Schon mehrmals habe ich Ihnen berichtet, dass mein Interesse der Wissenschaft gilt und ich nichts unversucht lasse, Geheimnisse des täglichen Lebens auf den Grund zu gehen. Darum wird es Sie auch nicht wundern, wenn ich Ihnen verrate, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, dass Wissenschaftsmagazine zu meiner regelmäßigen Literatur gehören. Derzeit beschäftigt mich eine Serie über unsere Vorfahren, den Urmenschen, über ihr Leben und wie sie sich bis zum heutigen modernen Menschen weiterentwickelt haben. Wussten Sie eigentlich, dass wir in den letzten 16.000 Jahren evolutionär kaum Fortschritte gemacht haben? Wissenschaftler behaupten, dass, wenn ein Urmensch in die heutige Zeit hineingeboren würde, er kaum mehr Probleme mit all den modernen Errungenschaften hätte, als Sie und ich. Als ich das las, waren auch meine ersten Gedanken: „alles Quatsch!“. Diese Behauptungen wollte ich natürlich nicht so einfach ungefiltert aufnehmen, deshalb beschloss ich, in dieser Sache in meiner näheren Umgebung eigene Beobachtungen zu machen. Sie wissen ja, in einem Krankenhaus ist man von modernster Technik umgeben, da hätte so ein Urmensch sicherlich arge Probleme, sich zurechtzufinden, also ein ideales Feld für meine Forschungen, zumal der Urmensch über Jahrtausende kein anderes Werkzeug benutzte, als den Faustkeil, wie im Fachbericht zu lesen war. Meine ersten verwertbaren Erkenntnisse für diese Forschungsreihe konnte ich schon am nächsten Tag auf einem meiner Kontrollgänge durch unsere Klinik erzielen. Mir fiel nämlich auf, dass jede Durchgangstür, durch die ich schritt, mit einem Holzkeil offen gehalten wurde. Der Keil schien also nach wie vor ein beliebtes Werkzeug des Menschen zu sein. Was mich jedoch noch mehr erstaunte, war, dass jede der verkeilten Türen mit einem deutlichen Hinweisschild versehen war, worauf zu lesen stand: „Brandschutztür, verkeilen verboten!“, was den Verursacher nicht von seiner Tat abzuhalten schien. Plötzlich durchfuhr mich ein Gedanke, der mich erschauern ließ. Wer konnte trotz Warnhinweisen all die Keile unter die Türen klemmen? Doch nur jemand, der überhaupt nicht lesen kann! Und wer kann nicht lesen? Richtig, der Urmensch! Sollte meine Forschungsarbeit endlich belohnt werden? Stand ich vor einer Entdeckung, die mir die Achtung der gesamten Fachwelt zuteilwerden ließ? Die vorliegenden Fakten ließen nur einen Schluss zu: Irgendwo hier in den Kellergängen verbarg sich ein Urmensch, dessen Höhle vielleicht beim Bau des Krankenhauses freigelegt wurde, und der jetzt, bisher unentdeckt in den Krankenhausgängen sein Unwesen trieb. Ich sah mich schon in Gedanken auf den Titelseiten sämtlicher Magazine, und mein Name sollte im gleichen Atemzug genannt werden, wie Reinhold Messner, dem Entdecker des Yetis. |
Jetzt brauchte ich mich also nur auf die Lauer zu legen, um Oststadtötzi beim Wiederverkeilen der Türen zu schnappen. Vorab begab ich mich jedoch in mein Büro, schrieb meine Beobachtungen nieder und verschickte diese per Email an die Redaktion der Zeitschrift „Wissenschaft heute“. Noch bevor ich mich aufmachen konnte, um für meinen sensationellen Fang ein geeignetes Versteck zu suchen, klingelte mein Telefon. Ein Herr Radke aus der „Wissenschaft heute“ - Redaktion gratulierte mir zu meinen Entdeckungen und bat um ein Interview, noch für denselben Nachmittag meldeten er sich und zugleich ARD und ZDF an. Mein Bericht in den Abendnachrichten schlug ein, wie eine Bombe. Nachdem kurze Zeit später findige Reporter von gleichen Beobachtungen wie die meinigen aus anderen Krankenhäusern berichteten, wurde eine riesige Welle von Archäologen und Hobbyforschern aus aller Welt auf deutsche Krankenhäuser ausgelöst, mit dem Ziel, als Erster den Oststadtötzi zu fangen. In den folgenden Wochen überschlugen sich die Berichte von angeblichen Zeugen, die mit eigenen Augen gesehen haben wollten, wie Oststadtötzi gerade einen Keil unter eine Brandschutztür stecken wollte, doch nähere Beweise gab es nie. Bis ein Hamburger Krankenhaus die Gefangennahme eines Urmenschen meldete, aber hier stellte sich heraus, dass es sich dabei um einen langbärtigen Pfleger aus der `68ger Studentenbewegung handelte, der nur kurzfristig eine Tür festsetzen wollte, um einen Patienten im Bett hindurchzuschieben. Nach einigen Monaten der erfolglosen Suche verebbte langsam der Forscheransturm in den Krankenhäusern und die Mitarbeiter konnten wieder ihren normalen Geschäften nachgehen. Leider sank auch die Nachfrage nach mir als Interviewpartner auf Null, sodass ich wohl ein neues Forschungsfeld suchen muss. Doch zwei positive Ergebnisse konnte ich mit meiner Bemühung erzielen: Erstens hatte ich mit den mir zur fachlichen Begutachtung überlassenen Holzkeile für mindestens drei Jahre lang Feuerholz für den heimischen Kamin, und zweitens wagte in Zukunft niemand mehr in unserer Klinik eine Brandschutztür zu verkeilen, ohne dabei Gefahr zu laufen, als Oststadtötzi enttarnt zu werden. |
Ich wollte gerade mein Büro aufschließen, als mein Kollege von nebenan, Herr Schmitz, den Kopf aus der Tür streckte und zu mir herüber rief: „Guten Morgen Herr Ubbens, haben sie mal `ne Minute Zeit für mich? Ich hab` da ein kleines Problem!" „Natürlich,“, erwiderte ich hilfsbereit, „ich lege nur kurz ab.“ Kennen Sie das auch, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, da fragt Sie jemand, ob sie mal `ne Minute Zeit haben und schon ist eine halbe Stunde des Tages vertan. Ich rechnete also mit einigen Minuten, doch bevor ich ins Nachbarbüro ging, setzte ich noch schnell einen Kaffee auf, sodass ich anschließend wenigstens gleich ohne Verzögerung mein morgendliches Heißgetränk genießen könnte. Drüben angekommen begrüßte mich mein Kollege nochmals freundlich, diesmal mit Handschlag und bot mir einen Platz und eine Tasse Kaffee an. – Sehen Sie, ich wusste es doch, wenn er mir schon Kaffee anbietet, dauert es sicherlich länger als eine Minute. - Ich lehnte aber dankend ab, wohl wissend, dass mein Büro ja schon mit frischem Kaffeeduft erfüllt war. Nachdem wir Platz genommen hatten, fing Herr Schmitz an zu berichten: „Da Sie morgen in Urlaub gehen, ist es ganz wichtig, dass wir heute noch etwas abklären. Sie kennen doch mein Umorganisationsprojekt, und da brauche ich ganz dringend ...“ In diesem Moment wurde er jedoch durch das schrille Klingeln seines Telefons unterbrochen. „Entschuldigen Sie bitte, ich gehe mal kurz ran, ich erwarte nämlich einen dringenden Anruf!“ Ohne mein zustimmendes Nicken noch vernommen zu haben, wandte er sich von mir ab und nahm das Gespräch entgegen. Das war sicherlich der erwartete Anruf, denn Herr Schmitz verfiel in eine heiße Diskussion und nach einigen vielen Minuten des Wartens ging ich schon einmal in Gedanken meinen Tagesablauf durch: 9 Uhr, Brief ans Hochbauamt diktieren, 10 Uhr Termin mit Chef ... Endlich, nach nur einer halben Stunde, wurde ich durch ein „Auf wieder hören!“ aus meinen Gedanken gerissen und mein Gesprächspartner drehte sich zurück an den Besuchertisch. „Entschuldigen Sie noch einmal, war zwar nicht dringend, aber man kann ja nie wissen.“ „Ja, ja,“, stammelte ich zurück, „aber kommen wir doch zu ihrem Problem!“ |
Wieder wurde die Unterhaltung durch ein Klingeln gestört. Ich wollte gerade losschimpfen, als ich merkte, dass es sich um das Piepen meines Personenrufgerätes handelte, das ich ständig bei mir trug. Leicht errötet, weil ich mich dafür schämte, fast meinen Kollegen für die neuerliche Störung verantwortlich gemacht zu haben, bat ich um Entschuldigung und dass ich mal kurz das Telefon benutzen dürfte. „Klar,“, erwiderte Herr Schmitz, „dann kann ich in der Zwischenzeit ja mal einen Kaffee trinken.“ Ich wählte die im Display des Piepers angezeigte Nummer. Am anderen Ende meldete sich mein Chef, um mich an unseren Termin zu erinnern. Ich drückte mein Bedauern aus, dass es hier etwas länger dauern würde. Mein Chef zeigte sich angesichts der Wichtigkeit des Projektes von Herrn Schmitz verständnisvoll und wies mich an, vor meinem Urlaub Herrn Schmitz alle Informationen, die er in meiner Abwesenheit benötigt, zukommen zu lassen. Deshalb verschoben wir vorsichtshalber unsere Verabredung auf den Nachmittag, in der ich dann auch Vollzug der Beseitigung aller offenen Punkte zu melden hätte. „Jetzt aber los, bevor wir wieder gestört werden.“ Mit diesem Satz begab ich mich zurück an meinen Platz. Noch halb stehend, halb sitzend durchdrang abermals das Klingeln des Telefons mein Ohr. Langsam wurde ich ein wenig wütend, doch Herr Schmitz drehte sich, diesmal kein Einverständnis von mir abwartend, mit den Worten „Sie wissen ja, der dringende Anruf.“, zum Störenfried und führte sein Telefonat. Nach weiteren 30 Minuten des Wartens schnappte ich mir Notizblock und Bleistift und schrieb ein paar überfällige Briefe an Geschäftspartner. Von Minute zu Minute stieg die Wut in mir höher, aber was sollte ich sagen, schließlich war ich ja bei der letzten Störung der Auslöser, deshalb versuchte ich mich wieder zu beruhigen. Irgendwie schien Herr Schmitz jedoch meine Unruhe zu spüren, jedenfalls beendete er abrupt das Telefongespräch. Der Hörer lag kaum auf der Gabel, da schallte ein erneuter Klingelton durch den Raum und so schnell mein Gegenüber den Hörer hingelegt hatte, so schnell befand er sich auch wieder an seinem Ohr. Diesmal werde ich einfach die Gabel hinunterdrücken, schoss es mir durch den Kopf, doch bevor ich meinen Gedanken in die Tat umsetzte, hörte ich, wie Herr Schmitz ins Telefon mit blumiger Stimme säuselte „Hallo mein Liebling“, und Augenblicke später folgte „ach, erzähl mal!“ Das ist bestimmt die Frau Schmitz, eine sehr nette Dame, da wollte ich mal nicht so unhöflich sein, und ließ ihn das allerletzte Mal in Ruhe reden, d. h. eigentlich zuhören. Denn bis auf ein alle paar Minuten eingeworfenes „ja Schatz“ oder „oho“ wurde von dieser Seite nichts zur Unterhaltung beigetragen. Die ganze Zeit schien nur Frau Schmitz zu erzählen. Die konnte so viel sabbeln, dass nach knapp einer Stunde meine gute Kinderstube zu wanken begann und ich drauf und dran war, doch noch das Gespräch gewaltsam zu unterbrechen. Wieder kam mir Herr Schmitz zuvor, denn mit einem Kuss auf die Sprechmuschel verabschiedete er sich gerade von seiner Gemahlin. Nach weiteren Schmatzern war schon nach zehn Minuten die Abschiedszeremonie beendet und mit einem leicht erröteten Gesicht sprach er beim Hörerauflegen zu mir: |
Die kurzzeitig eingetretene Stille wurde auf ein Neues unterbrochen, diesmal durch ein Schnarren, das sofort den Vibrationsalarm eines Handys erkennen ließ. Ich irrte jedoch, denn der Brummton stammte von meinem knurrenden Magen, der mich daran erinnerte, dass er seit dem Frühstück um 6:30 Uhr nicht mehr gefüllt wurde und ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass er auch weiterhin warten musste, denn für die Kantine war es mittlerweile zu spät, die hatte längst wieder geschlossen. Ich hoffte nur, dass Herr Schmitz nichts von allem hören konnte, denn so unkontrollierte Körpergeräusche waren mir äußerst unangenehm. „Jetzt lassen wir uns aber nicht mehr stören!“, versprach er freudestrahlend und schenkte nochmals Kaffee nach. In diesem Moment musste ich an die mittlerweile wohl verbrannte braune Brühe in meiner Kaffeemaschine denken. Trotzdem wollte ich jetzt nicht mehr ablenken, wo das Ende der Unterredung so nahe schien. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt bzw. ohne Anrufer gemacht. Just in dem Augenblick, als mein Gesprächspartner den Mund zum Sprechen öffnete, klingelte schon wieder dieser furchtbare Apparat. Fast wie selbstverständlich wollte sich mein mir gar nicht mehr sympathischer Kollege von mir abwenden, da platzte mir über diese Unverfrorenheit der Kragen. Diesmal schoss mir vor Wut die Röte ins Gesicht und ich brüllte ihn an: „Jetzt reicht´s! Wir sitzen hier schon seit 7 Stunden, ohne dass ich auch nur eine Silbe ihres Problems erfahren habe. Ständig müssen sie telefonieren. Wenn Sie noch einmal den Hörer anfassen, verschwinde ich auf der Stelle und sie können sehen, wie sie ab morgen ohne mich ihr Projekt weiterführen.“ „Ja, aber, mein Anruf, den ich seit heut morgen erwarte, war noch gar nicht dabei?“, stotterte Herr Schmitz vor Schreck. „Bitte, nur noch ein Mal.“ Dieser Satz brachte mich zum explodieren. Ich schnellte zum Telefon, schnappte mir das verdammte Teil, schleuderte es durch die geschlossene Scheibe aus dem Fenster und schrie: „Neiiiiiin! Sagen sie endlich, was sie von mir wollen!“ „Ähem“, stammelte der jetzt völlig eingeschüchterte Mann, „ich habe im letzten Telefonat, bevor meine Frau anrief, erfahren, dass das Problem schon aus der Welt geschaffen ist und das Projekt bis auf Weiteres gestoppt wurde. Ich wollte es ihnen ja gleich sagen, aber ich wurde ja immer wieder von irgendwelchen Anrufern abgehalten.“ Es muss wohl der durch diese Worte ausgelöste Adrenalinstoß gewesen sein, aber was anschließend passierte, entzieht sich meinen Kenntnissen. Als ich wieder zur Besinnung kam, befand sich mein werter Kollege nicht mehr im Büro und das Loch in der Fensterscheibe war größer, viel größer als zuvor durch das Telefon hervorgerufen. Was hatte ich nur getan? Ich lief schnell zum Fenster schaute hinaus und erspähte den armen Herrn Schmitz, der sich vor dem Verwaltungsgebäude, mit Beulen übersät, auf dem Rasen vor Schmerz hin und herwälzte und wimmerte. Zum Glück lebte er noch. Ich war sprachlos und wollte vor Scham im Boden versinken! Doch noch bevor ich die ersten Versuche der Entschuldigungen vorbringen konnte, vernahm ich ein helles Trillern. |