel und Hosenbeine
und in das Haar "gepustet" hatte, entlaust worden waren, durften wir - das
wurde uns mit einer amtlichen Aufenthaltsgenehmigung bestätigt - für die
Dauer von 10 Tagen (!) wieder in die Adalbertstr. 76 zu unseren Verwandten
zurück kehren. Nach Ablauf dieser Frist hatten wir wieder bei der Behörde zu
erscheinen, um dort evtl. eine Verlängerung des uns gewährten
vorübergehenden Bleiberechtes zu erwirken.

Die Strapazen unserer Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen bzw. Pommern
zeitigten nun recht bald ihre bösen Folgen: Sowohl meiner Mutter als auch
ihrer Schwester, Tante Tuta, ging es sehr schlecht. Sie waren, wie auch ich,
sehr geschwächt. Vor Hunger (und bei der anhaltend extremen Sommerhitze)
konnten wir uns kaum noch auf den Beinen halten. Und nirgendwo war in
ausreichendem Maße etwas Essbares aufzutreiben. Unsere Gastgeber teilten
natürlich ihre noch vorhandenen spärlichen Vorräte mit uns, aber ob das
reichen würde, uns am Leben zu erhalten?

Wie gut, wie wunderbar war es da, dass wir "Zugereisten" ein über viele
Kilometer mitgeführtes "Mitbringsel" auf unserem Handwagen nach Berlin
"eingeführt" hatten: Zwei Marmeladeneimer voller kostbaren Rübensirups und
einen großen Beutel mit Roggenschrot! Man kann es heute kaum noch
nachvollziehen, was das damals in jenen Zeiten des Darbens bedeutete! Zum
einen ersetzte der Sirup auf mannigfache Weise nicht vorhandenen bzw. nur
spärlich zugeteilten Zucker. Und zum anderen wurden die von Mutti in
Ermangelung von Milch aus Wasser zubereiteten Roggenschrot-Suppen erst
durch sparsamste Hinzufügung einiger Eßlöffel des köstlichen, bräunlichen
Sirups zu einem nahrhaften Hochgenuß!

Und dann ereilte uns - so dramatisch es klingt, so dramatisch war es für uns
alle - dann ereilte uns völlig überraschend ein Schicksalsschlag von nie
erwarteter Dimension: Ich erkrankte schwer. Und nach langwieriger Arztsuche
und umständlichen, zeitraubenden Untersuchungen wurde bei mir eine sog.
"offene Lungentuberkulose" (Tbc) festgestellt. Zu damaliger Zeit glich diese
Diagnose - den Stand der medizinischen Forschung und die auf Grund der
gegebenen Lebensverhältnisse eingeschränkten Therapierungsmöglichkeiten
in Betracht ziehend - fast einem Todesurteil! Wir waren geschockt! Sehr bald
jedoch mündeten dann unsere Verzweifelung und Hilflosigkeit in einen
mutmachenden Stimmungsumschwung, denn - welch Glück im Unglück! -
diese schlimme Erkrankung verhalf uns dreien zu einer zunächst auf ein
viertel Jahr befristeten Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigung für das
viergeteilte Berlin und zu der immens wichtigen Berechtigung,
Lebensmittelkarten zu erhalten!"

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Essay, Reportage und Dichtung im LeineBlick Hannover:
In dieser Rubrik ist sowohl Raum für Ihre Gedanken, Geschichten und Gedichte
als auch für besondere Reportagen, Reiseberichte und Monographieen
Was hier erscheint, hat gute Chancen im Archiv zu überleben; so z.B.:
Reiseberichte aus aller Welt
Berichte aus Afghanistan
(regelmäßig seit September 2001)
Wein-Brevier
Stammzellenforschung
Peter Hübotter
Bauen & Energie
(z.B. Serien zu Passivhaus - Niedrigenrgiehaus, Schimmelpilzbildung u.s.w.)
PC & Internet
650 Jahre Garbsen-Frielingen
Garbsen-Meyenfeld: Chronik & Dorfentwicklung
Serie: Benno - Die Gedanken eines Welsh-Terriers

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