Kindesmisshandlungen und Emotionslosigkeit:
Buchvorstellung als Diskussionsbeitrag zu aktuellen Anlässen
- von Wolfgang Siebert -
Garbsen, 1.1.2008 - Täglich hören und lesen wir dieser Tage von Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen oder gar verhungern lassen. Wir erfahren von Misshandlungen kleiner Kinder bis hin zum Tode. Über die Hintergründe erfahren wir weniger, oft sind wir ratlos, manchmal lässt, was man hört, Leid und Hilflosigkeit auch seitens der Eltern erahnen. Hilflos sind auch die Reaktionen der Politik: Der Ruf nach mehr und verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen, nach mehr staatlichem Eingreifen und auch nach mehr Krippenplätzen ist eine sicher notwendige erste Reaktion, die allerdings auch etwas von Aktionismus an sich hat: kuriert sie doch nur an Symptomen. Was aber ist die Ursache für diese selbst zerstörerischen Tendenzen? - Was würde der Verhaltenforscher, der Biologe sagen, wen er eine Population beobachtet, die ihre eigenen Kinder tötet? - Was sagt der Soziologe, was der Historiker?
Dies sind offene Fragen. Eine öffentliche Diskussion dazu findet nicht statt, ja sie wird - wie auch die öffentlichen Reaktionen auf die offensichtlich provokanten Thesen der Eva Herman im vergangenen Jahr zeigten - von Berufsjournalistinnen und -journalisten sogar verhindert. Bisheriger Höhepunkt war jenes von Kerner in seiner Show inszenierte Tribunal am 9. Oktober des vergangenen Jahres. Gibt es da etwas, was wir nicht hören wollen, etwas, das wir nicht zur Kenntnis nehmen wollen?
Wenden wir uns einmal näher dem zu, was Eva Herman in ihrem vorletzten Buch scheibt, das nun auch als Taschenbuch erschienen ist:
Das Eva-Prinzip - Für eine neue Weiblichkeit.
In ihrem 3. Kapitel, "Das Drama der Kinder", schreibt Eva Herman z.B. (S.118 f):
"Auch die gegenwärtig ansteigende Aggression in unserer Gesellschaft hat ihre Wurzel meist in einer Kindheit, die von ständiger Angst vor dem Verlassenwerden bestimmt wurde."
Eine zu frühe Krippenerziehung (dazu bei gegeben schlechtem Personalschlüssel*), bei der das Kind immer wieder die Trennung von der Mutter erfährt, ohne bei einer anderen (nicht ständig wechselnden) Bezugsperson ähnliche Bindungen zu erleben, führt, so Herman, zu einer grundlegenden Verunsicherung der sich erst formierenden Persönlichkeit. Dies zeigten insbesondere Untersuchungen zur Auswirkung der frühen Krippenerziehung in der DDR, die zur Unfähigkeit führe, mit anderen zu fühlen (d.h. sich in sie hinein zu versetzen) und Bindungen einzugehen.
Im Alter von unter drei Jahren sei das Kind auch noch nicht reif für die Erziehung in einer größeren Gruppe. Hier zitiert die Autorin den Niedersächsischen Kriminologen Dr. Christian Pfeiffer, der die frühe Erziehung in der Gruppe auch für Rechtsradikalismus und ausländerfeindliche Übergriffe verantwortlich mache: Stark in der Gruppe, schwach als Einzelperson. - So wirke das Fremde auf denjenigen, der sein Selbstwertgefühl bloß aus einer Gruppe beziehe bedrohlicher, als auf jemandem, der dem Neuen als souveräne und selbstbewusste Person gegenüber treten könne...Diese um sich greifende Emotionslosigkeit, zu der auch die fehlende Antenne für die Bedürfnisse der Kinder gehöre, setze sich in der Folge der Generationen immer stärker fort. Die Autorin zitiert eine Stillberaterin aus Sachsen- Anhalt:
"Es ist selbstverständlich für die Eltern, die Verantwortung für die Kinder unmittelbar nach der Geburt abzugeben. Ist das Baby gerade auf der Welt, kümmert man sich um einen Krippenplatz, von denen wir hier im Osten ja noch genügend haben. Wir sind selber in frühester Kindheit fremdbetreut worden und ohne das geringste Bewusstsein für die dramatischen Auswirkungen folgen die meisten Mütter und Väter heute unhinterfragt ihrer eigenen Prägung. Das Motto lautet wie selbstverständlich: 'Wir mussten da auch durch!'"... (S.121)Soweit einige Auszüge, die zu dem eingangs angesprochenen Problem der Emotionslosigkeit dem eigenen Kinde gegenüber passen mögen.
Um einen Überblick über die gesamte thematische Spannbreite des Buches zu geben hier die Kapitelüberschriften:
Prolog 1. Lebenslüge Selbstverwirklichung - warum wir ihr alles opfern
2. Der geleugnete Unterschied - warum Adam nicht Eva ist
3. Das Drama der Kinder - warum wir in einer Eiszeit der Gefühle leben
4. Die bindungslose Gesellschaft - warum wir unseren Halt verlieren
5. Die Krise der Sexualitätv- warum wir unser Menschsein verspielen
6. Die Machtansprüche des Feminismus - warum wir unsere Weiblichkeit verdrängen
7. Der Krieg gegen die Männer - warum wir ihn uns nicht leisten können
8. Der Weg zur Versöhnung - warum das Eva-Prinzip uns retten kannDank
Es ist kein wissenschaftliches Buch, das Eva Herman geschrieben hat. Dies ist gleichzeitig seine Stärke und seine Schwäche: Das "Eva-Prinzip" ist leicht verständlich und sogar unterhaltsam geschrieben: lesbar und ob der vielen Bezüge und Beispiele erhellend auch für jemanden, der sich nicht gern mit Sachtexten befasst. Aber es ist besonders am Anfang, im Prolog und immer dort, wo sich die Autorin mit Feministinnen auseinander setzt, ein eiferndes, ein durch und durch parteiisches Buch, in dem die Rolle der Frau neu hinterfragt wird.Man tut Eva Herman aber Unrecht, wenn man oder frau ihr unterstellt, sie wolle die Frau 'zurück' an den Herd beordern. Die Autorin ist eine durch und durch emanzipierte Frau und baut selbstverständlich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau auf. Aber sie stellt die Frage, ob es wirklich noch eine Befreiung der Frau ist, ihr eine Rolle zuzuweisen, die der des Mannes so sehr gleicht. Oder gibt es vielleicht ein anderes Selbstverständnis für die Frau, das stärker an Weiblichkeit orientiert ist, als der bloß formale, an sich ja inhaltslose, Karrierebegriff, dem die meisten Männer folgen (müssen)? - Auch Männer, verunsichert von Rollenzuweisungen zwischen "Softie" und "Macho" lehnten es zunehmend ab Verantwortung für eine Partnerschaft oder gar Familie zu übernehmen...
Was den Wert des Buches als Diskussionsbeitrag für den Zustand unserer Gesellschft noch deutlich erhöht hätte wären Fußnoten mit konkreten Verweisen auf weiter führende Literatur, d.h. ein Anhang mit Literatur- und Quellenverzeichnis. Dies hätte hier und da gewiss auch die Autorin zu noch mehr an gedanklicher Klarheit und Strenge veranlasst.
Dennoch halte ich das "Eva-Prinzip" für lesenswert. Es setzt mit seiner Intention, unterfüttert mit seiner Fülle von Beispielen, Erfahrungen und Aussagen aus der Wissenschaft einen wohltuenden Kontrapunkt zum gegenwärtigen medialen und politisch verkündeten gedanklichen Mainstream, der in seiner selbstgefälligen Selbstsicherheit schon fast ein wenig unanständig wirkt. Es lohnt sich Alternativen zu denken - auch wenn man Eva Herman nicht in allem folgen mag.
Eva Herman: Das Eva-Prinzip - Für eine neue WeiblichkeitPendo-Verlag, München und Zürich 2006
Gebundene Ausgabe 264 Seiten, 18 Euro
ISBN 3-86612-105-9Taschenbuchausgabe:
Goldmann Taschenbuch-Verlag München 2007
251 S. 8,95 Euro
ISBN 3-442-15462-6* Das Verhältnis Erzieher - betreute Kinder in Finnland betrage 1 zu 4, in Deutschland aber 1 zu 14! Das heißt eine Erzieherin habe bei uns vielerorts 14 und mehr Säuglinge und Kleinkinder zu betreuen! (zurück in den Text)