Der etwas andere Urlaub:
Zu Besuch bei einem Bauprojekt auf Kreta
- Text und Bilder von Johanna Sch. (14 Jahre) -
Die Glocke läutet! - Allgemeine Erleichterung. Ich mache mich auf den Weg über die steinigen und unebenen Treppenstufen hinauf zum Essensplatz. Dort lasse ich mich erschöpft von der heißen Sonne auf einer wackeligen Bank nieder und genieße den Schatten des riesigen Olivenbaums. Die Aussicht von hier oben aufs Meer ist gigantisch. 

Doch nach einem kurzen Blick in die Runde stelle ich fest, dass ich die einzige bin, die ihren Blick nicht dem Essen zuwendet. Für alle anderen hier an diesem Tisch ist dieser Ausblick nichts Neues. Für sie ist es der Alltag in den Wochen der Arbeitsphase hier in Agios Georgeos, dem kleinen, verlassenen Dorf am Berg auf der schönen Insel Kreta umgeben vom tiefblauen Mittelmeer.

„Das Dorf ist mein zweiter Wohnsitz“, erklärt mir Mibi (Pfadfindername), der von den Einheimischen als „Bürgermeister“ angesehen wird.

Ich befinde mich auf Einladung der Pfadfindergruppe im Süden Kretas, im Distrikt Sfakia, dem Bereich der Insel mit der höchsten Waffendichte. Doch das scheint hier oben in der Gemeinschaft niemanden zu stören.
Jedes Jahr trifft sich eine Erwachsenengruppe von Pfadfindern um einige Häuser des verlassenen und verfallenen Dorfes Kolokasia in mühsamer Arbeit nach alter Bauweise wieder aufzubauen. 
Dabei bekommt die eigentliche Kerngruppe Unterstützung von Freunden, Bekannten und vielen anderen Pfadfindern, die den Urlaub der etwas anderen Art wagen.

Kolokasia
Alles begann vor ungefähr dreißig Jahren, erzählt mir Mibi.
Damals erwanderten viele junge Leute mit Rucksack und Zelt die Insel Kreta. So auch eine Gruppe Pfadfinder. Auf ihren Reisen knüpfte die Gruppe Kontakte zur einheimischen Bevölkerung, die zu dieser Zeit einem neuem Dorf unterhalb der Berge am Küstenstreifen angesiedelt wurde. Durch Erzählungen der Einwohner erfuhren die Pfadfinder von dem alten Dorf Kolokasia, dass die Menschen Mitte der sechziger Jahre verlassen hatten, da ihnen am Fuß des Berges eine bessere Infrastruktur geboten wurde.
Im Verlauf eines feucht- fröhlichen Abends mit einheimischen exotischen Gerichten und sehr viel Raki wurde einigen der Gruppe angeboten, eines der verlassenen Häuser herzurichten, um bei weiteren Fahrten eine Unterkunft zu haben.

Bei einer Besichtigung des Dorfes stellten sie fest, dass die Häuser weitgehend verfallen waren.
Dies war nicht besonders verwunderlich, da die Bauweise aus dem 14. Jahrhundert stammt. Die Wände bestanden aus Bruchsteinen, die mit Erde verfugt waren und die Dächer aus Olivenholzbalken, die mit Reisig und Erde bedeckt wurden.
Nach längeren Verhandlungen, wieder mit viel Raki, wurde mit einem Handschlag eine Hausruine gekauft. Und so begann die Truppe das erste Haus wieder aufzubauen.

Heute bauen sie gerade am siebten Haus, arbeiten an einem Duschhaus, einer neuen Zisterne, bessern die Wege aus und machen das Dorf, das heute Agios Georgeos heißt, wieder lebendig.

Für die Kontakte zu den einheimischen Hirten, die Lebensmittelbeschaffung, die Baustofflieferungen und allen sonstigen Besorgungen ist der „Bürgermeister“ zuständig. Er kann sich mittlerweile gut mit den Einheimischen verständigen.
Zum Einkaufen muss ein langer abenteuerlicher Weg über die Berge auf die Nordseite der Insel zurückgelegt werden.

Für die Planungen der Bauvorhaben, die Bauaufsicht und die Einteilung der Arbeitszeiten und Arbeitskräfte ist ein „Bauleiter“ verantwortlich.

Alle, die sich auf dieses Abenteuer einlassen wissen genau, dass dieser Urlaub nicht bedeutet von morgens bis abends am Strand zu liegen, das griechische Essen zu genießen und sich ab und zu dann mal im Meer abzukühlen.
Wenn man mit zur Gemeinschaft gehören will, heißt das, dass man sich auch an den Tagesplan halten muss. Und der beginnt für alle über Fünfzehnjährigen um sechs Uhr morgens. Dann  nämlich ertönt vom Dach des alten Stalles der Weckruf des Bauleiters - „Kali Mera“ - und kann nur schlecht überhört werden. Es sei denn, man ist unter Fünfzehn, denn dann überhört man den Ruf erstaunlicherweise, wie es sich bei den Kindern gezeigt hat. Doch für die Anderen heißt es aufstehn und rein in die dreckigen Arbeitsklamotten vom Vortag.

Um halb sieben treffen sich alle zum „Morgenkreis“ auf einem freien, staubigen Platz, der „Morgenwiese“, zwischen den Häusern.

Dann steigen alle gemeinsam hoch zur sogenannten “Therapiewiese“, um zu frühstücken. Von hier aus kann man schon jetzt den Ausblick genießen und ich muss mich fragen, woher die Helligkeit kommt, da ich hinter den Bergen noch nichts von der Sonne erkennen kann.

Um sieben Uhr heißt es dann aber für alle vom Frühstückstisch aufstehen und lostrotten zum heutigen Arbeitsplatz. Wobei das Wort „lostrotten“ eigentlich nur zu den Jugendlichen passt, die gegen ihren Willen und gegen das Recht auszuschlafen, von ihren Eltern aus dem Bett geworfen wurden. - Die Erwachsenen sind motiviert und machen sich sofort auf den Weg zu der Arbeit, die ihnen zugewiesen wurde. Zuvor aber wird noch die Sonnencreme ausgepackt. Zwar ist die Sonne noch nicht in Sicht, aber es muss vorgesorgt sein.

Mit die wichtigste Arbeit ist die Bedienung der Seilbahn.Von ihr hängt die ganze Arbeit im Dorf ab. Mit ihr werden alle Baumaterialien und auch die Lebensmittel von der „Bergstation“, über die „Mittelstation“ bis hinunter zur “Talstation“ transportiert. Immerhin ist ein Höhenunterschied von gut 50 Metern zu überwinden.

An der Bergstation, die oben an der Straße liegt, wird z.B. der Mörtel gemischt, der dann in Eimern über die Seilbahn zu den Baustellen gelangt. Viele Hände sind erforderlich, zum Mischen, zum Tragen und Einhängen der Eimer an die Seilbahnhaken und zum Wasserholen.

Um die Baumaterialien anzuliefern muss der Baustofflieferant mit seinem LKW die letzten 1000 m rückwärts den kurvigen Kiesweg bis hoch zum Dorf fahren.

Heute wird viel Mörtel gebraucht um die Innenwände des „Kendros“ (Gemeinschaftshaus) zu verputzen. Außerdem wird die Decke des Duschhauses gegossen.

Es ist kurz nach neun und mittlerweile ist die Sonne hinter den Bergen aufgetaucht und lässt die Temperatur schnell auf Ende 20 Grad steigen. Mal wieder Zeit sich einzucremen und die Mütze zurecht zu schieben...

Ich mache mich von der Bergstation, bei der ich mich überflüssig fühle, auf und steige vorsichtig die ungleichmäßigen Treppenstufen hinab bis zum ersten Haus, dem „Finicas Spiti“, auch Küchenhaus genannt. Auf dem Vorplatz des Hauses, unter der bewachsenen Pergola, stehen schon die Frauen, die sich um das Essen kümmern, und schälen Kartoffeln. Auch hier bin ich nicht zu gebrauchen, denn die Frauen haben ihre genauen Vorstellungen und machen es lieber selbst.

Gegenüber des „Spitis“ auf der Therapiewiese sitzen fünf Kinder zwischen acht und zwölf Jahren und schlürfen ihre Haferflocken zum Frühstück. Dabei planen sie aufgeregt, nach was sie heute Nachmittag im Meer tauchen wollen.
Als ich mich zu ihnen auf die Bank im Schatten setze, erzählen sie mir stolz über die zwei Krebse, die sie gestern Nachmittag im kleinen Bach am Meer gefunden haben.
„Ihr habt die Viecher nur gequält!“ Zwei größere Mädchen lassen sich am anderen Ende des Tisches nieder und beginnen eine Diskussion mit den Kleineren, so dass ich davon ausgehe, dass es sich hier um Geschwister handelt und ich mich lieber zurückziehe.

In der Zeit, in der die Kinder frühstücken und diskutieren, hat sich bei den erwachsenen „Arbeitern“ nichts geändert. An der Talstation werden die Eimer abgeladen, zu den Baustationen getragen, verarbeitet, ausgekratzt, wieder zurückgeschickt, über die Seilbahn nach oben befördert und dort wieder neu gefüllt. Und all das ist harte Arbeit. Besonders in der knalligen Sonne und bei mittlerweile an die 40 Grad. 
Um nicht immer nur herum zu stehen, packe ich mit an und erfahre wie schwer ein zur Hälfte gefüllter Eimer mit Mörtel ist.
Und immer wieder kommen die Kinder mit Tüten voll Flaschen, die mit Wasser aus der Zisterne oder Tee gefüllt sind. Denn eines darf man bei der ganzen Arbeit und dem Stress nicht vergessen, das Trinken – und dies reichlich.

Und dann irgendwann hört man von Weitem das Klingeln. Erleichterung packt mich. Ich würde am liebsten alles fallen lassen und losrennen. Doch wie ich bemerke, haben es alle anderen nicht so eilig. Das Kind mit der Glocke läutet noch heftiger, aber nur langsam beginnen die Arbeiter ihre Plätze zu verlassen.

Es ist elf Uhr und endlich haben sich auch die Letzten oben auf den Bänken versammelt. Auf den langen Holztischen stehen drei große Bleche, voll mit saftigen Melonenstücken. Die Kinder greifen natürlich als Erste zu. Auf den Bänken wird es eng, denn hier müssen 42 Leute Platz finden.
Doch Streit um Plätze gibt es hier nicht, überall wird noch einmal zusammen gerückt damit auch der Letzte noch einen Platz bekommt. Auch bei der Melonenpause ist die Stimmung noch gut und trotz der großen Anstrengungen am Vormittag verstehen sich alle super.
Nach der kleinen Stärkung geht es noch einmal zurück an die Arbeitsplätze.
Der „Bürgermeister“ Mibi bietet mir an, mit ihm hinunter an die Küste zu fahren und dort das Wasser zu holen, mit dem die Trinkwasserzisterne und die Wassertonnen für den Mörtel gefüllt werden müssen. Noch weiß ich nicht genau wie das funktioniert, aber ich willige ein.

Endlich, schwer atmend oben an der Bergstation angekommen, sehe ich wie Mibi mit den zwei großen Mädchen von heute Morgen einen schweren Wassertank auf den blauen Pritschenwagen, der der gesamten Gruppe gehört, laden.
Die zwei Mädchen schwingen sich auf die Ladefläche des Wagens und bieten mir an hinauf zu kommen. Ich bin unsicher, da ich solche Fahrstile aus Deutschland nicht gewöhnt bin, doch sie versichern mir, dass das „total cool“ wäre und hier jeder so fahren würde. Also klettere ich auf den Wagen und es geht los.
Die beiden erzählen mir von ihrer letzten Fahrt, doch ich kann mich kaum darauf konzentrieren. Der Fahrtwind schlägt mir ins Gesicht und ich betrachte fasziniert die Landschaft. Überall stehen Olivenbäume und Schafe drängeln sich in den winzigen Schatten eines Baumes. Dann verlassen wir den Oliverhain und man hat freie Sicht über die gesamte Landschaft. 

Vor mir erstreckt sich die Küste. Aufgeteilt in viele farbige Felder und zwischendrin als kleine weiße Flecken die Häuser. Lange, weiße Strände säumen die gesamte Küste und dahinter liegt das tiefblaue Meer. Die Wellen bilden weiße Schaumkronen und weit hinten im Meer kann man die Insel Gavdos erkennen.

Zum Mittagessen sind wir zurück. Die anderen haben sich schon am Esstisch versammelt. Die Küchenfrauen bringen große Schüsseln mit Eintopf und alle schlagen kräftig zu.

Nach dem Essen ist die Arbeitszeit für diesen Tag beendet und jeder hat Freizeit. Manche bleiben noch sitzen, um einen Kaffee zu trinken und sich zu unterhalten, andere verschwinden in die Häuser um sich von der Sonne zu erholen und sich auszuruhen. Eine Gruppe von Freiwilligen spült und räumt auf.

Die Kinder sind nach kurzer Zeit schon wieder bereit zum Schwimmen und betteln bei den Erwachsenen um eine Fahrt zum Strand. Kaum sind wir am Strand angekommen stürzen sie sich in die Wellen.

Im Laufe des Nachmittags kommt auch der Rest der Gruppe am Strand an und abends sitzen dann alle zusammen in der „Erdnusskneipe“. Dies ist das Stammrestaurent, in dem jeden Abend gemeinsam gegessen wird. Und auch hier ist die Stimmung gut und man fühlt sich trotz des anstrengenden Tages nach dem Schwimmen total entspannt.

Gegen neun Uhr geht es wieder zurück ins Dorf und dort sitzen dann nochmal alle zusammen, trinken etwas, unterhalten sich und singen Lieder.

So sieht ein gewöhnlicher Werktag im Dorf aus. Das Wochenende ist frei für kleine Unternehmungen und zum Faulenzen.
Das Schönste für die Menschen in diesen zwei Wochen der Arbeit ist die Gemeinschaft. Jeder wird berücksichtigt und nach seinen Fähigkeiten eingesetzt. Und jeder wird so angenommen wie er ist.
Es kommen viele Menschen zusammen, viele davon kannten sich nicht und trotzdem verstehen sich alle gut. Dieses Projekt lebt am Meisten von dem Zusammenhalt in der Gemeinschaft und der Toleranz untereinander.

Copyright

nach oben