Riss-Reaktor Neckarwestheim: Der unerkannte Störfall

Die Risse im AKW Neckarwestheim‑2, von der Stuttgarter Atomaufsicht bisher als „Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung“ behandelt, sind in Wahrheit als gefährlicher „Störfall“ der INES-Kategorie 2 zu werten, auf einer Stufe mit dem Beinahe-GAU im schwedischen AKW Forsmark im Jahr 2006. Zu diesem Ergebnis kommt einer der ehemals ranghöchsten Atomaufseher im Bundesumweltministerium, Ministerialrat a.D. Dr.-Ing. Dieter Majer, in seiner im Auftrag von .ausgestrahlt angefertigten aktuellen gutachterlichen Stellungnahme zum AKW Neckarwestheim. Dem Streit um den Umgang mit der gefährlichen Spannungsrisskorrosion in den Dampferzeugern des AKW gibt das noch mal eine neue Dimension.

Majer bestätigt in der Stellungnahme, wovor .ausgestrahlt seit Jahren warnt: im AKW Neckarwestheim‑2 besteht die akute Gefahr, dass unter hohem Druck stehende, von radioaktivem Wasser aus dem Reaktorkern durchflossene Rohre spontan brechen oder abreißen. Das wäre ein schwerer Kühlmittelverlust-Störfall, der sich bis zur Kernschmelze entwickeln kann. Im SWR-Politmagazin „Zur Sache Baden-Württemberg“, das gestern Abend über die Expertise berichtet hat, fordert Majer, den Reaktor umgehend stillzulegen – bis die Ursache der Risse vollständig behoben ist.

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Am Handeln des baden-württembergischen Umweltministeriums in Sachen Neckarwestheim lässt Majer kein gutes Haar. Dieses missachte und ignoriere die Vorschriften des kerntechnischen Regelwerks, mache sich fragwürdige und selbst offenkundig unplausible Einschätzungen des TÜV und anderer Gutachter unhinterfragt zu eigen und verletzte damit seine atomgesetzliche Aufsichtspflicht.

Zur gutachterlichen Stellungnahme von Dipl.-Ing. Dieter Majer, Ministerialrat a.D. (PDF)

Das Stuttgarter Umweltministerium, einem grünen Minister unterstellt, ließ eine Interview-Anfrage des SWR zum Thema unbeantwortet, verwies dann aber gestern darauf, es gebe keinen neuen Sachstand. Das ist richtig: Das AKW Neckarwestheim‑2 hätte spätestens seit Herbst 2018 nicht mehr ans Netz gehen dürfen. Die Ursachen der Rissbildung, der gefährlichen Spannungsriss-Korrosion an den Rohren, sind seit Jahren und bis heute nicht vollständig behoben. Der angebliche „Leck vor Bruch“-Nachweis war für von Spannungsrisskorrosion betroffene Rohre schon immer ausgeschlossen. Der Störfall, ein INES-2-Ereignis, geht immer noch weiter. Die Gefahr ist immer noch akut. Das Ministerium hat sie sogar noch vergrößert, indem es EnBW erlaubt hat, den Reaktor statt neun nun sogar wieder elf Monate ohne Risskontrollen zu betreiben – zwei Monate mehr Zeit also für die Risse, sich durch die Rohre zu fressen.

Für eine grün geführte Landesregierung, die vor zehn Jahren auch auf der Welle der massiven Anti-Atom-Proteste nach Fukushima ins Amt gehievt wurde und die zudem – EnBW ist ein Staatskonzern – Quasi-Eigentümerin des Riss-Reaktors ist, ist das eine desaströse Bilanz.

Auch in Fukushima waren die Gefahren lange bekannt. Aufsichtsbehörden und Betreiber haben sie ignoriert – bis es am 11.03.2011 dann zur Katastrophe kam. Was muss in Neckarwestheim noch passieren, bis das AKW endlich vom Netz geht?

– Eine Meldung von .ausgestrahlt.de –

Weitere Infos: https://www.ausgestrahlt.de/informieren/atomunfall/gefahr-neckarwestheim