Berichte aus Afghanistan 2004

Inhalt:
Was konnte in knapp zwei Jahren Lehrerfortbildung erreicht werden?
Leben in Afghanistan: Personalbürokratisches





OFARIN  berichtet aus Afghanistan:
Was konnte in knapp zwei Jahren Lehrerfortbildung erreicht werden?
-  von Peter Schwittek  -
Kabul, im Dezember 2004 - Die Schwierigkeiten, die man hat, wenn man etwas in einem Entwicklungsland ändern will, sind meist in der ganz anderen Gesellschaftsstruktur begründet. Und an der Gesellschaft eines anderen Landes kann man nur wenig ändern oder gar nichts. Man muss die Gesellschaft des Gastlandes so nehmen, wie sie ist. Man muß sie gründlich kennen lernen. Danach muß man nach Mitteln und Wegen suchen, auch in dieser fremden Gesellschaft die als richtig erkannten Ziele zu verfolgen. Wenn man dann etwas erreicht hat, kann man hoffen, daß das neu Geschaffene auf die Gesellschaft einwirkt und diese so doch etwas verändert. 


Im ländlichen Afghanistan ist Unterricht für Mädchen ein Mangel. Wenn wir aber schöne Mittelpunktsschulen für Mädchen bauen und übersehen, daß die Mädchen ihre Dörfer nicht verlassen dürfen, sind wir gescheitert. Die afghanische Regierung kann die Bauern nicht mit Polizeigewalt dazu zwingen, ihre Töchter in die Mittelpunktsschule zu schicken. Keine Macht der Welt wird das gegen die ländliche Gesellschaft durchsetzen. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen, wenn wir wollen, daß Mädchen auf dem Land etwas lernen. Dazu muß man ein Konzept haben, mit dem die Bevölkerung einverstanden ist und das es den Mädchen ermöglicht, etwas zu lernen. Und dann muß man anfangen, ausprobieren, beobachten, abändern, anpassen und vieles wieder neu beginnen. Und man muß immer darauf achten, daß man enge Kontakte zur Bevölkerung hält und deren Vertrauen nicht verliert. Wenn dann die Mädchen etwas gelernt haben und danach die kleinen Schwestern und später auch die Töchter der Mädchen, wird sich im Zusammenleben der Familien und Dorfgemeinschaften einiges ändern. Die dörfliche Gesellschaft wird nicht mehr die gleiche sein. 

Klar ist, daß Entwicklungsprojekte nur sehr langsam vorankommen können und daß sich sehr vieles nicht vorausplanen läßt. Viele Entwicklungshelfer werden aber von ihren Zentralen oder Geldgebern genötigt, ihre Programme schon frühzeitig bis ins Detail zu planen. Meist klappt dann vieles nicht so, wie es der Entwicklungshelfer anfangs gedacht hatte. Aber für nachträgliche Korrekturen haben die fernen Sachbearbeiter meist wenig Verständnis. Entwicklungshelfer, die sich in einer solchen Abhängigkeit befinden, können nur erklären, warum sie welchen Mißstand oder Mangel bekämpfen und warum das nicht einfach ist. Über tatsächliche Erfolge können nur sehr wenige Entwicklungshelfer berichten. Erfolge gibt es auch kaum nach kurzer Zeit. Hinzu kommt, daß der ausländische Entwicklungshelfer erst langsam einen Blick für die eigenen Erfolge bekommt. Anfangs erkennt er einen Mißstand. Er hat eine Vorstellung davon, wie es „eigentlich“ sein müßte. Diese Vorstellung hat er meist aus seinem Heimatland mitgebracht. Der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist gewaltig. Auch wenn sich dann kleine Fortschritte einstellen, mißt er sie an seinen Zielvorstellungen und ist enttäuscht.

Sie, lieber Leser, sind nun ausreichend darauf vorbereitet, daß ich neben meine Klagen über die Mühen der Arbeit noch immer keine triumphalen Erfolgsmeldungen setzen kann. Nach dem Sturz der Taliban musste die Zielsetzung unserer Arbeit in den Moschee- Schulen revidiert werden. Die Qualität des Unterrichtes rückte ins Visier. Schulunterricht in Afghanistan nimmt den Kindern das Selbstbewusstsein. Die Schülerinnen und Schüler werden zur Unselbständigkeit erzogen. Gelernt wird fast nichts. Eine befreundete Hilfsorganisation schult Frauen, die dann auf dem Land Kurse über Hygiene, Schwangerschaft und Säuglingspflege abhalten. Die Dame, die diese Ausbildung leitet, erzählte, dass sie nur noch Analphabetinnen schulten. Die Ausbildung von Frauen, die eine Schule besucht haben, sei zu mühsam. 

Hat OFARIN Fortschritte hinsichtlich der Qualität des Unterrichtes erzielt? Ein großer Teil der Arbeit ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Dauernd halten wir Kurse für Lehrer ab – mal in der Provinz, mal im OFARIN- Büro. Bücher für Lehrer werden geschrieben, übersetzt und immer wieder überarbeitet. Täglich besuchen Teams den Unterricht in irgendwelchen Moscheen. Überall sehe ich Fehler. Und nachdem etwas zum dritten Mal durchgesprochen worden ist, wird es immer noch falsch gemacht. Will man Fortschritte erkennen, muß man Abstand nehmen und sich überlegen, wie alles vor einem oder zwei Jahren ausgesehen hat.

Vor zwei Jahren hatten unsere Trainerinnen und Trainer noch gar nichts verstanden. Jetzt können sie in Mathematik gut erklären, wie die verschiedene Aufgaben angepackt werden sollen. Sie haben einen Blick dafür, welche Fehler die Lehrer beim Unterrichten machen. Einige von ihnen haben sich der Arbeit für unser Programm mit Haut und Haaren verschrieben.

Im Sommer 2003 haben wir die erste Lehrerfortbildung außerhalb von Kabul durchgeführt, in der Provinz Logar. Unsere Trainer hielten einen schlechten Unterricht und die Lehrer da draußen waren noch schlechter. Am zweiten Tag wollte ich voller Verzweiflung wieder abreisen. Inzwischen wurde das Programm in Logar erheblich erweitert. Und es ist gut geworden. Einer unserer Trainer lebt im Projektgebiet. Zusammen mit den vier besten Lehrern kontrolliert er den Unterricht. Dieses Team hat erstaunliches geschafft. 

Sehr gut laufen die Schulen für Frauen und junge Mädchen. Wir denken bereits daran, den besten Schülerinnen dieses Programmes kleinere Aufgaben beim Unterricht in den Anfängerklassen zu übertragen.

In den Kabuler Moschee-Schulen ist der Unterricht dort am besten, wo das Kollegium nicht aus ausgebildeten Lehrern besteht, die außerdem noch an staatlichen Schulen unterrichten. Die Arbeit solcher „echten“ Lehrer konnte nur verbessert werden, indem sich einzelne Trainer einige Wochen lang speziell um einen oder zwei Lehrer kümmerten.

Einfacher als befürchtet, läßt sich der Unterricht in der Muttersprache verbessern. In den Klassen für Frauen und junge Mädchen haben wir darauf hingewirkt, daß die Lehrerinnen über jeden Satz, der gelesen wird, Fragen stellen. Die Frauen und Mädchen konnten alle nach wenigen Monaten gut und „sinnentnehmend“ lesen. Das heißt: Sie verstehen den Inhalt der Sätze, die sie lesen. 

Insgesamt sind die Fortschritte nicht spektakulär. Aber es gibt welche. Und es besteht die Hoffnung, daß noch einige hinzu kommen.

Dezember 2004 

Peter Schwittek
Mit dieser kleinen ersten Bilanz werden wir, die in den letzten Monaten unterbrochene Berichterstattung aus Afghanistan fortzusetzen. Im Archiv  finden Sie vorerst nur die Artikel von 2001 bis Dez.2002. In den Jahren 2003/04 erschienene Berichte werden demnächst dort auch aufgenommen....
Mehr über OFARIN finden Sie hier.


Leben in Afghanistan:
Personalbürokratisches
- von Peter Schwittek -

Peter Schwittek arbeitet seit vielen Jahren für die deutsch-afghanische Hilfsorganisation OFARIN. Wie bereits mehrfach in den Jahren seit 2001 (siehe Archiv), wird der LeineBlick in den kommenden Wochen immer wieder einmal sowohl über die Arbeit von OFARIN als auch über das Leben und die Verhältnisse in Afghanistan berichten. Letzteres soll mit der kleinen Artikelreihe ' Leben in Afghanistan', wie durch ein paar Spotlights punktuell beleuchtet werden.

(Wolfgang Siebert)
 


Personalbürokratisches
Die Familie eines Kollegen ist aus der Provinz Logar nach Kabul gezogen. Jetzt will der Mann seine beiden schulpflichtigen Söhne in eine Kabuler Schule schicken. "So geht das nicht", sagt ihm der Schulleiter. "Zuerst muß die Schule, in die Ihre Kinder bisher gegangen sind, einen Brief an ihre Bezirksbehörde schreiben. Die schreibt dann an das Schuldezernat der Provinz Logar, und das schreibt ans Erziehungsministerium. Dieses schreibt an das Schuldezernat der Stadt Kabul. Und die Stadt Kabul schreibt an den zuständigen Stadtbezirk. Von dort geht schließlich ein Schreiben an die Schule, in die Ihre Kinder eingeschult werden." 

Der Kollege ist entmutigt. Die genannten Behörden sind natürlich nicht elektronisch miteinander verbunden. Man muß täglich bei der Station fragen, wo sich der "Vorgang" gerade befindet, ob der Brief für die nächste Station fertig sei. Wenn der Brief geschrieben ist, muß man ihn selber zur nächsten Station befördern. Der Beamte, der den Brief schreiben muß und sein Chef, der ihn unterschreiben soll, sind oft nicht hinter ihren Schreibtischen zu finden. Der eine besucht heute eine Trauerfeier der Schwester eines entfernten Freundes, der andere geht morgen auf die Hochzeit des Sohnes eines ehemaligen Kollegen. Sind aber die wichtigen Herren alle anwesend, so haben sie kein Interesse daran, die Arbeit des Briefschreibens und -unterschreibens schnell hinter sich zu bringen. Im Gegenteil. Der afghanische Bürger muß erfahren, daß ein armer Beamter nur fünfzig Euro im Monat verdient und deshalb nicht den geringsten Grund hat, sich zu beeilen. Der Bürger versteht und sorgt für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Briefersteller.

Aber trotz solcher Beschleuniger braucht der "Vorgang" etliche Wochen, bis er an ein gutes Ende gelangt. Der entnervte Kollege fragt daher den Schulleiter, ob er seine Söhne wenigstens schon jetzt als Gastschüler in die Kabuler Schule schicken darf, damit sie nichts versäumen. "Nein, schließlich muß man in Kabul genau wissen, wen man in die Schule läßt. Sie müssen wie jeder andere die Vorschriften einhalten. Ihre Kinder können erst in Kabul in die Schule gehen, wenn der Vorgang abgeschlossen ist."

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(regelmäßig seit September 2001)
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