Im Mai erneut in Afghanistan

Aufforstung mit Nussbäumen: Besprechung (4. von rechts: Dr. Peter Schwittek)

Seit Anfang Mai war ich in Kabul und wollte hier zusammenfassen, was ich erlebt habe. Doch das meiste Berichtenswerte hat sich erst gegen Ende meines Aufenthaltes ergeben. So habe ich den Bericht erst nach meiner Heimreise etwas verspätet begonnen und ihn – auch mit Rücksicht auf Sie, liebe Leser, in zwei Teile zerlegt, die nacheinander verschickt werden.

Das Wetter ist dieses Jahr in Afghanistan ungewöhnlich niederschlagsreich. Die Flüsse sind randvoll. Es gibt immer wieder heftige Niederschläge. Vor einem Jahr sind wir auf dem Boden des Flussbetts des Logar-Flusses herumgefahren. Das ist dieses Jahr undenkbar. Für Afghanistan ist das zweischneidig. Hunderte von Menschen sind bereits bei Erdrutschen und Überflutungen ums Leben gekommen, insbesondere in der nordöstlichen Provinz Baghlan. Für die Landwirtschaft ist das Wetter aber erfreulich.

Eigentlich sollte im Mai ein Film über OFARIN und das Krankenhaus in Chak für ARTE gedreht werden. Die Dreharbeiten in Afghanistan sollte Carsten Stormer übernehmen, der schon 2017 die Aufnahmen für den 2018 gezeigten Film von ARTE gemacht hatte. Carsten hatte schon frühzeitig ein Journalisten-Visum beim afghanischen Außenministerium beantragt, erhielt aber zunächst keine Antwort. Er kam Anfang Mai mit viel Ausrüstung nach Kabul. Seine Drohne wurde vom Zoll festgehalten. Aber ein Journalisten-Visum wurde ihm in aller Freundlichkeit verwehrt, obwohl sich unsere im Umgang mit afghanischen Behörden erprobten Kollegen massiv einsetzten, und auch die Freunde von der Trägerorganisation des Krankenhauses in Chak-e-Wardak fast täglich beim afghanischen Konsulat in München vorsprachen. Carsten reiste unverrichteter Dinge ab – immerhin mit Drohne.

Er hat aber eine Kollegin aufgetan, die bereit ist, etwas später – wenn möglich mit Journalistenvisum – die noch möglichen Aufnahmen zu machen. Viel Zeit ist nicht, denn ARTE hat feste Pläne den Film bereits im August auszustrahlen.

Ein für ein solches Vorhaben geeignetes Visum muss beim Wirtschaftsministerium beantragt werden. Als Hilfsorganisation sind wir bei diesem Ministerium registriert. Dieses Ministerium kann unsere Öffentlichkeitsarbeit durch die Erlaubnis der Dokumentation unserer Aktivitäten fördern. Dafür gibt es eine spezielle Dreherlaubnis, jedoch kein allgemeines Journalistenvisum – immerhin. Die Filmkünstlerin hat uns inzwischen, die behördlich erwünschten Dokumente zugeschickt. Wir hoffen, dass man ihr die Aufnahmen ermöglichen wird.

Allerdings ist das, was jetzt noch von den ursprünglichen Filmplanungen übrig ist, für uns ernüchternd. Carsten hatte aus Zeitgründen ursprünglich geplante Aufnahmen von den Nussbaumpflanzungen in Khost aus dem Programm genommen.

OFARIN hatte sich auf Grund der Schwierigkeiten im Erziehungsbereich, die die Erweiterung dieses Programmes derzeit behindern, auf die gewaltige Wiederaufforstung mit Nussbäumen konzentriert. Die ist bisher in beeindruckender Weise gelungen. Unserer Begeisterung ist groß. Die Bewunderung der ganzen Provinz Khost ist uns gewiss. Aber in den Film sollte das Projekt nicht.

Andere sahen das anders. Mehrere afghanische Film- und Fernsehagenturen hatten bereits über das Projekt berichtet; so auch die afghanische Agentur „Scham-Schad Radiotelevision“.

Das Paschtu-Programm der Stimme Amerikas (VoA) übernahm eine gestraffte Fassung der Scham-Schad-Reportage und strahlte die aus. Andrerseits ist unser Mitarbeiter Rachmanullah freundschaftlich mit der Belegschaft von Scham-Schad verbunden. So konnte Rachmanullah für OFARIN mit Geräten von Scham-Schad eine eigene Reportage drehen, die sich vom Aufbau her an den Scham-Schad-Bericht anlehnt. Es sei zugegeben, dass die Reportagen wenig Optisches von der Arbeit zeigen, die OFARIN geleistet hat. Die Setzlinge sind dürre Stecken. Die meisten haben noch keine Blätter angesetzt. Carsten hatte gehofft, Arbeiter aufnehmen zu können, die Gruben graben. Doch diese Arbeiten mussten schon im Winter erledigt sein. So geht es bei Scham-Schad, bei VoA und auch bei unserem eigenen Bericht in erster Linie um die Botschaft – um die Anzahl der Bäume, die bepflanzte Fläche, die Kosten, die erhofften Auswirkungen und um den Eindruck bei den betroffenen Menschen, während der derzeitige Zustand des Projektes optisch nicht viel bietet.

Aber die Nussbaum-Pflanzung hat viele Aspekte. Für OFARIN ist sie noch lange nicht beendet. Wir sind noch drei Jahre für das Projekt verantwortlich. Tag und Nacht sind fünf Mitarbeiter im Projektgebiet. Denen muss unbedingt ein Haus gebaut werden. Sie haben schon mehrere Nächte im Regen verbracht. Sie verhindern, dass Bauern ihr Vieh in die Nussbaumpflanzungen treiben. Sie halten die Gruben in Ordnung, die Niederschläge für jeden Baum sammeln. Sie beobachten die Entwicklung der Setzlinge und entfernen abgestorbenes Holz.

Außerdem hat sich OFARIN verpflichtet, jährlich zehn Fortbildungsveranstaltungen für die Bevölkerung des Projektgebietes durchzuführen. Das Projektgebiet ist weit und zerklüftet. Die Fortbildungen finden immer an anderen Orten statt. Naqib, unser afghanischer Projektmanager, hatte gerade eine solche Veranstaltung mit Stammesangehörigen durchgeführt. Dazu stellt er jeweils Plakate auf, auf der der Zusammenhang zwischen Bewaldung und Umwelt teilweise drastisch auf den Punkt gebracht wird. Die Bilder zeigen einige dieser Plakate. Über 40 Teilnehmer waren gekommen. Der Ablauf der Versammlung war zeitlich strukturiert. Zunächst sprachen Naqib und lokale Mitarbeiter von OFARIN. Sie erklärten insbesondere den Ablauf der Erosion und wie dieser Vorgang durch die neuen Bäume rückgängig gemacht und neuer Mutterboden aufgebaut wird. Dann hatten die Einheimischen die Möglichkeiten, ihre Meinung zu sagen. Danach gab es Tee und es wurde unter- und durcheinander geredet und dann wurde schließlich noch einmal geordnet diskutiert. Die vorgesehen Dauer der einzelnen Abschnitte konnte im Eifer der Diskussionen nie eingehalten werden.

Der Stolz auf das bisher gelungene Werk sorgte dafür, dass die Meinungsäußerungen der Einheimischen durchweg positiv waren. Ältere Teilnehmer erinnerten sich an die Zeiten, als die Gegend noch weitgehend bewaldet war. Damals habe es regelmäßiger geregnet und die Luft war kühler und sauberer. Religiöse Aspekte wurden erwähnt: Jeder Baum sei ein Lebewesen und bete Gott an. Und Gott erweise der Gegend, aus der er angebetet werde, seine Huld.

Schließlich gab es Vorschläge die Aufforstung auf eigene Faust weiter voran zu bringen. Jede Familie könne doch jedes Jahr selber einen Baum pflanzen. Zu diesem Aufwand sei jeder in der Lage. Dann kämen in wenigen Jahren auch schnell ein paar Tausend Bäume zusammen. Naqib war stolz auf diese erfolgreiche Fortbildung. Wir denken daran, eine solche Veranstaltung selber aufzunehmen und aus den Höhepunkten einen kleinen Film zu machen.

Auch ohne filmische Absichten sind Kollegen von OFARIN mit mir nach Khost gereist und haben im Projektgebiet mit Mitarbeitern und Vertretern der Bevölkerung gesprochen.

 

Herzliche Grüße

Peter Schwittek.