| Garbsen, den 27.6.2008 – Nicht jede Lehrerrede zu einer zur Abitur-
Entlassungsfeier sollte anderntags in der Zeitung stehen. Doch bisweilen
gelingt so eine Ansprache an die Schulöffentlichkeit auf eine Weise,
die aufhorchen lässt. – So geschehen am vergangenen Freitag in Garbsen,
zur Entlassung der Schülerinnen und Schüler des Johannes- Kepler-
Gymnasiums. Der Redner war Oberstudienrat Claus
Peter Freitag; er unterrichtet die Fächer Deutsch, Philosophie
und 'Werte und Normen'.
Eine 'Abirede' lebt von ihrem Vortrag, von Gesten, von Anspielungen auf Schulinterna, Unterrichtsgeschehen und Tagespolitik. Da all dies in einem Internetmedium ohnehin nicht transportiert werden kann, wurde die Rede gekürzt – teilweise auch um das immer wiederkehrende Motto der Rede: "PANTA RHEI", eine Aussage, die dem alten griechischen Philosophen Heraklit zugesprochen wird und die vordergründig so viel bedeutet wie "alles fließt". Im Wesentlichen geht es aber zunächst um die Frage: Was ist Bildung? (W.Siebert)
|
Kein anderes Thema erregt zur Zeit die Gemüter so heftig, wie die Bildungsfrage. Von einer Bildungsmisere ist bei den harmlosen Schwätzern, von einer Bildungskatastrophe bei den weniger harmlosen Untergangspropheten die Rede, die allenthalben kräftig an der Pisa- Orgel drehen. Hunderte von theoretischen und begrifflichen Ausschärfungsversuchen von der Bildung über die Halbbildung bis zur Unbildung hat es in letzter Zeit gegeben und wird es unausweichlich weiter geben. Also wollen wir heute Abend einmal einen frischen Blick auf die Bildung tun und gemeinsam sehen, was sich da herausfinden lässt. Da fällt unser Blick natürlich wie von selbst auf den Schüler als das primäre Objekt aller Bildungsbemühungen. Hier hilft uns, wie so häufig, Bildungsobermufti und Universalzitatenspender Goethe weiter, dessen klassisches Konzept menschlicher Bildungsprozesse Generationen von Schülern befruchtet hat. In der Tragödie um den Doktor Faustus hat Goethe jenem ewig nach tiefer und umfassender Erkenntnis strebenden Menschen ein unsterbliches Denkmal gesetzt. Und es ist recht eigentlich auch ein Denkmal für den nie rastenden und ruhenden Schüler, der bei allen Rückfällen und Schwächeleien, bei allem Zagen und Zaudern sich seines eher noch dunklen Dranges nach Bildung doch immer bewusst ist. Alles drängt ihn zum Abitur. In der im folgenden dargebotenen Faustszene
treffen wir auf den kurz vor seinem Abitur- Abschluss stehenden, von seinen
finalen Bildungsanstrengungen wieder einmal völlig frustrierten
Schüler, der mit allen Kräften versucht zum Abitur zu gelangen.
(…) Die ersten 6 Zeilen des Folgenden werden Ihnen vielleicht noch bekannt
sein aus der eignen Schulzeit:
|
Schüler: |
Statt uns nun mit dem im Original folgenden Selbstmordversuch Faustens zu betrüben, wenden wir uns lieber einer positiven Füllung des Bildungsbegriffs zu: Was ist Bildung, wie wirkt sie, wer kann sie erringen? Ein Rückgriff auf wirkungsmächtige Gestalten der Vergangenheit hilft da leider nur eingeschränkt weiter. (… ) Schmeißen wir also die historischen Altlasten über Bord und wagen wir einen frischen Blick auf die Bildung: Dem Schweizer Philosophen Peter Bieri, den einige unter Ihnen auch als den Romanschriftsteller Pascal Mercier kennen (z.B. Nachtzug nach Lissabon), verdanken wir den folgenden Gedanken: Bildung ist etwas, das Menschen mit
sich und aus sich machen. Man bildet sich, man kann nicht andere
bilden oder von anderen gebildet werden. - Man kann zwar andere ausbilden,
was wir ja auch mit euch erfolgreich versucht haben, aber man muss sich
schon selber bilden. Bildung empfängt man überhaupt nicht
passiv, sondern erarbeitet man sich aktiv.
Weiterhin: Ein Satz wie: “Nun bilde ich
mich mal zwei Jahre, damit ich dann gebildet bin“, klingt schon etwas seltsam
und Kopfschütteln wird auch der ernten, der seine Mitwelt mit folgendem
Gedanken überrascht: „Jetzt habe ich mich genug gebildet, nun reicht's.“
Zur Möglichkeit von Bildung gehören bestimmte Grundeinstellungen, von denen die Neugierde sicherlich eine ganz wichtige ist. Wer aufgehört hat, neugierig zu sein, der hat auch schon mit der Bildung abgeschlossen. Dabei ist es unerheblich, ob man sich für Atome oder Galaxien interessiert. Entscheidend für die Bildung ist, dass man sich überhaupt ein Bild machen will vom Zustand der Welt und des Menschen und von sich selbst natürlich auch. Es ist ja schon ein Allgemeinplatz geworden,
dass die Wissensmenge so enorm zugenommen hat, dass heute niemand mehr
auch nur sein eigenes Fachgebiet vollständig überblicken kann.
Spezialistenkenntnisse gehören dann wohl auch nicht zur Bildung, sind
ihr andererseits aber auch nicht hinderlich, obgleich der echte Fachidiot
natürlich hochgradig ungebildet ist. Was man braucht zur Bildung
ist so etwas wie ein Kompass, oder heute würde man wohl das Navigations-System
nehmen, das bei uns Menschen in Bildungsfragen so etwas wie ein Gespür
für Zahlen, Relationen und Proportionen.
Zur Bildung gehört auch, dass man
im Wesentlichen die Wertigkeiten von Personen und Ereignissen einzuschätzen
weiß und dadurch einen Sinn für Proportionalität aufweist.
Die Erfindung der Playstation gereicht uns zur Freude und ist sicher
ein Meilenstein auf dem Wege der Kinderbetreuung, der Röntgenapparat
ist für das Glück dieser Welt aber weitaus wesentlicher.
|
Aber
wozu
dieses Bildungs- Navi- system? - Ganz einfach, wie das echte Navisystem
zeigt auch dieses uns Wege und gibt Orientierung. Wer es hat, wird nicht
so leicht getäuscht, er ist gefeit gegen Manipulationen unterschiedlichster
Art, Bildung schützt in diesem Sinne gegen die Zumutungen der Politik,
gegen die Wirklichkeits- Verzerrungen der Medien, gegen die systematische
Verdummung der Werbung.
Auch der Umkehrschluss ist erlaubt: Wer den hirntötenden Manipulationen von Sektenversprechen erlegen ist, der kann nicht gebildet sein. Vor all diesen Zumutungen schützt Aufklärung und sie ist wohl denn auch ein wesentlicher Bestandteil von Bildung. Zur Bildung, will sie gelingen, gehört
wesensmäßig auch ein historisches Bewusstsein, ein Wissen
um die historische Gewachsenheit des eigenen Kulturkreises. Wer nicht wissen
will, aus welchen Quellen sein Denken und Fühlen sich speist, der
kann auch nicht mit dem nötigen Abstand auf sich selber blicken. Diese
Distanz
von sich selbst braucht der Mensch aber, um die geschichtliche
Zur Bildung gehört auch ein hohes
Maß an sittlicher Integrität. Wir saugen die Moral unserer
Gesellschaft zunächst mit der Muttermilch ein und es ist gut und wichtig,
dass wir unsere Vorstellungen von Richtig und Falsch zunächst absolut
setzen und nicht hinterfragen. Aber eine gelingende Identitätsbildung
heißt, dass wir irgendwann beginnen, die Möglichkeit in Betracht
zu ziehen, dass das, was wir für gut und richtig halten, vielleicht
falsch ist, oder zumindest in den Augen anderer berechtigterweise für
falsch gehalten wird. Hat man diese Relativität der sittlichen
und religiösen Lebensformen erkannt, bietet dies schon einen gewissen
Schutz vor Intoleranz und Besserwisserei. Dem Gebildeten steht kein Standort
außerhalb des sittlichen Universums zur Verfügung, kein archimedischer
Punkt, von dem aus sich klar das Gute und das Böse ausmachen ließe.
In diesem Sinne ist Bildung dann das stete
Bemühen um die sicher schwierige Balance zwischen den eigenen und
den fremden Ansprüchen.
|
Vieles wurde in meinem kleinem Ausflug in die Welt der Bildung gesagt und häufig wurde dabei Heraklits „Panta Rhei“ bemüht, jener Sinnspruch, der immer wieder dann auftaucht, wenn ein Redner auf die Vergänglichkeit, die Flüchtigkeit und die Schnelllebigkeit der Welt hinweisen will. Alles ist im Fluss, nichts bleibt, wie es war, immer neue Erkenntnisse und Meinungen verdrängen das Althergebrachte... Um nun, zum Schluss meiner kleinen Rede,
dem geschätzten Auditorium ein angemessenes und lange erwartetes
Bildungsquantum zukommen zu lassen, soll Heraklits „Panta Rhei“ noch ein
wenig Aufmerksamkeit zuteil werden.
Die Allerwelts-Interpretation richtet ihr
Augenmerk erkennbar und leider etwas vorschnell auf die ständig wechselnden
Wasser, um ihr „Alles fließt“ zu unterstützen. Die philosohpiegeschichtlich
korrekte Deutung muss aber auch den ersten, ungleich wichtigeren Teil des
Fragmentes beachten:
Es fließt also nach Heraklit nicht alles, es fließt nur das Oberflächliche der Sinnenwelt, während, metaphorisch ausgedrückt, hinter den Erscheinungen sich das eigentliche Sein, das Wesentliche abspielt, eingebettet in die ehernen Gesetze des Logos, der Weltvernunft. Also ab jetzt kein pata rhei mehr, bitte
schön.
|
|
nach oben jkg.leine-blick.de www.LeineBlick.de |